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Boston
Medical Library
8 the fenway
Die
Therapie des Auges
mittels des
farbigen Lichtes.
I**
DIE
THERAPIE DES AUGES
MITTELS DES
FARBIGEN LICHTES,
LEHRBUCH
DR- LUDWIG BOEHM,
Geheimen Medicinal - Rath und Professor an der Universität zu Berlin.
Mit zwei Tafeln in Farbendruck.
Berlin, 1862.
Verlag von August Hirschwald,
Unter den Linden 68.
J- ££? /&7.
UisH
Inhalt.
Seit«
Vorwort I
I. Physikalische Vorbemerkungen 1
1) Das Licht 1
2) Die Brechung des Lichtes 2
3) Die Zerlegung des Lichtes in Farben. . . 3
II. Das blaue Licht als therapeutisches Mittel ... 6
III. Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen
Lichtes (im Vergleiche mit dem weissen und
den übrigen farbigen Lichtern) 11
1) Das blaue Licht ist brechbarer 11
2) Das blaue Licht ist schonender 15
3) Das blaue Licht ist wahrnehmbarer ... 21
4) Das blaue Licht ist dauergebender .... 25
IV. Der technische Apparat zur Verwendung des
blauen Lichtes 28
V. Die grauen Augengläser (Rauchgläser) 37
VI. Ueber die binocularen Combinations - Störungen
als besonderes Krankheitsgebiet, und über die
darauf bezügliche Heilmethode, das blaue Licht
für das rechte und linke Auge — inwieweit
beide verschieden sind — auch verschieden ab-
zustimmen 45
VII. Physiologische Erscheinungen, welche bei ver-
schieden blauen Lichtströmen in der centralen
VI
Seite
Verbindung gleich sehkräftiger Netzhäute wahr-
genommen werden 85
VIII. Pathologische Erscheinungen, welche bei ver-
schieden blauen Lichtströmen in der centralen
Verbindung ungleich sehkräftiger Netzhäute
wahrgenommen werden, und die daraus sich er-
gebende Licht -Therapie . * 91
IX. Die Erfolge der Licht - Therapie 97
IX 1. Das blaue Licht hebt die Blendung, meistens
die Wirkung des Lichtes auf ungleich sehkräf-
tige Augen 101
1X2. Das blaue Licht erhöht die Unterscheidungskraft
und giebt Deutlichkeit 111
1X3. Das blaue Licht giebt die Ferne 137
1X4. Das blaue Licht giebt die Nähe 161
IX 5. Das blaue Licht beseitigt — namentlich bei der
einseitigen Verwendung — den Schmerz .... 183
1X6. Das blaue Licht gewährt die Dauer 203
X. Andeutung der äussersten Grenze der Licht-
Therapie 237
Vorwort.
Die Lehre von einer methodischen Behandlung
und Zurückführung kranker und schwach gewor-
dener Augen zur erneuten Brauchbarkeit durch
Hülfe des farbigen Lichtes habe ich nach dem
Ergebnisse vieljähriger Erfahrungen in der vor-
liegenden Schrift darzustellen versucht. Dieses
Unternehmen dürfte vielleicht in unseren Tagen,
nachdem der histologische und pathologische
Theil der Augenheilkunde durch das Ophthalmos-
cop so wesentliche der Therapie zu Gute kom-
mende Fortschritte gemacht hat, zeitgemäss und
nicht ungeeignet sein, wieder einmal auch solchen
Untersuchungen Beachtung zu verschaffen, die
zunächst auf die subjectiven Sinneswahr-
nehmungen der Kranken gerichtet sind, und
die unmittelbar dem Zwecke dienen, den unter
den mancherlei Einzelheiten pathologischer Verän-
derungen zwar klarer erkannten, aber nichts desto
weniger in ihrer Function oft niedergehaltenen
Augen aufzuhelfen, und etwa so beizukommen,
VIII Vorwort.
wie man schadhaft gewordenen Lungen durch an-
dere Luft, oder den gesunkenen Digestions -Or-
ganen durch eine zusagendere Nahrung leichte-
ren Fortgang und Genesung zu verschaffen weiss.
Zahlreich wird voraussichtlich noch lange
Zeit hindurch die Klasse der Augenkranken blei-
ben, bei denen die sonst mit allem Recht so hoch
gehaltene Rücksicht auf die Art der pathologischen
Entwicklung für die Heilung nicht mehr in das
Gewicht fällt. Denn entweder müssen wir in die-
ser Beziehung, wie bei den erblichen und Rück-
bildungs-Fehlern , unsere Ohnmacht früh genug
einsehen, oder das Krankheitsziel ist fertig und
erfüllt, und die Zeit, demselben zuvorzukommen,
ist längst verronnen, ehe noch der Leidende über-
haupt sich für krank erachtet, oder Hülfe in An-
spruch nehmen zu müssen glaubt.
Auch hat man sich über dieses Sachver-
hältniss in Betreff vieler äusserlich wahrnehm-
barer Mängel und namentlich der Formfehler des
Auges niemals getäuscht; dass aber auf dem Grunde
des Auges, und in dem wichtigsten Theile des
Organs, noch ein so reichhaltiges Gebiet abge-
laufener pathologischer Veränderungen ausge-
breitet liegt, Angesicht dessen es eines gar star-
ken Glaubens bedarf, um die Hoffnung auf eine
restitutio in integrum überall aufrecht zu erhal-
ten: davon hat uns, — so denke ich wenig-
stens — in neuerer Zeit der unparteiische
Vorwort. IX
Augenspiegel mit seiner täglich wachsenden
Musterkarte ebenfalls klar genug überzeugt.
Wenn dem freimüthigen Bekenntnisse einer
solchen Ansicht die Zustimmung vieler Sachver-
ständigen nicht fehlt, wenn bei aller Anerken-
nung des schon Gewonnenen der Zeitpunkt noch
weit entfernt ist, wo die auf den Grund des
Auges gerichtete, im Bereich der Möglichkeit lie-
gende, radicale Therapie zu der erforderlichen
Reife gelangt sein wird, und wenn die Krauken
selbst am wenigsten geneigt sein möchten, der
Zukunft einer solchen vollendeten Kunst entge-
genzuharren: so gilt es, eine neue Bahn zu er-
öffnen und ein Mittel zu finden, das vorläufig,
unerachtet der Fortdauer mancher jetzt klar
unterscheidbarer Netzhaut-Leiden,
1) möglichst für Dasjenige Ersatz zu geben
vermag, was das Auge unter den natürlich
gegebenen Beleuchtungs- Verhältnissen zu
leisten aufgehört hat,
2) und welches die Missverhältnisse auszu-
gleichen im Stande ist, die, im binocularen
Sehen liegend, mehr als man bisher ge-
wusst hat, bei den Kranken die Function
beirren, und ihren Gesichts-Sinn herabsetzen
und entwerthen.
Darf ich der Vorzüge einer solchen aus der
Physik entnommenen Therapie, ohne die Besorg-
niss zu hegen, dass ich dadurch gegen sie ein-
X Vorwort.
nehme, im Voraus Erwähnung thun. und unbe-
fangen aussprechen, wie diese Vorzüge mir er-
scheinen, nachdem ich langer als zwei Decennien
mit ihnen vertraut geworden : so möchte ich mein
Urtheil dahin abgeben, dass die Behandlung.
durch ein Mittel, wie das farbige Licht ist. sich
durch Fasslichkeit und Biegsamkeit für den Arzt
empfiehlt, durch Zugänglichkeit und Gefahrlosig-
keit den Kranken gewinnt, von Entbehrungen
und Schwächung frei, von jedem Zeitverlust fern
ist. etwa dem vierten Theil der Augen-
kranken hilft, und auch denen in uner-
i tz lieber Weise zu Gunsten kommt,
welche unwiderruflichen Organisations-
fehlern schon verfallen sind, und sich
dadurch jedem Einfluss sonstiger Mittel
fest verschliessen.
Zur Erläuterung dieses Urtheils. welches jetzt
noch Manchem, von Vorliebe getragen und gegen
die Wirklichkeit gehalten, zu grell und zu ge-
wagt erscheinen möchte, wird es dienen, wenn
ich den Standpunkt der Sache von Vorn herein
•ezeiehne. dass hier zum Zweck der Behand-
lung auf das Studium der objectiven Erschei-
nungen zwar alle zeitgem; ä irfalt verwen-
det, aber doch kein grösseres Gewicht gelegt
worden ist. als auf die genaue Beachtung und
Abwägung der feinsten subjectiven Sianf
Wahrnehmungen, durch welche sich der Kranke
Vorwort. XI
als von der Norm abweichend, und als ein Hülfs-
bedürftiger in seiner Art erweist. Ist erst so
der einzelne Kranke in seinem einfachen Man-
gel, oder in seinen zusammengetretenen Män-
geln erforscht: so soll durch eine darauf eben so
genau eingehende Licht -Zutheilung, oder durch
eine Zusammenstellung von Licht-Modificationen
möglichst direct ersetzt oder ausgeglichen wer-
den, was der Leidende in den Fähigkeiten sei-
nes Gesichts wirklich verlor, oder auch wegen
vorhandener Missverhältnisse im binocularen Se-
hen zu verwerthen nur verhindert ist.
In diesem Sinn ist allerdings diese neue
Heilmethode mittels qualitativ geänderten Lichtes
zunächst palliativer Natur, und wird einen ver-
vollständigenden Theil derjenigen Kunst aus-
machen, welche nach geschichtlichen Angaben
im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts ein
Mönch Alessandro da Spina durch Anfertigung
und menschenfreundliche Vertheilung der ersten
Brillengläser ins Leben gerufen, und deren Theo-
rie erst drei Jahrhunderte später Johann Kepler
aus der Brechung des Lichtstrahls erklärt hat.
Sind die Physiker heutiger Zeit mit den span-
nenden Untersuchungen beschäftigt, aus den
Zeichnungen, die das Farbenspectrum aufweist,
die Urstoffe der Sonne zu ermitteln, welche, über
Zwanzig Millionen Meilen von uns entfernt, in
deren Gluth verbrennen: so sollen hier für un-
XII Vorwort.
sere Zwecke die einzelnen Wirkungen aufgesucht
und genau verzeichnet werden, die der blaue
Strahl bei seiner Berührung im Nerventapet des
Auges hervorruft, und mittels derer die Sehkraft
in merkwürdiger Weise von Stumpfheiten befreit
und mit vielen Eigenschaften, die ihr im weissen
Licht verloren gingen, von neuem betraut wird.
Den Wirkungen der Lichtbrechung, welche
auf die Fehler der Accommodation gerichtet
sind, und deren man sich zeither in der Augen-
heilkunde im weitesten Umfange bediente, sollen
die ebenso positiven Wirkungen des in der Far-
benzusammensetzung geänderten Lichtes zur Seite
gestellt werden, welche in der erkrankten Netz-
haut einen eben so empfänglichen als dankbaren
Boden finden. Sehr oft kann es durch die Um-
stände geboten sein, dass man die alten Gesetze
der Lichtbrechung mit den hier nachgewiesenen
neuen Gesetzen des qualitativ geänderten Lichtes
gemeinsam wirken lassen muss. Aber einem
solchen in doppelter Weise geordneten Vorgehen
lösen sich auch dann erst die in der Tiefe des
Auges allzu fest geschlungenen pathologischen
Knoten und zeigen sich oft die am wenigsten
erwarteten therapeutischen Resultate.
Dass es für eine solche, unmittelbar auf die
subjectiven Krankheits - Erscheinungen zuge-
richtete Therapie mittels Licht- Modificationen so
lange Zeit an einer sorgfältigen Pflege und an
Vorwort. XIII
leitenden Grundsätzen gefehlt hat, kann nicht
befremden, wenn man erwägt, dass die beiden
Netzhäute auch der Tummelplatz der subjectiven
Täuschungen sind, dass die Vorgänge im bino-
cularen Sehen auch physiologisch erst in neue-
rer Zeit in erfolgreicheren Angriff genommen
worden sind, und dass auch für den Therapeu-
ten ohne eine besondere und langjährige Belau-
schung dieser Verhältnisse kein klarer Durch-
blick und kein geregelter Kurplan zu gewinnen
war. Noch weniger darf ich befürchten, dass
man, gegenüber dem jetzt mit manchem schönen
Erfolg ausgebildeten direct radicalen Heilverfah-
ren, in der Wiederaufnahme und Erweiterung
einer mehr palliativ vorgehenden Handlungsweise
etwa einen Rückschritt erkennen werde, nachdem
der feinere Theil der Brillenkunde- neuerdings
schon an manchen Punkten in hervorragenden
Männern der Wissenschaft Vertreter gefunden
hat, und ganz dazu geeignet ist, Vieles in der
Therapie zu leisten, was sonst unerreichbar bleibt.
Zu den subjectiven Symptomen-Gruppen,
welche sich mir bei dieser Art der pathologischen
Anschauung immer mehr von einander lostrenn-
ten, um eben so reichen Stoff zu neuen Beob-
achtungen zu geben, als der Farben-Therapie ganz
bestimmt unterscheidbare Gebiete zu eröffnen, in
denen man auf ihre sicheren Erfolge rechnen
kann, zähle ich:
XIV Vorwort.
1) die Verminderungen in der Deutlichkeit des
Erkennens,
2) die gestörte Beherrschung der Nähe oder
der Ferne,
3) die Schmerzempfindungen bei dem Gebrauch
der Augen, und
4) die Verminderungen in der Ausdauer beim
Sehen.
Und während ich in diesen so wesentlichen
Gebieten festzustellen suchte, bis zu welcher
Grenze, und unter welchen Umständen der blaue
Lichtstrahl die zu Stande gekommenen Verluste
zu ersetzen vermag, gelangte ich zu jener noch
specielleren Erkenntniss, dass bei der ent-
schiedenen Mehrzahl der Augenkranken
eine Störung in der Verbindung der Ein-
drücke beider Augen zu einem Gesammt-
Eindruck obwaltet, und dass durch die blosse
Berücksichtigung dieser meistens sehr verborgen
liegenden Störung eine ungemeine Verbesserung
in allen jenen genannten Symptomen -Gruppen
erreichbar ist. Denn wie der kleinste einseitige
Verlust sich dem Kranken sofort in der Gesammt-
heit der Sinnesthätigkeit fühlbar macht, so ist
das kleinste Maass, in welchem man dem blauen
Strahl auf der betreffenden Seite das Ueberge-
wicht giebt, auch das Mittel, den aus der bino-
cularen Störung hervorgehenden Verlusten ver-
schiedener Art abzuhelfen. Während das blaue
Vorwort. XV
Licht schon im Allgemeinen die Sehkraft unter-
stützt, heben noch nebenbei seine rechts und
links verschieden gewählten Abstufungen den
Mis'sklang der Augen.
Ich kann mir kein Urtheil darüber anmaassen,
ob und in wieweit es mir gelungen ist, diese
therapeutische Schrift, welche aus lauter neuen,
aber nichts desto weniger durch die Zeit besie-
gelten Kranken -Beobachtungen hervorging, dem
heutigen Standpunkte der Wissenschaft gerecht
zu machen, und den sehr in einander greifen-
den, überall die Gefahr der Wiederholung in
sich schliessenden Stoff so zu ordnen und dar-
zustellen, dass dessenungeachtet jeder Abschnitt
durch seinen Inhalt und in seiner Reihefolge für
das Ganze erläuternd mitwirken könne. Mein
Fleiss hat dabei nicht gefehlt; dennoch ist es
bei der Natur des Gegenstandes leicht möglich,
dass der Physiker und Physiolog von seinem
Standpunkt aus gegen meine Schlussfolgerungen
diesen oder jenen Einwand zu machen hat.
Indessen kommt es bei der Durchführung
eines jeden, und namentlich eines therapeutischen
Gegenstandes vor Allem auf die Feststellung
bestimmter Thatsachen an. Die wissenschaft-
liche Erklärung derselben steht erst in zweiter
Linie, und ist nach den Ansichten der Zeit oft Abän-
derungen unterworfen. Für den bleibenden practi-
schen Werth der hier verfolgten Therapie wird,
XVI Vorwort.
abgesehen von Tausenden der von mir Geheilten,
der Umstand bürgen, dass die Behandlung durch
das Licht im Allgemeinen, so wie die Behand-
lung der binocularen Combinations-Störungen im
Besonderen, auf einem sehr einfachen und nahe
liegenden Gedanken beruht, dass solche Gedan-
ken aber, — wenn sie ins Einzelne verfolgt wer-
den — am meisten ihre Fruchtbarkeit und Nütz-
lichkeit bewähren, und am ehesten Hoffnung auf
Bestehen und auf Weiterentwickelung in sich
tragen.
Berlin, am 15. Julius 1862.
Dr. Böhm.
I.
Physikalische Vorbemerkungen.
1. Das Licht.
jDei der Frage über die Entstehung und das Wesen
des Lichtes hat man verschiedenen Ansichten gehuldigt.
In früheren Zeiten war man geneigt, das Licht als einen
feinen unwägbaren Stoff zu betrachten, der von den
leuchtenden Körpern, namentlich von der Sonne ausgehe,
und sich mit grosser Geschwindigkeit verbreite (Isaak
Newton's* Emanations-Theorie). Später aber
suchte man den Ursprung des Lichtes durch die Er-
schütterung einer feinen elastischen im Raum verbrei-
teten Materie (des Aethers) zu erklären, so wie man
die Entstehung und Fortpflanzung des Schalls durch eine
Erschütterung oder schwingende Bewegung der Luft er-
wiesen hat. Ch. Huygens**) war der Schöpfer dieser
sogenannten Vibrations- oder Undulations-Theo-
r i e und seitLeonhardEuler's ***) weiterer Entwicke-
*) Isaak Newton, geboren 1642, gestorben 1727.
**) Ch. Huygens, geboren 1629, gestorben 1695.
***) Leonhard Euler, geboren 1707. gestorben 1783.
Böhm, Licht - Therapie. j
2 Physikalische Vorbemerkungen.
lung war sie unter den Physikern allgemeiner ange-
nommen worden. Doch erst in neueren Zeiten haben be-
sonders Y o u n g ' s *) und F r e s~n e 1' s * *) Arbeiten der Un-
dulations- Theorie einen so entschiedenen Sieg verschafft,
dass die Emanations-Theorie jetzt allgemein als unhaltbar
verlassen ist. Sämmtliche Erscheinungen des Lichtes ist
man im Stande, durch die Undulations-Theorie mit mathe-
matischer Schärfe abzuleiten und ihren notwendigen Zu-
sammenhang mit den Grundthatsachen nachzuweisen.
Leuchtend ist also der Aether nicht, sondern nur
diejenigen Körper, welche ihn in Schwingungen versetzen
können. Wenn sich die Bewegungen des Aethers bis
zur Netzhaut des Auges fortpflanzen, so bewirken sie
das Sehen.
2. Die Brechung des Lichtes.
Die Erfahrung lehrt uns, dass sich das Licht, so
lange es in einem Medium von gleich materieller Be-
schaffenheit bleibt, auch in gradliniger Richtung fort-
pflanzt. Die Erfahrung lehrt aber auch, dass das Licht
beim Uebergang aus einem Medium in ein anderes
eine Brechung erleidet. Beim Durchgang der Licht-
strahlen durch ein anderes Medium linden sogar zwei
Brechungen , eine beim Eintritt und eine in umgekehrter
Richtung beim Austritt Statt, so dass diese beiden Bre-
chungen sich gegenseitig ausgleichen können, und das
Licht beim Durchgang durch Platten mit parallelen
Flächen, z. B. durch eine Fensterscheibe, schliesslich
*) Thoraas Young, geboren 1773, gestorben 1829.
*) Augustin Jean Fresnel, geboren 1788, gesorben 1827.
Physikalische Vorbemerkungen. 3
keine Abweichung von seiner ursprünglichen Richtung
erfährt. Wenn aber das Licht durch einen Körper drin-
gen muss, dessen Flächen schief zu einander geneigt
sind, z. B. durch ein dreiseitig geschliffenes Glasprisma,
so ändert es beim Durchgang seine ursprüngliche Rich-
tung in dem Verhältniss. als die Flächen des betreffen-
den Körpers schief zu einander geneigt sind.
3. Die Zerlegung des weissen Lichtes
in Farben.
Die Brechung des Lichtes ist auch noch mit einer
anderen auffälligen Erscheinung verbunden, die man die
Farbenzerstreuung des Lichtes nennt.
Der ursprünglich noch ungebrochene Lichtstrahl er-
scheint uns, sowie die Sonne selbst, ohne Farbe oder
weiss. Lässt man in ein verdunkeltes Zimmer durch
ein kleines rundes Loch b einen Sonnenstrahl in der
Richtung b d durch ein Glasprisma s fallen, des
brechender Winkel nach oben gerichtet i-t. s<> erblickt
Fi?. 1.
4 Physikalische Vorbemerkungen.
man auf der gegenüberstehenden Wand, statt des weissen
runden Sonnenbildchens, welches ohne das Prisma in d
erschienen wäre, ein tiefer unten in rv erscheinendes
länglich ovales Bild, das Sonnenspectrum, in wel-
chem man sieben verschiedene Farben unterscheiden
kann. Das weisse Licht des Sonnenstrahls ist also
zusammengesetzt und enthält die farbigen Lichter in
sich. Wir erkennen nur diese Farben ohne Zerlegung
durch das Prisma nicht, weil sie in ihrem Zusammen-
wirken auf jeden Punkt der Netzhaut den Eindruck,
welchen wir Weiss nennen, hervorbringen.
Da jedes der farbigen Lichter eine andere Brech-
barkeit besitzt, so gehen sie in verschiedenen Richtun-
gen aus dem zerlegenden Prisma hervor, und erschei-
nen in einer bestimmten Ordnung. (Siehe Taf. I, Fig. 1.)
An dem Ende des Spectrum, welches dem brechenden
Winkel des Prisma zunächst liegt, befindet sich
Roth,
dann folgen Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo,
und an dem vom brechenden Winkel am meisten ent-
fernten Ende liegt endlich
Violett.
Die rothen Strahlen sind also die von ihrer ur-
sprünglichen Richtung am wenigsten abgelenkten und
die am wenigsten brechbaren, die violetten dagegen
von allen die am brechbarsten.
Die Helligkeit des Lichtes wird der Undulations-
Theorie gemäss durch die Verhältnisse ässige Weite der
Schwingungen des elastischen Mediums (des Aethers)
bedingt. Durch die Anzahl der Schwingungen dage-
gen wird die Farbe erzeugt.
Physikalische Vorbemerkungen. 5
So entsprechen z. B. dem äussersten Koth 458 und
dem am anderen Extrem liegenden Violett 727 Billio-
nen Schwingungen des Lichtäthers in der Secunde.
Da nun aber die Fortpflanzung alles Lichtes mit glei-
cher Geschwindigkeit geschieht, so folgt daraus, dass
die einzelne Wellenlänge des rothen Lichtes fast die
doppelte sein muss, wie die des violetten und blauen
Lichtes, dessen merkwürdige und für die erkrankten Seh-
organe unvergleichlich heilbringende Eigenschaften wir
in der vorliegenden Schrift zum ersten Male einer un-
geteilten augenärztlichen Beobachtung unterwerfen,
und einem systematisch geordneten Gebrauch zuführen
wollen.
IL
Das blaue Licht als therapeuti-
sches Mittel.
_Im vorigen Capitel ist versucht worden, die wichtig-
sten Thatsachen und Anschauungen, welche die Optik
über das Licht und die darin enthaltenen Farben ge-
wonnen hat, in gedrängtester Kürze zusammen zu fassen.
Für das gesunde Auge hat die Physiologie ihre eigenen
Lehren daran geknüpft. Aber noch etwas anderes ist es,
dem erkrankten Auge gegenüber das farbige
Licht zu erforschen, um dasselbe entweder als
ein die Netzhaut radical umstimmendes, dyna-
misches Mittel planmässig zu verwenden, oder
— was nicht weniger wichtig ist — da, wo es
sich um unheilbare Zustände handelt, durch
entgegenkommende Lichtmodificationen ein
dem physiologischen Sehen möglichst nahe
kommendes Unterscheidungsvermögen wieder
herzustellen. Denn so lange wir nicht gegen die
mannigfachen organischen Veränderungen der Netzhaut,
Das blaue Licht als therapeutisches Mittel. 7
deren Diagnose sich unter der Hülfe des Augenspiegels
mit jedem Jahre mehrt und verfeinert, auch in gleichem
Verhältniss neue therapeutische Wendungen ge-
winnen können, werden wir vorläufig noch in der pallia-
tiven Behandlung durch Lichtmodificationen den ein-
zigen Anhaltpunkt suchen müssen und dort auch in der
That eine grössere Befriedigung finden, als man erwar-
tet hat.
Wohl möchte der Zukunft noch die Darlegung an-
heim fallen, wie mehrere der Farben eine eigene Kraft
besitzen, um dem Auge unter Umständen Vortheile zu
gewähren. Schon manche zweifellose Andeutungen sind
mir dazu geworden. Soviel aber glaube ich beweisen zu
können, dass das blaue Licht als ein mächtiges Heil-
und Erleichterungsmittel hervorragt, mit dessen Eigen-
schaften der Augenarzt vertraut sein muss, wenn ihm
nicht eine grosse Lücke fühlbar, und der Einfluss auf
ungemein viele Augenkranke verschlossen bleiben soll,
welche im blauen Strahl gedeihen oder genesen, gleich-
wie erstarrte Organismen in erwärmender Luft sich wie-
der beleben. Die positiven Wirkungen, welche dieses
rein physikalische, für Jeden so leicht zugängliche Agens
ausübt, lassen sich mit solcher Unumstösslichkeit der
Reihe nach aufzählen und in so feste Regeln der An-
wendung bringen, dass die gewöhnliche Anschauung,
welche zeither in dem blauen Strahl nur etwas Nega-
tives, nur ein blosses Schutzmittel zu besitzen
glaubte, und Nichts weiter in ihm sah, als einen be-
quemen Weg, die Intensität des Lichtes zu schwächen,
ganz in den Hintergrund treten muss, weil sie kaum
den kleinsten Theil der thatsächlichen Erfolge in sich
8 Das blaue Licht als therapeutisches Mittel.
schliesst, und wie eine nur unbestimmte Ahnung den
genau fasslichen Wirkungen gegenübersteht.
So gelangt das blaue Licht in den eigent-
lichen positiv wirksamen Arzneischatz und
kommt mit anderen physikalischen Kräften und Hülfs-
mitteln, mit der Wärme und ihren Abstufungen, mit
dem Druck, der Electricität u. s. w. in gleiche Linie,
aber mit dem sowohl wissenschaftlich günstigen als
praktisch willkommenen Unterschiede, dass, während
jene Agentien meist eine zeitraubende, dem Zweifel, der
Missgunst, der Selbsttäuschung, der Ungeduld unterlie-
gende Anwendung erheischen, oder eine Sonder -Wirk-
samkeit des ausübenden Arztes bedingen, bei dem blauen
Strahl im ersten "Moment der richtig getroffenen Anwen-
dung der Aufschwung der Sehkraft in ganz bestimmten
Leistungen hervorleuchtet und sich nach der gewonne-
nen Sehschärfe und Kleinheit der sichtbaren Gegen-
stände (Cap. IX, 2.), nach der gewonnenen Entfer-
nung (Cap. IX., 3. u. 4.) und nach Zeit (Cap. IX., 6.)
messen und feststellen lässt. Die Farbenlehre des
Physikers kann und wird sich durch solche gegenseitig
sich bedingende Wirkungen zur Farbentherapie ge-
stalten.
Aber die Ergebnisse der von mir verfolgten The-
rapie durch Verwendung farbig abgeschatteter und ge-
schliffener Gläser, welche ich während vieler Jahre stiller
Beobachtung und Ausübung schon in immer weiteren
Kreisen zum Eigenthum des Volkes habe werden sehen,
wären rein empirische und vereinzelte Thatsachen ohne
inneren Zusammenhang und ohne System geblieben,
hätte nicht gleichzeitig die Optik in ihrem eigenen Ge-
Das blaue Licht als therapeutisches Mittel. 9
biet während der jüngsten Jahre so manche lebendig
aufklärende Einblicke gerade in das Wesen des Lichtes
und seiner Farben gethan, und sich dadurch, wie schon
an so vielen anderen Punkten, als eine thätige und för-
dernde Hülfswissenschaft der Arzneikunde genähert.
Vor Allem muss ich in dieser Beziehung die mit
eben so scharfsinniger Combination angestellten, als für
die Physiologie und Pathologie des Sehens so reich nutz-
baren Forschungen Heinr. Wilh. Dove's*) dankbar
hervorheben, deren Resultate mich wesentlich darauf hin-
leiteten, den eigentlichen Sinn der Klagen der Augen-
kranken (den Inhalt der subjectiven Symptome)
auf eine neue und der Therapie näher tretende Weise
aufzufassen. Denn wir sehen, dass die Klagen, so sehr
es sich auch im einzelnen Fall um die heterogensten
Krankheitszustände handeln möge, dennoch in gewisser
Einförmigkeit wiederkehren, sich auf Verlust der Deut-
lichkeit, Ferne, Nähe, Ausdauer, oder auch auf
Schmerzen beim Sehen beziehen, und dass meistens
nur die eine oder die andere dieser Klagen die übrigen
übertönt und formell zurückdrängt. Für alle diese Kran-
ken ist schwerlich noch ein Hülfsmittel vorhanden, das
ebenso verschieden ablösbare heilende Eigenschaften in
sich einschlösse als das blaue Licht, Eigenschaften, von
denen jede in eigenthümlich ausgleichender Weise je-
nen Schwächen entgegenkommt und jenen Klagen zu be-
gegnen im Stande ist. Denn
das blaue Licht ist brechbarer für das Auge,
*) H. W. Dove, Darstellung der Farbenlehre und optische
Studien, Berlin 1853. — H. W. Dove Optische Studien. Fort-
setzung. Berlin 1859.
10 Das blaue Licht als therapeutisches Mittel.
das blaue Licht ist wahrnehmbarer für das Auge,
das blaue Licht ist schonender für das Auge,
das blaue Licht ist dauergebender für das Auge.
Welch ein Verein brauchbarer Attribute, sobald
wir mit ihnen vertraut, und mit einem geeigneten tech-
nischen Apparat versehen, dem Bedürfniss der Leiden-
den in eingehender Weise zu entsprechen verstehen!
Hat der Augenspiegel uns den Durchblick geöffnet, um
die objectiven Symptome der Netzhaut, das forr
melle und histologisch localisirte Wesen ihrer Krank-
heiten klar zu beobachten, und aus der sinnlichen An-
schauung heraus therapeutische Maassregeln zu schöpfen,
hat der grosse Strom augenärztlicher Interessen erklär-
licher Weise zur Zeit fast ganz dorthin sich gewendet:
so ist hier daneben her der Versuch gemacht, den sub-
jectiven Symptomen „den eigentlichen Klagen
der Kranken" einen Spiegel zu bieten und ihnen
ein zerlegendes Studium zu widmen, mit dem unver-
wandten Bestreben, diesen Klagen auf symptomatisch
heilendem Wege zu begegnen, und den Kranken durch
geändertes Licht die unmittelbarste Befriedigung zu brin-
gen, die ihnen die übrige Augenheilkunst bis auf heute
versagt.
Wenden wir uns deshalb zunächst zu der Betrach-
tung dieser vier therapeutischen Eigenschaften des
blauen Lichtes.
-C30-
III.
Die vier wirksamen Eigenschaften
des blauen Lichtes,
1.
Das blaue Licht ist brechbarer
für das Auge als das weisse Licht, und um vieles brechbarer
als das rothe Licht.
jL/as menschliche Auge ist einem stark lichtbrechenden
Instrument vergleichbar, so dass die Frage entsteht,
ob dasselbe auch gleich diesem lichtstreuend oder ob
dasselbe dieser Eigenschaft nicht theilhaftig (achroma-
tisch) sei. Leonhard Euler*) war der erste, wel-
cher die Achromasie des Auges zur Geltung brachte
und als Grund den Umstand nachwies, dass dasselbe
aus mehreren hintereinander gelagerten Medien zusam-
mengesetzt ist, von denen jedes einzelne eine andere
*) John Dollond (geboren 1706, gestorben 1761) benutzte
die Entdeckung, welche sein Zeitgenosse Leonhard Euler im
Auge gemacht, und stellte 1758 aus verschieden brechenden
Medien (Crown und Flintglas) die achromatischen Fernröhre dar.
12 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
lichtbrechende Kraft besitze. In neuerer Zeit ist jedoch
durch die Untersuchungen von Brücke und Anderen
Euler's Ansicht dahin eingeschränkt worden, dass das
Auge bloss innerhalb der Grenzen des deutlichen Sehens
achromatisch ist. Nur innerhalb dieser in jedem Auge
sich anders verhaltenden Grenzen werden sämmtliche
farbige Strahlen auf der Retina zu Weiss vereinigt. Vor
und hinter dieser Distanz trennen sie sich.
Die bedingte Achromasie und namentlich die
grössere Brechungskraft, welche das Auge für das
blaue Licht im Gegensatz zum rothen Lichte be-
sitzt, zeigt sich vor Allem deutlich, wenn man Dove's*)
Experiment anstellt, und in einem dunklen Zimmer
aus verschiedenen Entfernungen eine Flamme durch eine
gut gewählte violette Glasscheibe anschaut.
Die Flamme erscheint dann in der Weite des
deutlichen Sehens wirklich violett und ohne Saum,
d. h. die rothe Flamme erscheint eben so gross als die
blaue. Das Auge ist hier vollkommen achromatisch.
Aber in einer grösseren Entfernung als in der deut-
lichen Sehweite, zerlegt sich das Violett wegen der ver-
schiedenen Brechbarkeit seiner Grundfarben, und ein
schön blauer Rand umsäumt die violette in's röthliche
ziehende Flamme, d. h. die blaue Flamme erscheint
grösser als die rothe.
Und wiederum näher als aus der Weite des deut-
lichen Sehens erscheint dem Auge eine violette Flamme
mit einem scharfen rothen Saum, d. h. die rothe Flamme
ist grösser als die blaue.
*) Dove 1. c. Seite 174.
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 13
Erprobt man nun mehrere Individuen nach einan-
der durch das Anschauen einer Flamme mittels der vio-
letten Glasscheibe, so sieht der Einzelne die Flamme
in je verschiedener Entfernung violett. Derjenige aber
ist der Weitsichtigste zu nennen, der die Flamme in
der grössten Entfernung violett sieht, und derjenige ist
der Kurzsichtigste von Allen, der sich der Flamme,
um sie rein violett zu sehen, am meisten nähern muss.
Ein anderer die grössere Brechbarkeit des blauen
Lichtes beweisender Versuch ist folgender: Ausserhalb
der Weite des deutlichen Sehens erscheint ein Mikro-
meter von schwarzen Linien auf weissem Grunde wie
ein grauer, ein Mikrometer von weissen Linien auf
schwarzem Grunde wie ein heller Fleck.
Betrachtet man nun das Mikrometer, d. h. die Reihe
der Linien, durch ein blaues Glas, und geht mit dem
Auge so weit zurück, bis das Gitter durch das Zusam-
menlaufen der Linien undeutlich und als Fleck erscheint,
so sieht man bei Anwendung eines rothen Glases das
Gitter noch vollkommen klar in seinen einzelnen Linien
ausgeprägt*). Hierin liegt der sicherste Beweis, dass
die Sehweite für rothes Licht erheblich grösser ist als
für blaues, und dass die Sehweite für weisses Licht
grösser ist als für blaues.
Dasselbe Factum hinsichtlich der verschiedenen
Brechbarkeit des rothen und blauen Lichtes lässt sich
auch so ausdrücken: dass die Convergenzlinien beider
Augen beim deutlichen Sehen für rothes Licht einen
spitzeren Winkel bilden als für blaues. Und in sofern
*) Dove 1. c. Seite 181.
14 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
können wir mit allem Recht behaupten, dass die far-
bigen Lichter auch eine mittelbare Beziehung zur Acco-
modation haben, und dass wir da, wo kleine und na-
mentlich einseitige Abweichungen in dieser physio-
logischen Function vorkommen, und undeutliches Sehen
veranlassen, durch die farbigen Lichter die Ordnung
wieder herstellen können, sobald wir sie planmässig —
wie später nachgewiesen werden soll — für das rechte
und linke Ange in verschiedener Intensität zur Anwen-
dung bringen.
Die hier erörterte Eigenschaft des blauen Lichtes
ist überhaupt von wesentlicher Bedeutung bei der Aus-
übung der Brillenkunde. Ein blaues Planglas von einer
bestimmten Abschattung besitzt die Fähigkeit, ein weisses
Convexglas von einer gewissen Stärke zu vertreten, nur
mit dem Unterschiede, dass das Convexglas dem Auge ein
schon fertig gebrochenes, das blaue Planglas aber dem
Auge ein um ebensoviel brechbareres Licht zuführt.
Je dunkler blau das ausgewählte Planglas ist, ein
um so convexer geschliifenes weisses Glas kann man
durch jenes ersetzen. Und ein blaues Convexglas wirkt
je nach der Intensität seiner Lichtart stärker als ein
gleich geschliffenes, aber farbloses Convexglas. Keine
Täuschung liegt also darin, wenn man häutig von In-
dividuen mit guter Beobachtung hört: „sie sähen in dem
Moment, wo man ihnen ein blaues Planglas noch zu ihrer
Convexbrille hinzufügt, oder ihre weisse Convexbrille mit
einer blauen Convexbrille von derselben Schleifungsart
vertauscht, entschieden grösser und dadurch deutlicher".
Diese Vertretung, welche das qualitativ geänderte
Licht in Stelle des bloss gebrochenen weissen Lichtes
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 15
ausüben kann, ist unschätzbar zur Wiederherstellung des
gestörten binocularen Sehens. Die Augen dulden er-
fahrungsmässig nicht für die Dauer zwei nebeneinander
gestellte Gläser von verschiedener Convexschleifung; sie
vertragen dagegen mit der grössten Leichtigkeit und Be-
reitwilligkeit zwei Gläser von verschieden blauer Fär-
bung. Eine unerwartet zahlreiche Klasse von Augen-
kranken, welche man bisher ihrem Schicksal überlassen
musste, wird künftighin in dieser so sehr modiiicirbaren
Einrichtung eine angemessene Hülfe finden.
2.
Das blaue Licht ist schonender
als das weisse Lieht, und als die übrigen farbigen Liehter.
Schon in den Farbenvorstellungen des Alterthums
zieht sich die Grundanschauung hindurch, dass Gelb
und Roth dem Lichte näher stehen, Blau hingegen mehr
dem Dunkel sich zuwendet*).
Diese Auffassung, dass Roth und Gelb stärkere
Leuchtkraft besitzen als Blau, macht sich auch in unse-
rer Sprache durch die Bezeichnungen „brennendes
Roth, schreiendes Gelb" im Gegensatz zu „tiefein
Blau« geltend.
In der Kunstsprache w r erden von den Malern die
Farben, in denen die gelben und rothen Töne überwie-
gen, warm genannt, Farben dagegen, in denen mehr
das Blau sich geltend macht, als kalt bezeichnet, was,
*) Dove 1. c. Seite 183.
16 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
abgesehen von den hierbei leitenden ideellen Vorstellun-
gen, auch in sofern nicht unrichtig ist, als mit der
grössten Leuchtkraft annähernd auch stärkere Wärmeent-
wicklung Hand in Hand geht .
Die experimentelle Physik bestätigt die milde, und
wenn man so sagen darf, bescheidene Einwirkung des
blauen Lichtes auf den Sehnerven durch den exacten
Beweis der relativ geringeren Intensität der blauen Farbe
unter dem Einfluss der Helligkeit einer weissen Be-
leuchtung.
Fig. IL
Um bei photometrischen Versuchen auf einer dreh-
baren Scheibe mit blau und roth gemalten Ausschnitten
(Farbenkreisel), ein in der Mitte stehendes Violett zu
erhalten, muss man nach Plateau's Versuchen den
rothen Ausschnitt viermal schmäler machen als den
blauen. Eben so müssen, wenn man aus blauen und
gelben Feldern bei der Drehung des Kreisels. Grün er-
halten will, die gelben den viel geringeren Flächenin-
halt einnehmen.
Einen noch überzeugenderen Beweis erhält man,
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 17
wenn man die von Fechner schwarz auf weiss aufge-
tragene Spirale in den beiden Farben ausführt, deren
Mischung man prüfen will. Sucht man bei der Rotation
des Farbenkreisels die Stelle auf, wo in dem allmähli-
chen Uebergang von Roth durch Violett zu Blau, oder
von Blau durch Grün zu Gelb die beiden zusammen-
wirkenden Farben einander genau das Gleichgewicht
halten, so findet man diese Stelle nie in der Mitte des
Halbdurchmessers der Scheibe, sondern stets nach der
Seite des Blauen hin.
Kg. III.
Erklärt aber wird in der Physik diese geringer sich
erweisende Leuchtkraft des blauen Lichtes aus der ge-
ringeren Schwingungsweite desselben, und zwar
beträgt nach genauen Messungen, die namentlich Jos.
v. Fraunhofer*) darüber am Farbenspectrum anstellte,
die Helligkeit in der Mitte des Indigo -Blau noch nicht
den zehnten Theil der Helligkeit des Gelben, in wel-
chem als dem Gegensatze das Maximum von Helligkeit
vorhanden ist.
*) Joseph v. Fraunhofer, geboren 1787, gestorben 1820.
Böhm. Licht -Therapie. 2
18 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
In der Physiologie wie in der Augenheilkunde kann
man sich über diese von der Physik dargelegte That-
sache nicht anders ausdrücken, als dass Gelb und
Roth auf die Netzhaut reizender einwirken,
Blau hingegen schonender sei. Auch fehlt es in
der Physiologie nicht an Beobachtungen für die scho-
nende Eigenschaft des blauen Lichtes, die wir für die
Behandlung der Augenkranken als nutzbar nachzuweisen
wünschen. Vor Allem gehört hierher das Experiment
des Farbenabklingens.
Schliesst man das Auge, nachdem man dasselbe
vorher, z. B. durch Sehen in die untergehende Sonne, ge-
reizt hatte, so durchläuft das Nachbild in der Netzhaut
vom höchsten Reizzustande des Weissen ab die ein-
zelnen Farben des Regenbogens, bis erst zuletzt das
Blau auftaucht, um vermittels des Violetten den Ueb er-
gang zum gänzlichen Verschwinden des Nachbildes in
Schwarz zu machen, und den Beweis zu liefern, dass
nun erst die betreffende Netzhautstelle so ruhig gewor-
den ist als das übrige Feld. In der blauen Farbe drückt
sich also offenbar der geringste Reizzustand deutlich aus.
Der schwächer leuchtenden und schwächer reizen-
den Eigenschaft des blauen Lichtes ist auch die phy-
siologische Thatsache zuzuschreiben, dass dasselbe weit
weniger zur Erweckung der subjectiven Complementair-
farben anregt, als die übrigen Farben dies thun. Un-
ter vielen Tausenden, welchen ich das Tragen blauer
Gläser verordnete, erinnere ich mich nur eines einzigen
Falles, wo nach Abnehmen der blauen Brille ein schwach
orangefarbiges Licht erschien. Es war dies ein nam-
hafter bejahrter Geistlicher, der sich viel mit gelehrten
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 19
Studien beschäftigte und einen Theil der Nacht dazu
verwendete.
Bei einer krankhaften Alteration der Netzhaut pflegt
es einen viel gefährlicheren Zustand anzuzeigen, wenn
in derselben die subjectiven Lichterscheinungen in Gelb
und Roth sich aussprechen, als wenn die Leidenden
sich in blaues Licht versetzt glauben. Nach Staar-
Operationen beobachtet man gar nicht selten diese blaue
Lichterscheinung, ohne dass man deshalb den glückli-
chen Erfolg ernstlich bedroht erachten müsste.
Industrielle Unternehmungen geben oft ungesucht
die schlagendsten Beweise in Betreff der verschieden
schädlichen Einwirkungsart der einzelnen Farben auf die
Netzhaut des menschlichen Auges. In dieser Beziehung
war mir eine hiesige Stickerei -Anstalt überaus lehrreich,
in welcher gegen fünfzig Arbeiterinnen beschäftigt sind,
auf Seidenstoffen von den verschiedensten Farben und
von meist glatter reflectirender Oberfläche, wie der At-
las sie in hohem Grade besitzt, zu sticken. Und zwar
werden die werthvollen Arbeiten nach Mustern ausge-
führt, die auf den Stoffen in schwarzen Linien vorge-
zeichnet sind.
Hier hat es sich schon seit Jahren bei den ver-
schiedensten und jugendkräftigsten Augen immer von
Neuem erwiesen, wie unter allen Farben Gelb und son-
derbarer Weise in noch höherem Grade Apfel grün die
feindseligste und die Unterscheidungskraft geradezu auf-
hebende Farbe ist. Bei Tage kann auf schönen Seiden-
geweben nur unter steter Unterbrechung gearbeitet wer-
den. Die vorgezeichneten Linien sind schon nach mehre-
ren Minuten spurlos verschwunden, und die Stickerinn
2*
20 Di e vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
hat nur den lichten Stoß", kein Muster mehr vor Augen.
Bei künstlicher Beleuchtung aber ist es geradezu unmög-
lich, auf apfelgrüneni Atlas zu sticken. Als den belieb-
testen und die Sehkraft am meisten unterstützenden Stoff
bezeichnen dagegen die Arbeiterinnen einstimmig den
blauen. Ueber ihn geht eine andere Sage, nämlich,
dass er Kopfschmerzen errege. Hier waltet offenbar ein
Trugschluss ob, indem die blaue Farbe durch ihre scho-
nende Berührung der Netzhaut eine so unablässig rast-
lose Beschäftigung erlaubt, dass eher das Gehirn dar-
unter büssen muss, als dass die Augen davon ermüdeten.
Auch in der Thierwelt macht sich die vorwiegend
reizende Wirkung der rothen Farbe in mancher sprechen-
den Weise geltend: Der Truthahn geht zornig auf Men-
schen an, die rothe Kleidungsstücke tragen. Des Stieres
Wuth wird durch ein scharlachrothes Tuch des Mata-
dore im Gefechte aufgestachelt, und des eigenen Lebens
Gefahr lenkt der Kämpfende dadurch ab. Eine geschicht-
lich bekannte Thatsache ist es, dass, als die Engländer
in Indien Krieg führten, sich ihre Regimenter oft kaum
vor den Angriffen der Horden wilder Stiere zu retten
wussten, die sich auf sie stürzten, angereizt durch die
rothen Uniformen der britischen Nation.
So kommen die verschiedensten Erfahrungen darin
überein, dass schon das gesunde Auge von den gel-
ben und rothen Strahlen entschieden stärker erregt wird.
Die Erregung nimmt aber einen verletzenden, ja mit der
Zeit vernichtenden Charakter an, da, wo das Sehorgan
krank, empfindlich und durch mancherlei noch so kleine
Organisations - Störungen, die sich uns jetzt objectiv be-
kunden, in seinem Verhalten gegen das natürliche Licht
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 21
ein anderes geworden ist. Und keine blosse Milderung
der Lichtintensität reicht dann an die Erfolge heran,
welche wir durch eine Lichtwandlung erzielen, bei wel-
cher die sympathischen blauen Strahlen im richtigen
Ueberschuss der bedürftigen Netzhaut zuströmen.
3.
Das blaue Licht ist wahrnehmbarer
als das weisse Lieht, und als die übrigen farbigen Liebt er.
Wahrnehmbar und zum Bewusstsein kommend sind
überhaupt nur die unmittelbar auf die Sinnesorgane wir-
kenden Eindrücke. Doch gehört dazu, dass diese Ein-
drücke oder Bewegungen sich schnell gleichmässig wie-
derholen. Die bei gleicher Stärke verhältnissmässig am
häufigsten auf die Sinnesorgane wirkenden Bewegungen
werden auch am genauesten, die am langsamsten erfol-
genden werden zuletzt einzeln gar nicht mehr empfunden.
Bei dem Gehör- wie bei dem Seh -Sinn giebt es
eine Menge von Erscheinungen, die eben in dieser Ab-
stufung der Schnelligkeit begründet sind, und welche
sich als gleichbedeutend für die Empfindung neben ein-
ander stellen lassen.
In der Akustik zunächst erklärt sich daraus:
1) warum, um vernommen zu werden, die Saiten des
tief tönenden Contrebasses weiter schwingen und
energischer sein müssen als die der Violine, welche
ihrerseits sich durch die Schnelligkeit ihrer Schwin-
gungen geltend macht;
22 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
2) warum wir, um einem Schwerhörigen ohne An-
strengung verständlich zu werden, lieber in hö-
herem, d. h. rascher schwingendem Tone sprechen
als in einem tiefen; und
3) warum, wenn die selbst durch das Sprachrohr ver-
stärkte Stimme des Seemanns im Sturme verhallt,
noch der schrillende Ton der Bootspfeife das Brau-
sen der Wogen und das Geheul des Windes durch-
dringt.
Wie in der Akustik der höhere Ton zum tieferen,
so verhält sich in der Optik das Blau zum Roth. Bei
dem blauen Strahl sind die Berührungen der Netzhaut
und deren Schwingungen häufiger als bei dem rothen,
so wie die des Trommelfells zahlreicher sind bei dem
höheren Ton als bei dem tieferen. Aus solcher Energie
und Wahrnehmbarkeit des blauen Lichtes ergeben sich
viele gewöhnliche Gesichtserscheinungen und viele That-
sachen optischer Experimente. Aus dieser Eigenschaft
erklären sich die in den späteren Abschnitten dieser
Schrift einzeln dargelegten merkwürdigen Erfolge für die
erkrankten und für die verbrauchten Augen. Gleich dem
Ton der Bootspfeife durchdringt hier der blaue Strahl
die dem Sehorgan sich entgegenstellenden Hindernisse
und Verfinsterungen allerlei Art, und hilft noch erhellen
und erhalten, w r o das weisse Licht Nichts mehr an Hoff-
nung bieten kann.
Als beweiskräftig für die grössere Wahrnehm-
barkeit des blauen Lichtes dürften hier besonders fol-
gende physikalische Thatsachen hervorzuheben sein:
1) Wenn wir bei vorrückender Dämmerung in einer
Gemäldegallerie verweilen, so verschwinden, wie
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 23
Dove*) zuerst die Beobachtung gemacht hat, un-
serem Auge mehr und mehr die rothen Gewänder,
während die blauen noch in voller Kraft hervor-
treten. Denn wie bei schwächer werdendem Tone
die Grenze der Wahrnehmbarkeit tiefer (langsam
schwingender) Töne abnimmt, so ist es vollkom-
men entsprechend, dass bei abnehmender Hellig-
keit die Grenze der Wahrnehmbarkeit des Rothen
sich ebenfalls früher verengert;
2) durch die betreffende Eigenschaft des blauen Lich-
tes wird erklärlich, warum sich bei dem schwachen
Sternenlichte das Blau des Himmels noch deut-
lich geltend macht;
3) in der Häufigkeit der Schwingungen beim blauen
Strahl ist ferner der Grund zu suchen, warum ein
durch blaue Glasscheiben erhelltes Zimmer viel
länger in die Dämmerung hinein erleuchtet bleibt,
als Zimmer mit anders gefärbten Scheiben;
4) warum in gemalten Kirchenfenstern bei Tage zwar
die dem Lichte näher stehenden gelben und rothen
Farben greller und leuchtender sind, aber mit dem
Abend die blauen Farben entschiedener hervor-
treten ;
5) warum ein violettes Glas bei zunehmender Däm-
merung immer mehr ins Blau zieht;
6) warum der oben angeführte Versuch mit dem Far-
benkreisel eine andere Eintheilung der Felder ver-
langt (so dass die blauen verhältnissmässig kleiner
sein müssen), wenn bei der Rotation des Kreisels
*) Vergl. a. a. 0. Seite 186,
24 -Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
zur Zeit der Dämmerung durch Blau und Roth das
Violett, oder durch Blau und Gelb das Grün ent-
stehen soll;
7) auf der grösseren Wahrnehmbarkeit des Blau be-
ruht endlich die exacte Beobachtung, welche Dove
mittels des Stereoscops anstellte: Wenn man vor
das rechte Auge ein farbiges Glas hält, vor das
linke Auge ein anderfarbiges, und nun im Stereo-
scop die für das rechte und linke Auge entworfene
Protection eines Körpers mit weissen Linien auf
schwarzem Grunde ausgeführt beobachtet: so er-
scheint das Relief in der Mischungsfarbe, während
alle Kanten aus getrennten einander der Länge
nach berührenden farbigen Linien bestehen. Bei
der Anwendung eines Glases, welches die blauen
homogenen Strahlen durchlässt, und eines anderen,
welches dasselbe für die rothen thut, ist die Er-
scheinung am schönsten.
Macht man nun die Beobachtung während der '
zunehmenden Dämmerung, so verschwinden die
rothen Kanten immer mehr, zuletzt sind sie kaum
mehr sichtbar, doch noch soweit mitwirkend, dass
das Relief erscheint. Endlich aber verschwinden
sie vollständig, so dass man statt des Reliefs nur
die in blauen Linien ausgeführte Projection sieht,
welche der Ansicht des durch das blaue Glas se-
henden Auges entspricht. Legt man ferner zwei
rothe Gläser vor die Oeflhungen des Stereoscops, so
sieht man gar nichts, während bei zwei blauen
Gläsern das Relief noch lange wahrgenommen wird.
Der abendlichen Dämmerung in der Natur ent-
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 25
spricht die schwindende Kraft des Lichtor-
gans, und wie dort der blaue Strahl der noch
am längsten leuchtende bleibt : so vermag derselbe
dem kranken und erlöschenden Auge länger als die
anderen farbigen Strahlen die Deutlichkeit in den
Wahrnehmungen zu erhalten und zu bewahren.
Das blaue Licht ist dauergebend für
das Auge,
mehr als das weisse und als die übrigen farbigen Liehter.
Je mehr mit der Theilung der Arbeit die Beschäf-
tigungen der Menschen sich in das Einzelne drängten,
desto mehr haben auch die Anforderungen an eine ein-
förmig andauernde Thätigkeit der Augen sich gesteigert.
Der Tag reichte für das Maass der Aufgaben nicht mehr
aus; die Technik musste ihn verlängern, und es ist ihr
auch gelungen, das den Tag ersetzende Licht mannigfach zu
erzielen, zu schärfen und auf das billigste herzustellen. *)
Wenn aber bei einem solchen Umschwung der Le-
bensverhältnisse die Besorgniss zur lauten Thatsache
sich erhob, dass, diesen Neuerungen und Erfindungen
gegenüber, die organischen Einrichtungen des Seh-
sinnes nicht mehr stichhaltig sein können, wenn die
durch Mangel an genügender Ausdauer Bekümmerten,
*) Der Weber in den düsteren Stübchen Londons erhält das
für seine achttägige Arbeit erforderliche Licht für die geringe
Summe von noch nicht fünf Silbergroschen.
26 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes.
über rasche Ermüdung der Augen Klagenden und an
Erschpöfung der Sehkraft Leidenden sich in unbestreit-
bar grösserer Zahl um die Augenärzte drängen als sonst,
und als es selbst dem Maassstabe nach stattfinden dürfte,
den entdeckbare organische Veränderungen im Auge zu
erklären im Stande sind: so liegt meines Erachtens die
deutliche Mahnung darin, dass an einer anderen Stelle
— in unserer Therapie — noch der entsprechende Fort-
schritt fehlt, um den bedrohten Sinn mit dem neuen
Leben und den neuen Erfindungen vertraut zu machen,
und um das Auge unbeschadet und ohne Ermüdung
den gesteigerten Einflüssen Preis stellen zu können.
Diesem so zeitgemässen Zweck dient die blaue
Lichtart, nicht in dem untergeordneten Sinn blosser
Schutzmittel, an denen es von je her nie gefehlt hat,
sondern in der viel weiter tragenden Bedeutung eines
positiven die dauernde Wahrnehmung erhöhenden
Mittels, das nach bestimmten Gesetzen zu regeln ist.
Die Physik spricht zwar die dauergewährende Eigen-
schaft des blauen Lichtes an keiner Stelle als Thatsache
aus; aber in der verwaltenden Hand des Arztes ist diese
Kraft die nothwendige Folge der sonstigen nutzbaren
Attribute, welche das blaue Licht dem lebenden Organe
gegenüber entfaltet. Die vitale Seite des Sinnes mit
seinen individuellen Abweichungen steht viel zu sehr
im Vordergrund, als dass nicht die Beweisführung der
dauergewährenden Kraft mehr Sache der Heilkunde
als die der Physik wäre. Und so musste ich mich hier
im physikalisch einleitenden Theil vorläufig darauf be-
schränken, diese Eigenschaft des blauen Lichtes als
die vierte nur anzuführen, aber dieselbe auch als die
Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 27
glücklichste und umfassendste von Allen hervor-
zuheben. Der Beweis des wichtigen Satzes
„blaues Licht gewährt die Dauer"
wird erst das Ziel und der Schluss der vorliegenden
Arbeit sein (siehe Cap. IX., 6.), und den Sammel- und
Brennpunkt vieler einzelnen therapeutischen Erfolge bil-
den, die das blaue Licht in so hervorragender Weise zu
bringen befähigt ist.
IV.
Der technische Apparat zur Ver-
wendung des blauen Lichtes.
V\enn es sich um die Beschaffung einer Reihefolge
blau abgeschatteter Gläser handelt, welche den speci-
fischen Heilapparat für die Netzhaut bilden sollen, so
ist zunächst hinsichtlich des Materials die Thatsache
hervorzuheben 3 dass noch kein einziger unter den bis
jetzt untersuchten durchsichtigen Körpern entdeckt wor-
den ist, der ein vollkommen einfarbiges, ein sogenanntes
homogenes Licht liefert. Und so besitzen wir auch
keine Glasmasse, die für die Verwendung zu therapeuti-
schen Zwecken ein rein blaues Licht bieten kann. Ein
solches physikalisches Lichtsieb — wenn ich mich so aus-
drücken darf — giebt es nicht, und stets sind den vom.
Glase durchgelassenen blauen Strahlen noch mehr oder
weniger andere farbige Strahlen beigemischt.
Das blosse Durchblicken durch ein blaues Glas-
scheibchen, mag dasselbe auch noch so intensiv gewählt
sein, kann uns über die grössere oder geringere Rein-
Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 29
heit seiner Farbe wenig belehren. Eine zuverlässige
Entscheidung über die wahre Farbe wird erst durch Er-
probung mit Hülfe des Spectrums gewonnen. Dieses
richtet man sich in der Weise vor, wie auf Seite 3
beschrieben und in Fig. I. dargestellt worden ist, um
alsdann noch unmittelbar hinter den Spalt, durch wel-
chen die Sonnenstrahlen in den dunklen Raum treten,
die farbige Glasplatte einzuschalten. Dann wird auf der
gegenüberstehenden Wand ein Spectrum sichtbar wer-
den, aber kein vollständiges, sondern nur ein solches,
das der Farbenzusammensetzung der Glasplatte entspricht,
die man zur Prüfung eben eingeschaltet hat.
Zu therapeutischen Zwecken dient bis jetzt noch
am besten die schön azurblau gefärbte Glasmasse, welche
man durch grösseren oder geringeren Zusatz von Ko-
baltoxydul von den dunkelsten bis zu den hellsten
Abstufungen erhalten kann. Auch das Dünnschleifen ge-
wisser gegebener Platten giebt uns Gelegenheit, die
Farbenintensität gradweise abzuschwächen. Das Kobalt-
oxydul hat zunächst die Eigenschaft, so intensiv zu
färben, dass schon ein Tausendstel davon in einer Glas-
masse sich bemerkbar macht. Was dagegen die Rein-
heit der bewirkten blauen Farbe betrifft, so ist dieselbe
von der Homogenität noch ziemlich weit entfernt.
Bringt man, um sich von dieser Thatsache zu über-
zeugen, eine genügend tief gefärbte Platte des azurblauen
Kobalt-Glases zur Spectral-Untersuchung dicht hinter den
Spalt, so dass nun nicht mehr weisses, sondern ko-
baltblaues Licht auf das Prisma fällt, so verändert
sich das auf der gegenüberstehenden Wand erscheinende
Spectrum durch die so genannten Absorptions-Erschei-
30 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes.
nungen nicht so wesentlich, a.h man dies wohl erwarten
könnte. Vom violetten Ende ab gesehen bleiben na-
mentlich die beiden ersten Drittheile des Spectrums (in
welchen Violett. Indigo, Blau, Grün und ein Theil des
Gelbs sich befinden) unverändert. Nur das letzte
Drittheil erleidet einen Verlust in seinen Farben. Das-
selbe ist von vier schwarzen Streifen (Absorptions-Streifen)
durchzogen, welche einen Theil des in ihm befindlichen
Gelbs, Orange und Rothes auslöschen. Je nachdem
man eine intensiver blau gefärbte Glasplatte hinter den
Spalt einschaltet, um so mehr sehen wir wohl die vier das
Spectrum durchziehenden Streifen dunkler auftreten, aber
dieselben nehmen nicht etwa an Breite zu, so das>
sich endlich einander berühren könnten, um das zwischen
ihnen liegende Gelb, Orange und Roth gänzlich verschwin-
den zu lassen.
Nach dem Ergebniss dieses Experiments vermindert
also das kobaltblaue Glas die dem gereizten oder orga-
nisch benachtheiligten Auge am wenigsten zusagenden gel-
ben, orangen und rothe.n Strahlen und lässt dagegen
die ihm sympathischen mit geringerer Leuchtkraft begabten
blauen Strahlen im Ueberschuss zuströmen. Aber diese
qualitative Veränderung in der Zusammensetzung des
Lichtes ist für die krankende Netzhaut von ungemeiner
Wichtigkeit. Denn wie deren Empfänglichkeit für Un-
terschiede der Lichtbrechung einen hohen Grad
hat, so dass sie die geringfügigsten Verbesserungen, die
man den durchsichtigen Substanzen mittels Schleifung
verschafft, bemerken, und z. B. selbst noch den Unter-
schied zweier Gläser mit einem Focus von je 80 und
90 Zoll wahrnehmen kann: so wiederholt sich in ihr
Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 31
ein eben so feines Gefühl für die qualitativen Verän-
derungen des Lichtes. Je mehr der gewohnte Strahlen-
complex, den das Licht bildet, durch Aenderungen
in seiner Zusammensetzung zu einer sanfteren Mischung
umgewandelt wird, desto mehr sehen wir die nur phy-
siologisch unterdrückte oder organisch ge-
hemmte Function d - wieder frei werden und
an Nachhaltigkeit gewinnen.
Ich glaubte daher einem wesentlichen Bedürfniss
der Therapie zu entsprechen, indem ich für die Verwen-
dung in der augenärztlichen Praxis eine Reihe verschie-
dener Lichtmischungen mittels kobaltblauen Glases an-
fertigen, und diese Nuancen nicht nur den Plangläsern
zur Beschaffung der bis dahin schon gebräuchlichen Schutz-
brillen, sondern auch allen geschliffenen Gläsern zutheilen
Hess. Da bekanntlich je Hundert Nummern der Concav-
und Convex - Schleifung in farblosem Glase verwendet
worden, so ist mittels dieser durchlaufenden sechsfachen
Nüancirung des Materials die Zahl der geschliffenen
Brillengläser zur Auswahl noch um Zwölfhundert gel
gen. Erinnere ich nun noch an die im sechsten Abschnitt
dieser Schrift bewiesene Thatsache. dass die beiden Augen
bei der Mehrzahl der Kranken Gläser von gleicher Schlei-
fung, aber dabei eine je rechts und links verschiedene
Lichtmischung erheischen, so steigert sich die Möglich-
keit der Combinationen berechenbar in die Tausende
und wir haben noch kein zweites Organ, dem wir mit
solcher Bereitwilligkeit eines Mittels gegenüber standen,
sei es um die Heilung beginnender Erkrankungen zu unter-
stützen, sei es um bereits organisch gewordene Erkran-
kungen auszugleichen, und des Fortbestehens der letz-
3*2 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes.
tenm unerachtet. die Brauchbarkeit de? Organs zu
ermöglichen.
Diesen für eine geregelte Licht-Therapie notwen-
digen Apparat stellte Ich im Jahre 1840 bei meiner An-
wesenheit in der optischen Anstalt zu Rathenow gemein-
sam mit dem umsichtigen Director derselben. Herrn
Busch, durch eine Reihe farbiger Original-Gläser fest.
und nachdem erst wieder die betreffenden Glashütten
das dazu geeignete Material erzielt hatten, wurde das
neue System gradweise abgeschatteter Convex- und
Coneav-Gläser von Seiten der durch ihre Leistungen aner-
kannten Anstalt in so zweckentsprechender Weise aus-
geführt, dass dasselbe mit jedem Jahre eine grössere
Aufnahme gefunden, ohne laute Empfehlung ein Gemein-
gut unzähliger Leidenden geworden, und sich zu einem
Lieblingsmittel in den Händen vieler namhaften Augen-
ärzte herangebildet und bewährt hat.
Auf Taf. IL sind die sechs kobaltblauen Nuancen,
welche ich aus einer langen Erfahrung als die brauch-
barsten erkannt habe, durch Farbendruck wiedergege-
ben. Dieses Verfahren schien mir für die leichtere Ver-
ständigung ausreichend. Für die wissenschaftliche Be-
stimmung dagegen war eine genauere Feststellung not-
wendig, und da wir eines geeigneten Cyanometers ent-
behren, so versuchte ich diesem Erforderniss durch Hülfe
chemischer Auflösungen zu entsprechen.
Mit viel grösserer Genauigkeit als mittels des Glases
und anderer festen durchsichtigen Körper — bei deren
Darstellung nicht nur das verwendete Material, sondern
auch der jedesmalige Hitzegrad auf den Ausfall der Farbe
Einfluss übt — lassen sich Farbenabstufungen durch die
Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 33
Bereitung chemischer Lösungen erzielen, sowie ge-
nau nach Maass und Gewicht feststellen. Und mit dieser
technisch günstigen Seite verbinden die farbigen Lö-
sungen noch ausserdem die therapeutisch wichtige
Eigenschaft, dass man durch sie eine der Homogenität
bedeutend näher tretende blaue Farbe erreicht, als durch
irgend einen der festen durchsichtigen Körper. Nament-
lich zeichnen sich unter den farbigen Lösungen, welche
man bisher dargestellt hat, die schön- blaue Lösung des
schwefelsauren Kupferoxyd-Ammoniaks in Wasser, und
die Lösung des Berlinerblau in Oxalsäure aus. Erstere
löscht die weniger brechbare Hälfte des Spectrums voll-
kommen aus, und es bleibt nur Blau, Indigo und Violett
übrig.*) Letztere nähert sich der Homogenität der Farbe
noch mehr, löscht auch noch das Violett aus, so dass
sie nur noch das Blau und Indigo in ihrem Spectrum
erscheinen lässt.**)
Die blauen Lösungen schienen mir daher durch
ihre beiden Eigenschaften zu einer doppelten Nutzan-
wendung geeignet, und zwar technisch zur Normali-
sirung bestimmter Nuancen und therapeutisch zur
Darreichung eines möglichst homogenen Lichtes. Ich
sah mich deshalb zu der Construirung von hohlen
Augengläsern veranlasst, welche in ihrem hermetisch
verschlossenen Raum eine dünne Schicht der schön-
blauen 'Flüssigkeit aufzunehmen vermögen.
Zu diesem Zweck Hess ich zwei Plangläser mit
ihren Flächen nicht unmittelbar — wie dies bekanntlich
bei der Bereitung der plattirten und der achromatischen
*) Siehe Tat". 1. Fig. 3.
**) Siehe Taf. 1. Fig. 4.
Böhm, Licht - Therapie.
34 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes.
Augengläser geschieht — sondern so an einander kitten,
dass sie den schmalen Rand eines dritten Planglases
zwischen sich fassten, welches central so weit ausge-
schnitten war, dass davon nur noch ein \\ Linien breiter
(dem Felgenkreis eines Rades ähnlicher) Rand übrig ge-
lassen wurde. Nach geschehener Verkittung der drei
auf einander gelegten Theile mittels Mastix, wurde als-
dann die Rand-Zwischenlage an einer Stelle durchbohrt,
um die von ihr rings umfasste flache Zwischenhöhle zu-
gänglich zu machen, die blaue Flüssigkeit einzuspritzen
und die Oeffnung dann wieder durch Mastix zu ver-
schliessen.
Erforderten die Umstände, dass nicht Plan -Hohl-
gläser, sondern geschliifene Gläser mit farbiger Flüssig-
keit gefüllt, verwendet werden mussten, so wurden nach
geschehener Zwischenlagerung des circularen Randes
statt der Plangläser in ähnlicher Weise zwei plancon-
vexe oder zwei planconcave Gläser mit ihren zugewen-
deten ebenen Flächen ringsum an einander gekittet, um
die blaue Lösung von bestimmter Saturation in sich auf-
zunehmen. Waren also Kranke in dem Bereich ihrer
Accomodation hülfsbedürftig und gleichzeitig in ihrem
Netzhautleben schwer betroffen, so eröffneten diese com-
binirten, ein gebrochenes homogenes Licht bieten-
den Gläser durch ihre erweckenden und doch schonen-
den Strahlen noch die Möglichkeit, den Rest der ver-
bliebenen Sehkraft in allen den Beziehungen verwerthbar
zu machen, welche in dem therapeutischen Theil
(siehe Abschnitt IX.) auf das bestimmteste nachgewie-
sen sind.
Was aber hier die technische Seite der mit blauer
Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 35
Flüssigkeit gefüllten Augengläser in Rücksicht auf die
Feststellung bestimmter Farben-Nuancen nach Maassgabe
der Quantität des färbenden Materials betrifft, so habe ich
zunächst der Lösung des Kupferammoniums den Vorzug
gegeben, weil ausser der Homogenität auch noch die
Dauerhaftigkeit der zu erzielenden blauen Flüssigkeit in
Betracht gezogen werden musste. Um diese Eigenschaft
beurtheilen zu können, kam mir der Umstand zu Statten,
dass ich bereits seit vielen Jahren auf meinem Studir-
tisch eine mit der Lösung von Kupferammonium gefüllte
Glaskugel stehen hatte und dass diese alte Lösung mit
einer frisch bereiteten von derselben Stärke verglichen
keine Abweichung verrieth.
Der durch seine zweckmässigen Erfindungen in der
Technik bekannte, und wegen seiner Erfahrungen hoch-
geschätzte Chemiker Herr Kindler hatte die Güte,
auf meinen Wunsch eine solche Reihefolge von Lösungen
des Kupferammoniums nach Maass und Gewicht anzu-
fertigen, welche möglichst den von mir gebrauchten sechs
Nuancen des Kobaltglases und den darüber auf Taf. IL
gegebenen farbigen Abbildungen entsprachen. Selbstver-
ständlich musste bei diesen Bestimmungen der Nuancen
auch die Stärke der Schicht in Betracht kommen,
welche die gefärbte Flüssigkeit bildete. Bei den gefüll-
ten Augengläsern aber liess sich diese Schicht nach der
Dicke des zwischengekitteten Circular-Randes genau er-
mitteln. Sie betrug nach Herrn K i n dl e r 's Messungen 0,75
preussische Linien, das sind 0,772 englische Linien oder
1,634653 Millimeter.
Den sechs blauen Abstufungen entsprachen folgende
Lösungen:
36 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes.
der Nuance I:
\ Gewichttheil Ammonium cuprico - sulphurieum,
95 Gewichttheile Wasser,
5 Gewichttheile Liquor Ammonii caustici;
der Nuance II:
1 Gewichttheil Ammonium cuprico -sulphurieum.
95 Gewichttheile Wasser,
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici;
der Nuance III:
\\ Gewichttheil Ammonium cuprico - sulphurieum,
95 Gewichttheile Wasser,
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici:
der Nuance IV:
2 Gewichttheile Ammonium cuprico-sulphuricum,
95 Gewichttheile Wasser,
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici;
der Nuance V:
2\ Gewichttheile Ammonium cuprico-sulphuricum,
95 Gewichttheile Wasser,
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici;
der Nuance VI:
3 Gewichttheile Ammonium cuprico-sulphuricum,
95 Gewichttheile Wasser,
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici.
Diese Verhältnisse können in ähnlich fortschreitender
Weise verändert werden, um die noch tieferen Nuancen
zu bilden, deren ich mich in seltneren Fällen von sehr
gesunkener Sehkraft zu bedienen Veranlassung gefunden
habe.
Die grauen Augengläser (Rauch-
gläser).
Lch lasse hier die Betrachtung einer Art von Augen-
gläsern folgen, durch welche der zur Licht-Therapie ver-
wendbare Apparat in neuerer Zeit von England her
eine Vervollständigung erfahren hat. Diese Gläser ver-
binden mit ihrer Durchsichtigkeit eine graue milchfar-
bige Beschaffenheit, und wurden deshalb von Hause aus
nicht unpassend mit dem Namen Smoke- oder Neutral -
tint-Glas bezeichnet.
Durch einen Zusatz*), den man bei der Bereitung
des Materials dem kieselsauren Kali gab. hat man die-
sen Rauchgläsern das Vermögen verschafft, alle farbi-
gen Strahlen des weissen Lichtes, das sie durchdringt.
*) Schwarzes, alle Strahlen absorbirendes, mithin undurch-
sichtiges Glas erhält man durch eine Mischung des kieselsauren
Kali mit Kobaltoxydul. Kupferoxyd und Mangansuperoxyd (oder
statt des letzteren auch wohl Eisenoxyduloxyd). Die grauen
Gläser dürften auf einer ähnlichen Composition beruhen, welche
einen verhältnissmässig geringeren Zusatz der färbenden Sub-
stanzen enthält.
38 Die grauen Augengläser (Rauchgläser).
th eil weise zu absorbiren, und somit je nach der dunk-
leren Abstufung, die man von ihnen auszuführen bemüht
gewesen ist, eine blosse Lichtschwächung ohne
alle Farbenwandlung zu bewirken. Weisses Licht,
das durch diese Gläser geht, tritt also aus ihnen ohne
alle Aenderung in seiner Zusammensetzung, d. h. als
weisses Licht . und zwar von niederer Helligkeit oder
schwächerer Leuchtkraft hervor.
Macht man den Versuch, bei recht klarer Tages-
beleuchtung zur Mittagszeit durch diese Rauchgläser zu
blicken, so geben sie dem Auge den Eindruck einer
milderen Beleuchtung, die man je nach der Wahl der
dunkleren Nuancen beliebig bis zu dem schwachen Licht
der vorgerückten Abenddämmerung herabstimmen kann,
und so ist es unverkennbar, dass die Rauchgläser alle
Eigenschaften besitzen, um in grösster Vollkommenheit
dem Auge Schutz vor relativ zu hellem Lichte
zu gewähren.
Bei aller Anerkennung, die man von physikalischer
Seite diesen Rauchgläsern nicht versagen kann, kommt
es aber hier darauf an , zu beweisen , welcher geringe
Werth in solchem blossen S c h u t z enthalten ist, wenn
man damit die therapeutischen Erfolge vergleicht, die
das qualitativ geänderte, das farbige Licht, in der po-
sitivsten Weise und in namhaft aufzuführenden Beziehun-
gen der schadhaft gewordenen Sinnesthätigkeit zu leisten
vermag. Getrieben von dem Eifer, über diesen äusserst
wichtigen Punkt auf empirischem Wege ins Reine zu
kommen, habe ich mich lange Zeit hindurch bemüht,
die Wirkung der grauen und blauen Gläser bei
Kranken der verschiedensten Art, und von dem mannig-
Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 39
fachsten ophthalmoscopischen Ergebniss, in Vergleich zu
bringen, und so die feste Ueberzeugung gewonnen, dass
unter Hundert Fällen etwa Einer für den Schutz der
Rauchgläser geeignet ist, während alle übrigen für die
Wohlthaten der gefärbten Gläser, welche einen Ueber-
schuss von blauen Strahlen gewähren, empfänglich sind.
Wie sehr man sich auch in früheren Zeiten mit
einem Schein von Recht unbedingt gegen die Mög-
lichkeit einer Therapie durch Farbenwandlung stemmte,
so dass gefärbte Gläser von hervorragenden Autoritäten
ohne Weiteres „als Instrumente einer missverstandenen
und verderblichen Kunst" erklärt wurden, wie wenig der
Widerwille dagegen auch noch heutiges Tages durch
Darlegung bündiger Thatsachen ausgelöscht ist, insofern
man hier und da durch eine zu excessive Anwendung
und eine allzutiefe Färbung der Gläser der guten Sache
geschadet und einen nicht ungegründeten Tadel*) „wegen
Ueberschwänglichkeit in diesem Gebiete" hervorgerufen
hat: so wird doch nach einer reiferen Würdigung dieses
Gegenstandes die allgemeine Anerkennung der farbigen
Gläser nicht ausbleiben, und werden daher die grauen,
blos lichtmildernden Gläser den blauen gegenüber nur
ein untergeordnetes Gebiet behaupten.
Was man als einen Haupt-Beweis gegen die Zu -
lässigkeit gefärbter Gläser betrachten zu müssen glaubte,
ist die allerdings wichtige physiologische Thatsache, dass
die gesunde Netzhaut nur dann sich in normaler An-
regung befindet, und ihre natürliche Befriedigung erlangt,
*) Siehe Dr. A. Schön Beiträge zur practischen Augenheil-
kunde, Hamburg 1861, Seite IX der Vorrede.
40 Die grauen Augengläser (Rauchgläser).
wenn sie von allen farbigen Strahlen und zwar mögliehst
in dem Verhältniss, wie sie in dem weissen Licht bei-
sammen sind, einen Genuss hat, dass sie hingegen bei
der Beleuchtung durch ein einseitig farbiges Licht leicht
in Ermüdung versinkt, und alsdann die Empfänglich-
keit allein für die jedesmal fehlend gewesenen Farben
in sich aufrecht erhält. Dafür spricht deutlich genug
nicht nur das nachträgliche Auftreten (sowohl das objec-
tive Sehen wie das subjective Hervorrufen) der comple-
mentären oder Contrast - Farben , sondern auch ein Ge-
fühl des Missbehagens und der Anstrengung im Ge-
sichts - Sinn.
Aber abgesehen von dem Umstände, dass schon im
gesunden Auge diese Ueberreizung und Ermüdung
nicht für jede Farbe in gleichem Maasse gilt, handelt
es sich ja bei der Anwendung farbiger Gläser um die
Berücksichtigung eines kranken Zustand es, in wel-
chem das Nervenleben der Netzhaut seinen physiologi-
schen Standpunkt verloren hat, oder wohl gar durch
wirkliche organische Veränderungen, wie sie uns der
Augenspiegel zeigt, ein anderes geworden ist. Und hier-
bei erweist es sich thatsächlich, dass unter Hundert Fällen
Neun und Neunzig Mal nicht sowohl ein absoluter Ab-
scheu vor dem Licht und aller Beschäftigung in dem-
selben, als vielmehr eine einseitig erhöhte Empfind-
lichkeit gegen die am hellsten leuchtenden und
am meisten verletzenden gelben und rothen
Strahlen stattfindet, während eine Sympathie für die-
jenigen Strahlen fortbesteht, welche durch den wunder-
baren Verein der grössten Schonung und der grössten
Wahrnehmbarkeit ausgezeichnet sind.
Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 41
In diesem Zusammenhange wird das Urtheil so be-
greiflich als möglich sein, welches wir bei der Verglei-
chung der Wirkung der grauen und der blauen Augen-
gläser fast von allen Kranken vernehmen, dass nämlich
erstere Gläser ihnen nur Milderung der Helligkeit bei
einem damit in Verhältniss stehenden Verlust der Deut-
lichkeit gewähren, letztere aber ihnen bei der nöthigen
Lichtmilderung vor Allem die so sehr gesuchte Deutlich-
keit wiedergeben, und die vielerlei einzelnen Wünsche
befriedigen, welche ich in dem neunten Abschnitt dieser
Schrift gesondert und ausführlich darzustellen mich be-
müht habe.
Nach meiner Erfahrung sind die grauen Gläser eine
Wohlthat für diejenigen sehr vereinzelt vorkommenden
und in grosser Hülfsbedürftigkeit dastehenden Kranken,
deren Netzhautleben sich in einem ähnlichen Zustand
von Hyperaesthesie befindet, wie ein solcher auch in ihrem
ganzen übrigen Nervensystem obwaltet. Bei diesen Kran-
ken handelt <>s sich nicht um eine grössere Wahrnehm-
barkeit der Objecte, sondern, wie in allen übrigen Nerven-
gebieten, um Verringerung des Reizes. Hysterischen und
vielen in der Sphäre des Gehirns aufgeregten Kranken
wird das rauchfarbige Glas ein unersetzliches Medium
sein, um mit der Aussenwelt in Verbindung zu bleiben.
Casuistik.
Fall I. bis 3. Heilung durch graue Gläser.
Fall 1.
Louise Hagel, 16 Jahre alt, von gracilem Habitus,
behielt aus ihrem sechsten Jahre angeblich in Folge der
4?
I n eine erhebliche Trübung der Hornhaut des rechten
Auges. Obwohl ihr auf diesem .Auge nur eine äusserst
uhe Unterscheidungskraft geblieben war. .^o erreichte
sie doch ohne irgend einen Verlust oder Sehmerzempfindung
beim Sehen ihr fünfzehntes Jahr. Das linke Auge hatte die
volle Function übernommen. Um diese Zeit aber entstanden
bei jeder Beschäftigung in der Nähe intensiv stechende
Schmerzen zuerst im kranken rechten, und dann auch im
linken Auge. Nach Verlauf von höchstens vier bis fünf
Minuten war sie am Weiterarbeiten verhindert.
rsten Versuche zur Beseitigung di S rungen
wurden mit verschieden abgeschatteten blauen Gläsern ge-
macht. Eine Brille.
Cor^ - . in azurblauer Nuance II lh.
in azurblauer Nuance VI r
diente ihr für die Nähe, eine Planbrille in denselben Nuancen
für die Ferne. Der ungebundenste Gebrauch der Augen
kehrte wieder, und keine Spur von Schmerzen machte sich
mehr geltend.
.äter. um Weihnachten 1861. traten un-
erach' mannten Hülfe die früheren Beschwerden in
ihrer ganzen Stärke wieder auf. Vergeblich versuchte ich.
um die Einwirkung der rothen und gelben Strahlen noch
mehr zu K iäser in noch dunkler blauen Nuan-
cen. Jeder Versuch blieb ohne Erfolg. Durch die Angabe
der Kranken, dass nur mit der vorsehreitenden Dämmerung
die Schmer . wurde ich darauf geführt, dass
hier ausnahmsweise nicht allein die rothen und gelben
Strahlen das feindselige Moment bildeten, sondern dass die
ganze Farbenscala zu belassen und nur der Intensität nach
herabzustimnien sei. Zu di- ■ k gab ich Gläser -j- 80
für die Nähe und plangeschliffene für die Ferne in den ent-
sprechenden grauen Abschattungen, und der Erfolg entsprach
1 ständig dieser Erwartung, dass sofort die schärfste und
ausdauernd Leidungskraft gewonnen wurde, und die
Kranke jetzt nach vier Monaten mehr und mehr die Fähig-
Die graue r (Rauchglii- 43
keit gewinnt, zu Zeiten auch mit freien Augen schme
zu arbeiten.
Ophthalmoskopischer Befund. Linkes Auge.
Form der Papilla optica kreisrund und scharf contourirt.
Die central ein- und ausmündenden Netzhautgefässe ohne
Lumenserweiterung, aber zahlreicher als gewöhnlich und
schon im Bereiche des Sehnerveneintrittes feine Ramifiea-
tionen bildend. Der übrige Augengrund wich von der Norm
in Nichts ab. war hellbraun und ohne sichtbar-
Rechtes Auge. Gerade im Centraltheil der Cornea
fand eine so ergiebige Trübung statt, dai rscheidung
Augengrundes durch das Ophthalmoscop sehr erschwert
war. Nachdem aber die Pupille durch Atropin erweitert
word :<:h beim Durchblick durch den ungetrübten
Randtheil der Cornea die Papilla optica von nicht ganz run-
der Form, kleiner al> die linke und dieselbe entbehrte nach
Innen, wo überdies ein hellerer Bogen sie umgab, der genauen
Contöurirung.
Je weniger ich vermag, die Umstände näher zu bezeich-
nen, welche gerade in diesem Fall die Hülfe durch blaue
Strahlen so ganz entschieden zurückwiesen, und ausnahms-
ein gleichmässiges Herabsetzen der ganzen Farben-
scala zur Bedingung machten, um die volle Thätigkeit und
i ermöglichen, um so mehr fand
ich mich zur Mittheihü _ veranlasst.
Fall 2.
Bei einem andern solchen Ausnahmsfall, dem Maschinen-
bauer Friedrich Rast, der im November 1.^61 durch rheu-
matische Affection plötzlich in Strabismus divergens verfiel
und von argem Doppelsehen belästigt wurde, gelang es weder
durch ungefärbte noch durch blaue Prismen ein normales
Sehen zu erzielen. Als derselbe dagegen versuchsweise ein
Prisma No. 10. in grauer Nuance V vor seinem schielenden
Auge erhielt, legten sich ohne Verzug die Doppelbilder willig
44 Die grauen Augengläser (Rauchgläser).
auf einander, und der Kranke arbeitet damit bis auf den
heutigen Tag die feinsten Gegenstände mit grösster Ge-
nauigkeit.
Fall 3.
In der eigenthümlichsten Weise gestaltete sich die Farben-
therapie bei einem jungen Landwirth, R. Grosse, von dessen
längerem Leiden ich nur hervorheben will, dass er einen rosa-
farbenen, bisweilen dem Blutroth sich nähernden Schein vor
Augen sah, wie ich ihn wohl ähnlich bei Kranken mit Em-
bolie der Retinal -Gefässe beobachtet habe. Der ferne Him-
mel wie das Schriftblatt, in dem er las, Alles war davon
überzogen. Seine Sehweite hatte sich für gewöhnliche Druck-
schrift bis auf 7 Zoll verkürzt, seine Ausdauer war bis
auf wenige Minuten zusammengeschmolzen. Ohne dass das
Ophthalmoscop etwas Besonderes erkennen liess, trug das
schwächere und dabei doch gegen das Licht viel
reizbarere rechte Auge die hauptsächliche Schuld.
Der Kranke erhielt im Sommer 1857 eine Planbrille
links in azurblauer Nuance III, rechts in azurblauer Nuance V.
Der rothe Schein verschwand, das Lesen ging in der drei-
fachen Sehferne, und auf die Dauer von Stunden von Statten;
nur zeigte sich alsbald, dass die gewählte Farbentherapie
für die küntliche Beleuchtung nicht passte. Die Brille ver-
letzte bei der Lampe und erregte Stechen und Thränen der
Augen. Ich fand mich desshalb zu einem Versuch mit den
Rauchgläsern aufgefordert, stellte entsprechend graue Plan-
gläser — in Nuance III links, und in Nuance V rechts — zu-
sammen, und siehe da! die Brille leistete vollkommen das-
selbe, was die blaue im Sonnenlicht vermochte. Grosse
durfte nie seine Tages- und Abendbrille verwechseln, er-
holte sich von seinen Sehschwächen, beseitigte kleinere Rück-
fälle durch seinen doppelten Lichtschutz, und befindet sich
zur Zeit (1862) in unbehinderter Thätigkeit.
VI.
Über die binocularen Combinations-
Störungen
als besonderes Krankheitsgebiet
und über
die darauf bezügliche Heilmethode, das
blaue Licht für das rechte und linke Auge
— insoweit beide verschieden sind —
auch verschieden abzustimmen.
xxuf ein noch leeres Blatt der Therapie gilt es hier die
ersten Worte zu schreiben. Bis auf die ophthalmologi-
schen Werke der neusten Zeit, welche den lebhaften
Fortschritt ihrer Wissenschaft fast in jedem Abschnitt
zu erkennen geben, ist man über die Störungen des
binocularen Sehens, so wie über deren Heilung noch
stillschweigend hinweggegangen, und nur beiläufig findet
man des Namens Erwähnung gethan. In empfindlichem
Grade steht also die Frage noch offen:
„auf welche Weise ist in die Thätigkeit
„zweier der Sehkraft nach verschieden
„gewordener Augen wieder Ueberein-
46 Ueber die binocularen Corabinations- Störungen.
„Stimmung zu bringen, und durch wel-
sches Mittel ist der störende Einfluss
„des schwächeren Auges auf dieFunction
„des besseren so umzuwandeln, das s statt
„der Behinderung und Negation vonSei-
„ten des ersteren wieder eine positive
„Unterstützung gewährt werde, und dass
„als Endresultat wieder ein erspriess-
„liches Zusammenwirken beider Augen
„erfolge?"
Wenn in einer so wichtigen, nicht etwa auf verein-
zelte Fälle, sondern auf eine ungemein reich vertretene
Klasse der Gesichtsleidenden sich beziehenden Frage die
Kunst noch schwieg, jedes Mittels entbehrte und der
Methodik fremd blieb: so müssen wir diesen Mangel
zum grossen Theil aus der Eigenthümlichkeit des Gegen-
standes erklären. Die Untersuchung beschäftigt sich den
binocularen Combinations-Störungen gegenüber, nicht mit
einem unseren Sinnen und Einblicken unmittelbar zugäng-
lichen Gebiet, worin die Pathologie, von neuen Werk-
zeugen unterstützt, heut zu Tage manches Unerwartete zur
Lösung brachte; sie geräth vielmehr auf einen sehr er-
schwerenden Durchgangspunkt , sie ist grossentheils auf
das Ur theil des Kranken angewiesen, welches mei-
stens lieber falsche und nebensächliche Betrachtungen,
als die Wahrheit bringt. Die Untersuchung betrifft ein
Gebiet, wo selbst bei der vollkommen normalen Seh-
kraft beider Augen die Physiker und Physiologen noch
heutiges Tages beschäftigt sind, erst den festen Boden
zu gewinnen.
So musste ich zuvörderst das Urtheil der Kranken
Ueber die binocularen Corabinations- Störungen. 47
mir zu einem Vorstudium machen, und dieses in allen
seinen Fehlschlüssen und Täuschungen kennen lernen, um
dann erst auf das Heilmittel und auf die Art und Weise
bedacht zu sein, wie ich dasselbe für die einzelnen Fälle
nach einem System verwenden könne. Aber nach der Lö-
sung gewisser hier entscheidender und zuletzt ganz ein-
facher Gesetze ergab sich das kaum zu erwartende Resul-
tat, dass eine grosse Klasse von Kranken trotz der Unheil-
barkeit ihres Grundfehlers zugänglich und behandelbar
wurde, und dass die Möglichkeit sich mir erschloss,
bisher unwiderrufliche Sehstörungen so zu berücksich-
tigen und wieder ins physiologische Gleichgewicht zu
versetzen, dass dieselben fortan ihre schädliche Bedeu-
tung und Hoffnungslosigkeit verloren.
Darf ich mich zur näheren Bezeichnung dieses neu
eingeschlagenon Weges der Therapie eines Vergleiches
bedienen, so kann ich den so ungemein häutig functionell
verschieden gewordenen Augenpaaren gegenüber nicht
besser als an eine Wage erinnern, von deren Empfind-
lichkeit man die genauesten Angaben erwartet , deren
Schalen aber eine ungleiche Schwere erlangten, und de-
ren Arme aus der Schwebe geriethen. Bei den Augen
wie bei der Wage ist der Gebrauch unter solchen Ver-
hältnissen, wenn auch nicht aufgehoben, doch unbequem,
unzuverlässig, und nur annäherungsweise maassgebend.
Wie es uns aber frei steht, die Leistungsfähigkeit der
Wage bis auf die zartesten Angaben wieder zu ordnen,
sobald wir nur Ein- für Allemal die leichtere Schale
um ein genau gewähltes Gewicht -Theilchen beschweren
und wirksamer machen: so bedarf es auch für uns nur
der kunstgerechten Zutheilung eines bestimmten blauen
48 Ueber die binocularen Combinations- Störungen.
Schattengrades für das s c h w ä c h e r e A u g e , um dasselbe
sofort wieder lebhafter zu hetheiligen, und dessen Wir-
kung so zu vermehren, dass der Gesiehts-Sinn in der
Totalität geordnet jetzt auch in seinen einzelnen Eigen-
schaften sieh wieder stark bewähre und dass unter der
Fülle von hier sieh vereinigenden Hülfsb dürftigen Diesem
die Sehschärfe, Jenem die Fernsicht, einem Andern
die Nähe, Vielen der richtige Blick, den Meisten
aber die so schwer vermisste Ausdauer im Sehen wieder-
kehre, ohne welche sie sich nur halb befähigt für die Ar-
beit und nur geduldet in ihrem Berufe fühlen mussten.
Der einer solchen Behandlung Unterworfene bleibt
freilich im Wesentlichen, d. h. in seinen organisch ge-
wordenen Mängeln derselbe ; der weisse Rand um seine
Papilla optica verschwindet nimmer, die Chorioideal-
Gefässe des schwächeren Auges treten uns nach wie vor
hell und ausgespart entgegen, und das geschwundene
Pigment kehrt nicht zurück! Aber des Kranken sehn-
lichster Wunsch ist erfüllt, das Licht für sein je einzel-
nes Auge anders gefärbt, jederseits in anders abgestimm-
ten Schattengraden zusammengeführt, ist wie das Aus-
gleichungs- Gewicht der Wagschale das Berichtigungs-
mittel für den Gesichts-Sinn, und ausgeglichen wird,
was für den Einzelnen höchst lästig, und doch in seinen
Grundbedingungen nicht aufzuheben war. Denn es
knüpft sich an jedwede Ungleichheit der Augen nicht
etwa nur ein gewisses Entbehrniss von der schwächeren
Seite her — das wäre der allergeringste Schaden —
sondern fast immer tritt der schlimmere Fall ein, dass
der Fehler des einen Auges unmaassgeblich auch das
andere gesunde Auge in seiner Function hindert und irre
Ueber die binoculareu Combinations- Störungen. 49
macht, dass also eine gewisse Mitleidenschaft des
gesunden Auges zu Stande kommt, durch welche die
einzelnen Individuen in die allerpositivsten Nachtheüe
gerathen, über welche man bisher hinwegsah, während
man auf deren Berücksichtigung nicht genug Fleiss ver-
wenden kann.
Unter Mitleidenschaft verstehe ich hier noch
nicht ein wirkliches und organisches Miterkranken, zu
dem es ja bekanntlich in einzelnen Fällen kommt, und
wovon manche Beispiele erzählt werden. Es handelt
sich hier um die viel alltäglichere, und deshalb auf un-
ser Interesse noch in viel höherem Masse Anspruch
machende Anfeindung, die das zur Zeit noch voll-
kommen gesunde Auge unvermeidlich erdulden muss.
und durch welche mehr des Schadens erwächst als an-
zunehmen man sich bisher veranlasst sah. Dieser An-
feindung — wie ich sie nennen möchte — und allen
ihren die Schwächung einer guten Sehkraft herbeiführen-
den Folgen soll der Weg vertreten werden. Den Boden
für die Hülfe bietet noch einzig und allein das eine,
z. B. das schwächere linke Auge, während der Gesichts-
leidende in Unkenntnis uoef seinen Zustand in der Re-
gel seine beiden Augen als schwach und krank er-
achtet, oder wohl gar seine Klagen oft genug nur auf
sein ganz gesundes rechtes Auge richtet, irre geleitet
durch den Umstand, dass dieses als das thätigere Organ
die beständige Xebenaufgabe hat, die Hindernisse mit
zu verarbeiten und zu besiegen, die ihm von der anderen
Seite her an Stelle einer erleichternden Unterstützung
erwachsen, und in ihm eine Reizung hervorrufen, die
sich oft bis zum Schmerzgefühle steigern kann.
Büh in, Licht -TlK-rapi«'. 4
50 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
Eines eigenthümlichen Umstandes muss ich hier
Erwähnung thun. Nichts scheint näher zu liegen, als
dass ein Kranker, dessen rechtes Auge von der Mitwir-
kung des linken zu dulden hat, es unbedingt vorziehen
werde, das letztere zu schliessen, um sich lieber seines
rechten Auges allein zu bedienen. Aber in Wahrheit
müssen wir erfahren, dass ein solches versuchsweise
angestelltes einseitiges Sehen nur selten eine Befriedigung
gewährt, und den Krankheitszustand gar nicht trifft, um
dessen Beseitigung es sich hier handelt. Ohne geordnete
Mitbetheiligung des schwächeren Auges, zu deren Er-
möglichung wir die Mittel und Wege eben angeben
wollen, bleibt die Deutlichkeit der Objecte unbefriedi-
gend, und, wo diese auch ausreichend wäre, fehlt jeden-
falls die Stätigkeit im Sehen. Ein unbehagliches Gefühl
von Anstrengung und Ermüdung entsteht in dem allein
verwendeten Auge, und schmerzhafte Empfindungen, die
sich auch dem zugeschlossenen Auge mittheilen, zwingen
alsbald zur Unterbrecliun^jtlÄt^rbeit.
So blieb in d^ffiC ffi ruffira& ftflfe^es übrig, als auf
eine Einrichtuna^fiu sinnen, unter cßcen Vermittelung
beide, wenn aulh ungFÜffcn *g$v\lfifl£nen Augen, dennoch
mit Vortheil un&^clmejÄl&g^wieder zusammen wirken
könnten. Dazu erw^aj spiRnihr^ ^blaue Licht als das
beste Agens, sobald ich dasselbe jedem einzelnen Auge
in richtiger Intensität, und zwar dem schwächeren Auge
in einer verhältnissmässig dunkleren Abschattung ge-
währte.
Auf zwei wichtige Lehrsätze ist auch die neuere
Experimental-Physik gekommen, welche theoretisch Das-
selbe aussprechen und einzeln von den gesunden Augen
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 51
beweisen, was sich mir bereits für die erkrankten Seh-
organe in der Combination als eine ungemein brauch-
bare und wirksame Hülfe erwiesen hatte. Es sind dies :
1) Der Lehrsatz Dove's, „dass das blaue Licht
„unter anderen Vorzügen, die es besitzt, wahr-
nehmbarer sei, als jedes andere."
2) Der Lehrsatz Fechner's*), „dass wenn zum
„Licht in einem Auge Licht im anderen Auge
„hinzutritt, je nach den Intensitäts- Verhältnissen
„der Lichter, die Helligkeit, die das eine Licht
„erzeugt, durch den Zutritt des anderen, ebenso
„gut abnehmen als wachsen kann."
Wachsen der Helligkeit aber mit gestei-
gerter Wahrnehmbarkeit der Objecte durch ge-
wisse Intensitäts-Verhältnisse des blauenLich-
tes ist gerade das Bedürfniss für zahllose Kranke, deren
Auffassungsvermögen sonst unwiderruflich dahin ist; und
was die Physik hier von ihrem Standpunkte aus beweist,
hatte sich mir bereits Seitens der Therapie auf das
festeste bewährt. Blaues Licht musste dem schwächeren
Auge, und zwar in einem ganz bestimmten und verhält-
nissmässig dunkleren Grade, zuertheilt werden, damit
dem durch besondere Umstände schwankend gewordenen
Sehsinn wieder in entsprechender Weise aufgeholfen
werde.
Zur Begründung einer solchen auf Ausgleichung
vorhandener Missverhältnisse beruhenden Licht-The-
rapie musste ich, dem so verschieden vorkommenden
*) G. Th. Fechner, über einige Verhältnisse des binocularen
Sehens. Seite 41G. Leipzig 18G0.
4.*
52 Ueber die binocularen Cc-inbinations - Störungen.
Abstände in der Sehkraft des rechten und linken Auges
gegenüber, ursprünglich mannigfache Versuche anstellen,
ehe es mir durch die Erfahrung und durch begünstigen-
des Zutreffen gelang, die am besten zu einander stim-
menden Farbentöne zu finden, und zu ermitteln, bis wie
weit es überhaupt möglich sei, verschieden starke Augen
wieder ganz gleich und wenn auch dies nicht, so doch
wenigstens wieder einig und brauchbar mit einander
zu machen. Als Beweis aber, dass dieses Ziel für den
einzelnen Fall gelungen sei, konnte ich beiläufig mit Zu-
versicht den Umstand betrachten, dass dann der Kranke
bei abwechselndem Schliessen und Oeffnen der einzelnen
Augen durch sein schwächeres, zur Zeit mit einem dunk-
leren Glase versehenes Auge eine vorgelegte Papierfläche
ziemlich ebenso gefärbt, und in den günstigen Fällen
auch kleine Gegenstände (Buchstaben) eben so deut-
lich erkannte, als durch sein besseres,mit einem helleren
Glase versehenes Auge.
Wie vorauszusetzen war, fand sich natürlich darin
eine Grenze. Unter ein gewisses Maass gesunkene, durch
vorliegende Trübungen, Formveränderungen der Papilla
optica, stark vortretende Chorioideal - Gefässe, theilweise
Ablösungen, krankhafte Pigmentirung oder wie sonst
beeinträchtigte Netzhäute konnten freilich nicht mehr
durch die entsprechend tiefen Abschattungen des blauen
Lichtes bis zur Norm zurückgeführt, und zu ganz glei-
cher Auffassung mit dem gesunden Auge gebracht wer-
den. Aber auch diese der Zähl nach häufigen Fälle
waren für meine Methode nicht verloren, sondern noch
dadurch einer wesentlichen Verbesserung fähig, dass das
bisher nur positiv störende Auge von jetzt an zur nütz-
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 53
liehen Beihülfe für das andere, gesunde, oder gesundere
Auge mit herangezogen werden konnte.
Gleichfalls zeigte es sich, dass, zumal bei der noth-
wendigen Wahl eines schon recht dunklen Licht -Tons
für ein bedeutend schwächeres Auge, das gesunde Auge
in der Regel nicht im absolut weissen Licht verbleiben
wollte, sondern einen, wenn auch noch so geringen,
blauen Gegen -Ton verlangte, damit nur verschieden
blaues, nicht wirklich zweifarbiges (blaues und weisses)
Licht sich central begegne.
Diese und ähnliche Thatsachen stellten sich mit
der Zeit fest. Dann aber traten Erfolge hervor, %die
meine grössten Erwartungen übertrafen, und die Reife
dieser Therapie bekundeten. Jeder neue Versuch mit
zweierlei, dem individuellen Fall richtig angepassten blauen
Farbenabschattungen gab mir den klaren Beweis, wie
hier eine in das eigenthümliche pathologische Yerhältniss
der beiden Augen zu einander in dem Grade eingehende
und sachgemässe Wirkung erfolge, dass an der Ausbeute
dieser therapeutischen Maassregel die allerverschiedenar-
tigsten Augenkranken Theil nehmen konnten, weil darin
mehr eingeschlossen liegen müsse, als die blosse Unter-
stützung jedes einzelnen Auges. Eine centrale Wir-
kung machte sich geltend, und unverkennbar war es,
dass die beiden Farbentöne vor Allem durch ihre leichter
gewordene Verschmelzung im Gehirn wohlthätig wirkten,
dass sie dort das Gleichgewicht der beiden — gleich-
viel aus welchen Gründen — sich anfeindenden Augen
herstellten, die mannigfachsten Sehstörungen, von denen
in den einzelnen Abschnitten dieser Schrift später die
Rede sein wird, im Keime trafen, und selbst solchen
54 Ueber die binocularen Combinations- Störungen.
Reizungen ein Ende machten, welche von der betreffen-
den Hirnstelle aus excentrisch an fernen Körperstellen
wiederklangen.
Merkwürdig und überraschend war — wenn ich
mich so ausdrücken darf — die sofort erwachende un-
widerstehliche Lust des schwächeren Auges, unter dem
Schutz, oder besser unter der Anregung eines an blauen
Strahlen reicheren, d. h. wahrnehmbarer und schonender
gemachten Lichtes dem anderen seither fast oder ganz
allein thätigen, ja von ihm angefeindeten Auge mit Einem
Male wieder helfend beizustehen. Geweckt wurde
sichtbar jene längst verlorene oder geradezu in das
Gegentheil verwandelte Sympathie beider Augen, und
wieder lebendig und leitungsfällig wurden die stumpf
gewordenen tausendfachen Telegraphen-Linien, die, durch
das centrale Nervenorgan geführt, die beiden Netzhäute
in innige Verbindung setzen sollen. Die schwächere
Netzhaut, unter ein milderes, mit feineren Wellen schwin-
gendes Licht gebracht, ergänzte wieder die andere bisher
unter gleichem Licht von ihr beunruhigte meistens durch
ein Gefühl von Flimmern von ihr belästigte Netzhaut.
Der in den verschiedensten Ausübungen seines Gesichts-
Sinnes, im Fern- oder im Nahesehen, im deutlichen
oder dauernden Sehen urplötzlich durch blosses schat-
tigeres Licht von der einen Seite her um das Doppelte
gehobene, oder von Schmerzgefühl befreite Kranke wurde
wieder von dem frohen Bewusstsein durchdrungen, nicht
mehr, wie er bisher sich fühlte, „einäugig" zu sein,
oder gar mit noch grösseren Hemmnissen kämpfen zu
müssen, als seine wirklichen und Jedem offenkundigen
einäugigen Leidensgefährten.
r die binocularen Combinations- Störungen.
Was man bisher bo oft, aber fast immer
für vereinzelte Fälle durch rechte und links verschiedene
Schleifung der Augengläser zu gewinnen bemüh-
war nunmehr im Grossen and Ganzen für die ungleich
thätigen, und für die unverträglich mit einander hadern-
den Augen erreicht Was die Lichtbrechung — zu-
mal bei schon organisch begründeten ftietxhautaaec4M>
nen - zu leisten ausser Stande war. sah ich durch die
aasglei c h e nde Lichts c h attirnn g verwirklicht Und
wie es einmal die Erfahrung Kehrt, da» ein kränkeln-
de«, fast blindes Auge das andere absolut gesunde in
Mitleidenschaft sieht, untüchtig macht, ja bis auf aas
organische Substrat verdirbt: so lag nunmehr dasjenige
naturgemasse Mittel in meiner Hand, w elches »eh noch
unzähligen Kranken hüifreich erweisen wird, bei denen
wir jetzt gleichsam mit umgekehrter Waffe vom schwäche-
ren oder scheinbar blinden, in Wahrheit aber nicht aus
dem optischen Connex getretenen Auge (siehe darüber
Gap. X.) wohlthätig auf das andere bessere hinüherwirken.
letzteres gegen begonnenes Nachsinken zur rechten Zeit
schützen, und vor der oft unwiderruflich sich einschlei-
chenden Unbrauehbarkeit. zu der das andere den
zwingenden Aula-- giebt, bewahren können.
Ein wicht der Therapie kommt
also zur Sprache. Denn es handelt sich nicht um iso-
lirte Falle, sondern um das Wohl und Weh der ganzen
Niuime verschiedenartigster Kranken, welche,
wenn auch bisher noch so zweckmässig im Einzelnen be-
handelt, doch in ihrem gemeinsamen Schicksal „de r ein-
geleiteten Abhängigkeit ihres
von dem einmal schadhaft gewordenen" unbe-
56 Ueber die binocularen Combinations- Störungen.
rücksichtigt blieben und ohne Rath und Hülfe von uns
gehen mussten. Der von einer einseitigen Ophthalmie
Genesene, aber unserer Bemühungen ungeachtet mit
einem schwachen Hornhautwölkchen, einer kleinen
Linsentrübung, einer leichten Exsudation in der Pupille,
einer kaum entdeckbaren Alteration des Glaskörpers,
einem geringen Anflug von einseitiger Amblyopie mit
oder ohne sichtbare Veränderungen des Augengrundes
aus der Kur Entlassene musste oft erfahren und seine
leisesten Befürchtungen immer schärfer und drohender
sich bestätigen sehen, dass er nachträglich doch noch
auf beiden Augen allmählig je nach Umständen reiz-
barer, kurzsichtiger, dauerloser, selbst schwachsichtiger
ward, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil
er des vorsorglichen Schutzes gegen die viel schlimmeren
Rückwirkungen entbehrte, weiche nach einer versäumten
oder nicht ganz gelungenen Kur als Combinations-
Störungen von dem einmal beschädigten Auge auf dem
Wege durch die centrale Verbindung auch für das ge-
sunde Auge langsam nachgezogen kommen.
Durch den planmässigen, dem je einzelnen Auge
entsprechend zugetheilten Verbrauch eines anders schwin-
genden Lichtes, also durch eine leicht zu Gebote stehende
Maassregel, die fast zu schlicht erscheint, als dass man
davon etwas Wesentliches erwarten könnte, wird dieser
grossen Gesammtzahl der Augenkranken gegenüber ein
Resultat gewonnen, das von der nun bereits über fünf Jahr-
hunderte ausgeübten, aber zu einseitig nur mit den Ge-
setzen der Lichtbrechung sich beschäftigenden Augen-
gläserkunde unbeachtet und unbenutzt geblieben ist. Die
vielen Störungen und^ Verluste der Sehkraft, die lediglich
Ueber die binocularea Combinations - Störungen. 57
in dem gegenseitigen Verhältnisse der beiden
Augen zu einander begründet, und als solche direct
nicht zu heben sind, werden durch die qualitative Licht-
wandlung fortan palliativ ausgeglichen und oft genug auf
diesem Wege noch radical geheilt.
Der Therapie ist mithin durch das rechte und links
verschieden blaue Lieht nicht etwa ein ergötzliches und
wandelbares, sondern ein bleibendes, physiologisch be-
gründetes Mittel zugeführt und eine positive Einwirkung
eigentümlicher Art einverleibt, die nicht auf den für
die Menge schwer erreichbaren, oft schwankenden Spitzen
der Wissenschaft, oder in den Händen selten begabter
Aerzte ruhen, sondern wegen ihrer Natürlichkeit, Ein-
fachheit und technisch leichten Ausführbarkeit gleich dem
Verbrauch der geschliffenen lichtbrechenden Augengläser
Eingang in's Leben finden wird, und unter der Leitung
eines jeglichen Arztes, der sich dafür interessirt, oder
einsichtvollen Optikers, der sich darin eine Gewandtheit
zu erwerben bemüht war, gedeihen und gemeinnützig
werden kann.
Der Uebung wird es freilich auch hier für den Ein-
zelnen bedürfen, um sich das richtige Urtheil zu erwer-
ben, wie bestimmten Gradeunterschieden in der Sehkraft
des rechten und linken Auges auch therapeutisch be-
stimmte Abschattangs -Grade anzupassen sind, welche
man in plane oder auch nach Umständen in convex-
oder co n c a v - gewölbte oder in prismatisch geschliffene
Gläser legt. Je längere Zeit man aber in dieser Therapie
einheimisch wird, und je grössere Reife das Urtheil dafür
gewinnt, desto umfangreicher und mannigfaltiger wird
sich die Zahl der Fälle herausstellen, welche wir ferner
58 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
nicht mit zeitrauben,den und zweifelhaften Kurversuchen
des alten Verfahrens noch belästigen werden, da der un-
mittelbarste und erschöpfendste Erfolg aus unserer licht-
verwaltenden Hand für sie hervorgeht, und es uns
unbenommen bleibt, bei den für die Fortsetzung ihrer
Thätigkeit einstweilen befriedigten und vor Schaden ge-
sicherten Kranken die sonst noch indicirten Mittel in
vollem Maassc anzuwenden. Wie wichtig aber dieses
Sachverhältniss bei chronischen, veralteten und auf or-
ganischer Veränderung beruhenden Fällen ist, wo unsere
Hoffnungen auf radicale Heilung überhaupt sehr gemässigt
sein müssen, daran werde ich wohl kaum erinnern dürfen.
Eine Hauptregel will ich als leitende Richtschnur für
die Licht - Therapie nur hervorheben, von der aus die
übrigen Farbencombinationen sich leicht ordnen lassen.
Wie bei der Auswahl von Convexgläsern man annehmen
kann, dass derjenige Presbyopische , der seines vorge-
rückten Zustandes wegen gewöhnliche Druckschrift nur
mit grosser Mühe oder gar nicht mehr liest, ungefähr
schon ein Convexglas No. 20. erhalten muss: so ist bei
der Farben -Therapie dem schwächeren von beiden
Augen, welches aus irgend welchem Grunde bis zur Un-
möglichkeit des Lesens angelangt ist, schon ein Farben-
ton von meiner Nuance V oder VI zuzutheilen, während
das bessere, noch zum Lesen fähige je nach Umständen
als Gegenton die blaue Nuance I, II, III oder IV erhalten
muss. Der Ungeübtere wird bei seinen Wahlen, ähnlich
wie bei der Bestimmung der geschliffenen Gläser, sich
noch viel nach dem Urtheil des Kranken zu richten haben,
und erst probeweise die Farbenabstimmiingen zu finden
im Stande sein, unter denen die Augen am besten har-
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 59
moniren und die grössten Leistungen bringen. Der Ge-
übtere hingegen wird sieh von dem Urtheil des Kranken
immer freier machen, und nach einem je einzeln mit dem
rechten und linken Auge angestellten Leseversuch, sofort
die Farbencombination festzustellen vermögen, unter der
die Unterscheidungskraft am meisten gehoben wird. Hier
bleibt, wie ja überall in der Therapie, Vieles dem Talent
des Einzelnen überlassen, und mit demselben Arzneischatz
ausgerüstet, wird doch nicht Jeder bei seinen Kranken
Dasselbe erreichen, zumal wenn es in complicirteren Fal-
len darauf ankommt, die richtigen Farbencombinationen
mit der zweckmässigen Schleifung der Gläser zu ver-
einigen, und den verschiedenen Beschäftigungen gegen-
über Mancherlei mit in Anschlag zu bringen. Wer
möchte aber darin einen Grund zum Vorwurf erblicken,
dass sich erst dem geübtesten und geschärftesten Urtheil
die schönsten Resultate erschliessen?
Endlich fehlt es nicht an bestimmten Erken-
nungsmitteln für die glücklichste Wahl der Farben-
Zusammenstellung, wo es in einzelnen Fällen auf die
Beseitigung dieses oder jenes Sehmangels ankommt.
Die Anlegung eines einfachen Maassstabes z. B. giebt
unzweifelhaft an, unter welcher Farbencombination ein
schwach- und kurzsichtig gewordener Kranke mit beiden
Augen zusammen wieder am weitesten sieht. Und
hier handelt es sich in Wahrheit nicht nur um Zolle,
sondern oft um einen oder mehrere Fusse, die man durch
die blosse Farbenabstimmung von Plangläsern für kleine
Objecte gewinnt! Schriftproben zeigen an, bis in wie
feinere Züge hinein das sonst keinem Mittel zugängliche
Auge durch blosse Farbenverschmelzung im Bereich der
(30 Ueber die biuocularen Combinations- Störungen.
optischen "Wurzeln, sich seiner Amblyopie entschlaft.
Die Uhr zählt die Dauer! Soviel Stunden unausgesetzter
Thätigkeit wird mancher Kranke unter dem richtig \
wählten Gläserpaar verrinnen sehen, als er ohne dasselbe
oft nur Minuten lang thätig zu sein vermochte. Ja zum
Wettstreit kann es in ein und demselben Kranken kom-
men, ob die F e nie. die D e u 1 1 i c h k e i t oder die Dan e r
unter dem Doppellicht ihr höchstes Maass erreiche.
Und in noch anderer Weise wird die Wirkung des
einseitig verstärkten blauen Lichtstrahls bei denjenigen
Kranken anschaulich, deren binoculare Comhinations-
Störnag sich nicht sowohl durch diese oder jene Gesichts-
Btkwäche, als in dem Umstände ausprägt, dass die un-
gleich gewordenen Augen sich offenkundig durch Schie-
len von einander trennen. Als nach Strom eye r's*)
Rata und nach Dieffenbach's**) Vorgang der Weg
onnen war. die Schielenden durch Operation zu heilen,
gab dies wieder zunächst Veranlassung, dass man sich
ernstlicher mit den Sehfehlern dieser Kranken beschäf-
tigte. Ich wies damals den Schwächezustand des Aeeo-
modations- Apparates für die Nähe nach, der meistens
im abgewichenen, oft auch seeundär im richtig blicken-
den Aime der Schielenden einheimisch ist, und lehrte.
diesen bis dahin seiner Natur nach noch dunkel und
unzugänglich gebliebenen Krankheitszustand von Kopiopia
(heberudo visus) in Rücksicht auf die Netzhäute durch
*) Dr. L. Strome ver, Beiträge zur operativen Orthopädik,
Seite 22. Hannover 1838.
**) J. F. Dieffcnb ach, Ueber das Schielen und die Heilung
desselben durch die Operation. Berlin 1842.
Ueber die binocularen Combinationa -Störungen. Gl
blaue Convexgläser zu behandeln.*) Donders
führte alsdann zum Zweck der optischen Heilung der
Schielenden die prismatisch geschliffenen Gläser ein.
Allein die Zahl der Kranken, deren abgewichene! Auge
dem angefärbten Prisma folgt, ist verhaltnissmasfiig nur
gering, und der physiologisch so ungemein scharfsinnig
entworfene Kurplan scheitert zu oft daran, dass das
schielende Auge entweder überhaupt zu schwachsichtig
ist (kein Doppelbild erregt), um auf die Lockungen des
Prisma einzugehen, oder dass dasselbe uneraehtet einer
miflBigew Sehkraft und eines vorhandenen Doppelbildes,
dennoch zu geringe Sympathie besitzt, um mit den an-
deren Auge sich zur binocularen Combinaöon im rich-
tigen Blick zu vereinigen.
In solchen Fällen ist ein gewisser Ueberschuss von
blauen Strahlen, den wir dem schielenden Auge gleich-
zeitig mit dem Prisma zutheilen, das therapeutisrhe
Mittel, um sofort die fehlende Sympathie zu wecken,
und die binoculare Combination mit allen Yortheüen für
die Sehkraft wieder flüssig zu machen. Manches schie-
lende Auge, dem das farblose Prisma ein vollkommen
gleichgültiges optisches Instrument ist, kehrt unter dem
blauen Prisma ohne Verzug in -den richtigen Blick zu-
rück und tlieilt mit dem anderen Auge gemeinsam die
Arbeit. In unserer experimentirenden Hand liegt
das schielende Auge nach Willkür entweder in den
richtigen Blick eintreten oder in die falsche Stellung
*) Dr. L. Böhm, Das Schielen und der Sehnenschnitt in sei-
neu Wirkungen auf Stellang und Sehkraft der Augen. Seite 109
bis i;>7. Berlin 1-
62 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
austreten zu lassen, je nachdem wir vor das Prisma
noch ein blaues Planglas vorlegen, oder davon entfernen.
Bei der Aufgabe, die ich mir stellte, das blaue Licht
als ein neues Mittel zur Erreichung so verschiedenartiger
Zwecke einzuführen, wird die hier in ihren Principien
entwickelte Methode „der einseitig verchiedenen
Zutheilung des blauen Lichtes" alle weiteren Ab-
schnitte dieser Schrift als ein integrirender Theil begleiten
und darin ihre fernere Erledigung finden. Um aber den-
jenigen meiner Fachgenossen, die sich dieser Methode in
Fällen bedienen wollen, wo die bisherigen Verfahrungs-
weisen eine therapeutische Lücke zu lassen scheinen,
und wo namentlich der ophthalmoscopische Befund des
einen Auges jede radical verbessernde Einwirkung mit
aller Entschiedenheit zurückweist, nochmals den physio-
logischen Faden an die Hand zu geben, soll nach kurzer
Schilderung einiger hierher gehörigen die Combinations-
Störung deutlich bekundenden Fälle, in den zwei zu-
nächst folgenden Abschnitten in Erinnerung und in Ver-
gleich gebracht werden, wie das rechts nud links ver-
schieden geschattete Licht normal auf zwei gesunde
Augen wirkt, ganz anders aber und in einer für
uns therapeutisch ^nutzbaren Weise auf zwei
krankhaft verschieden gewordene Augen seinen Ein-
fluss übt.
Ueber die binoculareu Combinations - Störungen. 63
Casuistik.
Fall 4. bis 12. Zur Behandlung der Conibinations- Störungen.
Fall 4.
Nebeneinander gestellte Plangläser in Nuance III
und VI wirken in der Weise ein, dass mit der
Wiederherstellung des binocularen Sehens die
Augen aus vollständiger Unbrauchbarkeit für die
Nähe wieder zu dauernder Thätigkeit
zurückkehren.
Auguste Mechert, 24 Jahre alt, hatte nach einer
vierjährigen Beschäftigung mit Stickereien auf dunkelfarbigem
Sammet eine erhebliche Abnahme ihrer Sehkraft wahrge-
nommen. Sie ging deshalb zu Handarbeiten auf weissen
Stoffen über. Nach einigen Monaten war auch hierfür alle
Fähigkeit geschwunden.
Die angestellte Untersuchung ergab, dass die Kranke
noch lesen konnte, aber nur bei einer genau inne gehaltenen
Sehweite von 9 Zoll. Und auch hierbei fehlte in der Art
die Ausdauer, dass schon nach dem Durchlaufen von zwei
Zeilen Schwere in den Augenlidern, Druck und Brennen in
den Augen selbst entstand, so dass eine Unterbrechung des
Sehens nothwendig wurde. Mit Nähen konnte sich — wie
ich dies oft beobachtet habe — die Kranke scheinbar aus-
dauernder . beschäftigen. Aber es kam dabei der Umstand
zu Hülfe, dass durch regelmässiges Schliessen der Augen
beim jedesmaligen Durchziehen des Fadens dem wirklichen
Ausspannen der Netzhäute vorgebeugt wurde. Unter vielen
sonstigen Mitteln waren auch schon sowohl hellblaue wie
dunkelblaue Plangläser erfolglos versucht worden.
Die alleinige Stelle, von wo aus die Kette des Leidens
zu lösen war, lag in der gestörten Mechanik des binocularen
Sehens. Ich fand alsbald, dass das linke Auge diese Störung
anbahnte. Dasselbe war nur noch zum mühsamen Erkennen
64 Ueber die binocularen Combinations- Störungen.
einiger wenigen Buchstaben fähig, obgleich bei der ophthal-
moscopischen Untersuchung desselben sich nicht die geringste
Abweichung in den Medien oder der Netzhaut selbst ent-
decken Hess. Auch jeder Versuch, der Kranken durch —
oder + geschliffene Gläser zu helfen, blieb ohne Erfolg, zum
Beweise, dass der Acconiodationszustand ausser Schuld sei.
Therapie. Um die von rechts und links kommenden,
feindselig im Centrum streitenden Lichtströme zu ordnen, und,
mit der Wiederherstellung des binocularen Friedens, in un-
mittelbarster Weise die Klagen der durch Kuren schon vielfach
geprüften Kranken zu heben, verordnete ich die Lichtbrille
Plan in Nuance III rechts,
Plan in Nuance VI links.
Die, wie oben bemerkt, genau auf 9 Zoll beschränkte
Sehweite wurde sofort freier und rückte sowohl nach der
Nähe als der Ferne hin um einige Zoll auseinander. Aller
Schmerz blieb aus. Die Möglichkeit, zwei Zeilen zu lesen,
dehnte sich auf ein Zeit -Ziel von Stunden aus. Zu ihrer
früheren Arbeit zurückgekehrt, beschäftigte sich die Kranke
unausgesetzt nicht nur den Tag hindurch, sondern des the-
rapeutischen Versuches wegen auch noth mehrere Stunden
bei künstlicher Beleuchtung, und zwar ohne Nachtheil.
Denn als ich nach einigen Monaten die Sehkraft der Augen
in unbewaffnetem Zustande erprobte, las die Kranke bereits
statt zwei Zeilen eine volle Viertelstunde, und auch das linke
Auge allein hatte in der Auffassung kleiner Objecte wesent-
lich gewonnen.
Um den radicalen Fortschritt ferner zu sichern, wurde
in dem obigen Farbencontrast eine rückgängige Verordnung
getroffen, und
Plan in II rechts,
Plan in IV links
verschrieben. Mit dieser Lichtbrille arbeitete die Kranke
ohne Schwierigkeit bis zur vierten Nachmittagsstunde, um
dann mit grösserer Befriedigung zu den stärker differenten
Abschattungsgraden überzugehen.
Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 65
Gleich gefärbte Plangläser, in helleren so wie in dunk-
leren Nuancen zur Gegenprobe gegeben, versagten sämmtlich
binnen kurzer Zeit ihre Hülfe, denn sie trafen nicht die dem
Leiden zu Grunde liegende Combinations- Störung. Das Um-
kehren der für nützlich befundenen beiden Lichtbrillen, in
der Art, dass die Augen ihre Abschattungsgrade vertauschten,
war erklärlicher Weise vom schlechtesten Erfolge begleitet.
Fall 5.
Die Versetzung der linken organisch erkrankten
und schwachsichtigen Netzhaut unter die Einwir-
kung tief blauer Strahlen giebt der gesunden, aber
durch Combinations-Störung entwertheten, rech-
ten Netzhaut die volle Gebrauchsfähigkeit
wieder.
Ottilie Gelinde, 28 Jahre alt, trug seit der frühesten
Jugend eine Hornhaut-Trübung des linken Auges, und hinter
dieser kranken Aussenfläche des Organs befand sich — wie
man so oft beobachtet — ein destruirter unseren Hülfsmitteln
noch weniger zugänglicher Augengrund. Durch das Ophthal-
moscop sah ich eine undeutlich contourirte und ausserdem
von einem helleren Kreise umgebene Papilla optica, aus deren
excavirten Fläche die Gefässe mit einem Knick in die Netz-
hautfläche gelangten, und von denen man Eines bei Verän-
derung der Focal-Distanz als einen abgelösten peitschenartigen
schwarzen Faden in den Glaskörper hineinragend verfolgen
konnte. Bei diesem Thatbefund war es nicht befremdend,
dass das Auge nur mühsam einzelne Buchstaben aus der
grössten Jag er 'sehen Schriftprobe (No. 20.) zu entziffern
vermochte.
Zu ihrem Glück gehörte die auf Handarbeiten angewiesene
Kranke zu den massig myopischen ; sonst dürfte wohl schwer-
lich das seit frühester Jugend allein im Gebrauch gewesene
rechte Auge sich so lange zu angestrengtem Dienste herbei-
gelassen haben. Seit den letzten drei Jahren spannte aber
auch das rechte Auge immer mehr aus, und verfiel endlich,
Böhm, Licht - Therapie. 5
66 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
obwohl die Kranke die Beschäftigung mit weissen Stoffen
ganz zu vermeiden suchte, bis zu dem Grade den binocularen
Anfeindungen, dass sich diese bereits in einer vierfachen
Symptomen - Reihe bekundeten :
1) Der Kranken schwand, ihrer Myopie unerachtet, immer
mehr die Ausdauer, und sie war bei ihrer Beschäftigung
bis auf Minuten beschränkt. (Siehe Cap. IX., 6.)
2) Dieselbe war genöthigt, während der Beschäftigung den
Fernpunkt von Secunde zu Secunde kürzer zu wählen.
(Siehe Cap. IX., 3.)
3) Ein Gefühl von Druck und Schmerz entstand im linken
Auge, das sich dem gesunden und zuletzt der Stirn-
gegend mittheilte. (Siehe Cap. IX., 5.)
4) Eine nebelhafte Verdunkelung schien ihr von der linken
zur rechten Seite hinüber zu ziehen und raubte schliess-
lich jede deutliche Unterscheidung. (Siehe Cap. IX., 2.)
Irrte ich mich darin nicht, dass diese vierfach, sich ab-
lösende Symptomen -Reihe auf einer von links nach rechts
überwirkenden Combinations - Störung beruhte , so durfte
schwerlich ein anderes Heilmittel erdenkbar sein, als das
entsprechend abgetönte, die Disharmonie ausgleichende Licht.
In diesem Sinne verordnete ich der Kranken
Planglas in Nuance II rechts,
Planglas in Nuance VI links,
und rieth ihr, sich sofort der vollen Arbeit, woran sie vor
längst vergangenen Tagen gewohnt war, wieder zu unter-
ziehen. Und solches geschah ohne die geringste Einschrän-
kung. Was allein die Kranke auszusetzen hatte, war der
Umstand, dass bei künstlicher Beleuchtung der Abschattungs-
ton von VI zu II sich noch zu schwach erwies, und dass
sich ihrer ein sensuelles Missbehagen — wie sie sich aus-
drückte — eine Art von Ungeduld bemächtigte, von der bei
Tagesbeleuchtung Nichts zu bemerken war.
Darauf hin verordnete ich zum Gebrauch für die Zeit
der künstlichen Beleuchtung eine Brille mit stärkerem Farben-
Contrast,
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 67
Plan in II rechts,
Plan in VIII links,
und die Möglichkeit war dadurch gewonnen, an mehreren
Abenden hintereinander die Arbeitszeit des Versuches wegen
bis über Mitternacht hinaus auszudehnen, ohne dass sich ein
Zeichen der Reizung kundgegeben hätte.
Jeder später angestellte Gegenversuch, beiden Augen
ein gleich schwingendes Licht durch Plangläser von dersel-
ben Nuance zu geben, misslang. Bei den helleren Nuancen
fand das organisch kranke linke Auge keine Beruhigung;
bei gleich dunkel gewählten fühlte sich das rechte Auge zu
sehr in der Beleuchtung beeinträchtigt.
Fall 6.
Kreisförmig um die Papilla optica abgelagertes
plastisches Exsudat auf der Netzhaut des linken
Auges, Mangel an Deutlichkeit und an Ausdauer
durch Störung des binocularen Sehens, Herstellung
der ganzen Arbeitskraft durch tiefer blaue Ab-
schattung des Lichtes vor der leidenden Seite.
Die Werkstätten der Cigarren- Fabrikation sind für die
Schwachsichtigen die gesuchtesten und geeignetsten Zufluchts-
orte, denn das Arbeitsstück kann beliebig in eine Nähe oder
in eine Richtung zum Auge gebracht werden, je nachdem es
die gesunkene oder die in der seitlichen Ausdehnung be-
schränkte Sehkraft erfordert. Augenkranke allerlei Art
pflegen daher bei dieser Beschäftigung zu verbleiben, nach-
dem ihnen mancherlei Versuche mit sonstigen Berufsarten
fehlgeschlagen sind. In dieser Lage befand sich auch der
zwanzigjährige Cigarrenmacher Körte, dessen Sehvermögen
schon von Kindheit an so unzureichend war, dass ihm das
Lesenlernen nur mühsam gelang und dass ihm auch grosse
Gegenstände in verhältnissmässig geringer Ferne schon un-
deutlich erschienen.
Status praesens. Der Kranke durfte beim Lesen
das Schriftblatt nur wenig über einen halben Fuss weit ent-
5*
68 lieber die binocularen Combinations - Störungen.
fernt halten, musste dasselbe allmählich immer näher rücken
(Kopiopia myopica, siehe Cap. IX., 6.), war gezwungen, den
Kopf in eine schiefe Lage zu bringen oder das Schriftblatt
seitlich zu bewegen und ermüdete dennoch nach einer sehr
kurzen Frist. Der hauptsächlichste Mangel lag im linken
Auge, das zum Lesen unfähig war. Das rechte Auge, für
sich allein erprobt, las, aber ohne alle Ausdauer und mit
dem Gefühl der Anstrengung.
Therapie. Bei den Versuchen, diesem durch alle
früheren Kuren immer mehr entmuthigten Unglücklichen
mittels der Licht- Therapie zu helfen, ergaben sich zwei
wirksame Factoren.
1) Aus der Lichtbrechung zeigten sich
weisse Convexgläser No. 50.
günstig, insofern schwache Augen — wie es hier der
Fall war — schon frühzeitig in Weitsichtigkeit gerathen
und dann für ihre Amblyopie stärker gesammeltes, für
ihre Presbyopie stärker gebrochenes Licht brauchen
können. Convexgläser entsprechen beiden Bedürfnissen.
2) Aus der farbigen Lichtwandlung unterstützte wesent-
lich das Erkennungsvermögen eine Zusammenstellung
von
Planglas in Nuance III rechts,
Planglas in Nuance V links.
Der grösste Erfolg aber lag in der Vereinigung der
Lichtbrechung mit der eben erwähnten Lichtabschattung.
Als ich den Kranken mit der combinirten Brille,
-f 50 in III rechts,
-f 50 in V links
versehen hatte, erkannte derselbe doppelt so deutlich und
daher auch doppelt so weit, ermüdete nicht mehr, und ver-
lor das Gefühl der Anstrengung.
Ophthalmoscopie. Der jetzt in Anwendung gesetzte
Augenspiegel gab noch die eingehendere Erklärung des Lei-
dens und zugleich den bündigsten Beweis, wie Vieles diese
rein nach den Symptomen zugerichtete Therapie in sonst
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 69
hoffnungslosen Fällen zu leisten vermag, indem sie den ein-
mal unzugänglichen Fehler belässt, aber die daran sich an-
schliessenden Störungen in der Gegenseitigkeit der Augen
ausgleicht.
Schon bei der inneren Beleuchtung des linken Auges
durch den einfachen Spiegel machte sich ein ungewöhnlich
weiss reflectirender Augengrund bemerkbar, und durch die
zugefügte Convexlinse wurde ein plastisches Exsudat sicht-
bar, welches, dicht um den Rand der Papilla optica anhebend,
sich eine Strecke weit über den nächsten Theil der Netzhaut
ausbreitete, sich aussen in mehreren scharfen Bogengängen
begrenzte, und durch eine fast glänzend weisse Färbung
auffällig gegen den sonst sehr dunklen Augengrund absetzte.
Der Befund glich so der von Jäger auf Tab. XIII. sehr
naturgetreu gegebenen und Seite 38 beschriebenen Abbil-
dung*), als ob derselbe , Kranke zum Original gedient hätte,
nachdem das Exsudat (welches dort nur einseitig an die
Papilla optica sich anlehnt) zu einer ringförmigen Ausdeh-
nung gediehen wäre. Wie in jener Zeichnung, tauchten auch
hier die kaum der Papilla optica entstiegenen Blutgefässe
sofort wieder in den inneren Rand des weissen Exsudat-
Feldes, um an dessen Aussenrande wieder hervorzutreten und
dann ihren normalen Verlauf durch die übrige Netzhaut zu
verfolgen.
Der Grund des rechten Auges war mit Ausnahme einer
kleinen Stelle, wo ebenfalls dicht neben der Papilla optica
ein weisses Exsudat sichtbar war, vollkommen gesund.
Nachdem der Kranke im Januar 1859 durch die Licht-
Therapie zu neuer Arbeitskraft gelangt war, habe ich den-
selben zu verschiedenen Zeiten wiedergesehen und Gelegen-
heit gehabt, mich von der Nachhaltigkeit der Hülfe zu über-
zeugen.
*) Dr. E.Jäger, Beiträge zur Pathologie des Auges. Wien
1855.
70 lieber die binocularen Combinations - Störungen.
Fall 7.
Unheilbares N et zh autleiden linker Seits; die rich-
tige Abschattung durch blaues Licht ordnet die
Störungen des binocularen Sehens, und bringt die
volle Arbeitskraft zurück.
Der Oberlehrer C. aus Quedlinburg, 56 Jahre alt, war
von Jugend auf aus erblicher Anlage myopisch und mehrere
seiner Geschwister hatten denselben Bau. Er trug zwei Bril-
len, concav No. 22. für das Lesen, concav No. 9. für die
Ferne. Dabei war sein linkes Auge von je her schwach-
sichtiger gewesen, ohne dass daraus für das gemeinsame
Sehen ein Nachtheil erwachsen wäre.
Im November 1854 erkrankte sein linkes Auge urplötz-
lich in einer höchst störenden Weise, nachdem er einige
Wochen vorher an rheumatischen Zahnschmerzen gelitten,
und während dieser Zeit sich ununterbrochen vom Lesen
einer anziehenden Schrift hatte fesseln lassen. Mittags bei
Tisch sitzend bemerkte C. plötzlich einen dunklen Schein in
der Richtung, als ob sich ein fremder Körper auf dem
Nasenrücken befände. Vergebens griff er öfters danach hin.
Binnen einigen Tagen verbreitete sich die Verdunklung über
den ganzen Gesichtskreis des linkes Auges, dasselbe konnte
nicht mehr lesen und die einzelnen Zeilen erschienen ihm
verbogen.
Das eigentliche Unglück bestand aber jetzt in dem höchst
störenden Einfluss, den das linke Auge auf jede Thätigkeit
des rechten Auges ausübte, so dass C. nur mühsam und mit
zugekniffenem linken Auge sich beschäftigen konnte. Je
heller das Licht war, desto unbehülflicher war der Zustand.
Bei künstlicher Beleuchtung war die Reizung am unerträg-
lichsten. Umsonst unterwarf sich der Kranke ein ganzes
Jahr hindurch den eingreifendsten Kuren und Entbehrungen,
» bis ich ihn im Jahre 1855 zum ersten Male sah.
C. erhielt durch Concavgläser No. 24. in Nuance IV
zunächst ein milderes Licht. Er las, äusserte aber, dass die
Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 71
Brille noch Etwas nicht zu leisten vermöge, was ihm freilich
zum Theil in das Gebiet der Willenskraft zu gehören scheine.
Es handle sich um eine Aufgabe, die er wohl eine Zeitlang,
nicht aber dauernd lösen könne, und die ihm durch eine
physikalische Hülfe noch abgenommen werden müsse. Der
Kranke meinte nichts Anderes, als die Schlichtung des
Combinations-Streites.
Ich fügte der Concavbrille 24. in IV jetzt noch auf
der linken Seite ein Planglas No. II. hinzu. Jede Störung
war durch diese einseitig auf VI erhöhte Abschattung be-
seitigt, und der Kranke suchte mir die ihm gewordene Hülfe
durch einen Vergleich deutlich zu machen. „Wenn man ihm«,
drückte sich derselbe aus, »die Aufgabe gestellt hätte, 40 Pfd.
zu heben, so wäre er zeither (ohne die Brille) in der Lage
gewesen, diese 40 Pfund mit dem rechten Arme allein heben
zu müssen, jetzt (mit der Brille) habe er das Gefühl, dass
er in Stand gesetzt sei, 30 Pfund dem rechten und 10 Pfund
dem linken Arme zu überlassen.
Nachdem ich mit der Therapie abgeschlossen, stellte
ich die Untersuchung des linken Auges durch das Ophthal-
moscop an. Das Ergebniss fiel hinsichtlich der Möglichkeit
y-gend anderweitiger Hülfe sehr entmuthigend aus. Eine
Papilla optica war nicht mehr vorhanden. Ihre Stelle gab
sich nur durch den Eintritt von vier Gefässen zu erkennen,
die sich rasch in abnorm viele und kleine Aestchen ver-
zweigten. Das kranke Auge aber war befreit von jeglicher
Gesichtsstörung durch eine Concav-Brille,
— 24 in IV rechts )
— 24 in VI links für die Bescüäfti g un g in der Näne >
— 10 in IV rechts )
— 10 in VI links für die Beschäftigung in der Ferne,
und über die andauernd nützliche Wirkung dieser Brillen
auf den ungehindert frei bleibenden Gebrauch der Augen
gingen mir seit den verwichenen sechs Jahren günstige Be-
richte zu.
72 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
Fall 8.
Eine in der Störung des binocularen Sehens seit
langer Zeit begründete Unbrauchbarkeit der
Augen wird durch verschieden gefärbtes und ver-
schieden gebrochenes Licht dauernd gehoben.
Im März 1^4& wandte sich an mich eine Kranke, die,
bereits in den mittleren Lebensjahren stehend, von Jugend
an mit einer Cataracta centralis des rechten Auges behaftet
war und sich stets nur mit grosser Mühe hatte beschäftigen
können. In den letzten vier Jahren hatte sich dieser Zustand
noch verschlimmert, so dass der Gebrauch der Augen sich
auf Minuten einschränkte, Lesen und Handarbeiten sich gänz-
lich verboten. Auf den Vorschlag, sich operiren zu lassen,
den ihr namhafte Aerzte früherer Zeiten wiederholentlich ge-
macht, hatte die Kranke nicht eingehen wollen.
Da die Verschlimmerung der letzten Jahre bei Fräulein
Seefluth — so hiess die Kranke — wahrscheinlich aus
einer beginnenden Presbyopie hervorging, so bemühte ich
mich zunächst durch schwache Convexgläser dagegen ein-
zuschreiten. Das linke Auge für sich allein las auch unter
-f- 50 ganz geläufig, aber beide Augen konnten unter der
Beihülfe einer einfachen Convexbrille keine gemeinsame
Thätigkeit entwickeln, da das durch Staarpunkt getrübte
rechte Auge stets eine Verwirrung in die Gesichtseindrücke
streute.
In damaliger Zeit noch unbekannt mit den wirk-
samen, die Sehkraft positiv unterstützenden Eigen-
schaften des blauen Lichtes, vermeinte ich dasselbe nur be-
nutzen zu können, um das rechte Auge in Un thätigkeit
zu versetzen. In diesem falschen Glauben fügte ich vor das
rechte Glas der Convexbrille No. 50. noch ein blaues Plan-
glas und versuchte in der Intensität des gefärbten Planglases
so lange zu steigen, bis die Kranke für das gemeinsame
Sehen beider Augen die grösste Befriedigung fühlte. %
Ueber die binocularen Combinations -Störungen. 73
Die Ausdauer für das Lesen war unter einer so ent-
standenen Convexbrille
-f- 50 in Weiss links,
-j- 50 in Azurblau Nuance VI rechts,
wesentlich verbessert, aber noch keinesweges zur Genüge
gewonnen.
So vermeinte ich das rechte Auge nicht nur durch Licht-
schwächung, sondern auch noch dadurch ausser Mitwir-
kung setzen zu müssen, dass ich dasselbe in der gewählten
Brille der Unterstützung durch Convexschleifung beraubte.
Der Erfolg war jetzt ein durchaus günstiger. Unter einer
Brille
-f 50 in Weiss links,
Planglas in Nuance VI rechts,
las die Kranke plötzlich nicht nur bei Tagesbeleuchtung, son-
dern — was sie in ihrer ganzen Lebenszeit niemals vermocht
hatte — während der künstlichen Abendbeleuchtung ohne
alle Zeiteinschränkung.
Ich wählte diesen Fall zur Mittheilung aus, weil der-
selbe einer der ersten war, wo ich durch das Experiment
auf ein richtiges Verfahren gelangte, ohne die richtige Theorie
davon eingesehen zu haben. Denn das rechte Auge wurde
keinesweges unthätig, sondern brachte jetzt unter seinem
gefärbten Planglase ein so beruhigendes und dem bei der
Arbeit sonst immer geblendeten Nebenorgan so förderliches
Licht, dass das linke Auge dadurch seiner vollen Thätigkeit
Herr wurde, die es weder für sich allein noch mit dem an-
deren zusammen je hatte entwickeln können. Und der Man-
gel an Lichtbrechung, den das rechte Auge unter der so zu-
sammengesetzten Brille im Vergleich zu seinem Nebenorgan
erlitt, verhinderte in richtiger Weise, dass dasselbe vermöge
seines Staarpunktes sich störend in die Contouren der er-
blickten Gegenstände mischen, und den gemeinsamen Sinnes-
Eindruck verwirren konnte.
Solche Fälle, bei denen man, um die gestörte binoculare
Combination wieder zu gewinnen, nur den Lichtsinn des
74 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
schwächeren Auges benutzt, während man dessen Form-Sinn
absichtlich durch die fehlende Schleifung seines Brillenglases
ausser Spiel lässt, sind im Allgemeinen selten. Das Verfahren
aber wird für die Therapie stets unentbehrlich bleiben, und
ist von den erfreulichsten Resultaten begleitet. Als einem
hierher gehörigen sehr lehrreichen Fall möge man noch dem
folgenden seine Aufmerksamkeit schenken.
Fall 9.
Eine durch organische Veränderung des Augen-
grundes herbeigeführte unheilbare Gesichts-
schwäche wird durcli Wiederherstellung der Ord-
nung im binocularen Sehen mitt eis eines für jedes
Auge anders gebrochenen und anders gefärbten
Lichtes ausgeglichen.
Der Königliche Arcliivar Herr v. H. erfuhr während des
Sommers 1859 eine allmählige Abnahme seiner Sehkraft.
Im October desselben Jahres bildete sich eine acute Augen-
entzündung aus, deren tiefer Sitz sich durch heftige über
den Kopf ausstrahlende Schmerzen und grosse Lichtscheu zu
erkennen gab, und eine energische antiphlogistische Behand-
lung erforderte. Mit der Genesung aus dieser Entzündung
(Chorioideitis) kehrte aber dem Kranken die Gebrauchsfähig-
keit seiner Augen nicht wieder, und als sich derselbe nach
vielen Kuren und langer Schonung mir im März 1861 vor-
stellte, war der Zustand folgender:
Status praesens. Wollte Herr v. H. mit beiden Augen
lesen, so traten schon nach Verlauf einer Minute Schmerzen
im linken Auge auf, noch vor vollendeter zweiten Minute
verhüllte ein von der linken Seite herüberziehender Nebel
die Schrift und verhinderte bald ganz das längere Erkennen.
Einzeln erprobt, las nur kurze Zeit hindurch
das rechte Auge von 1 Fuss bis 1 Fuss 9 Zoll,
das linke Auge von 1 Fuss bis 1 Fuss 3 Zoll.
Das linke Auge war hiernach das mehr leidende, er-
müdete schon nach vier Secunden, und zeichnete sich auch
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 75
dauernd durch grössere Empfindlichkeit, namentlich Morgens
nach dem Erwachen durch eine länger anhaltende Reizbar-
keit gegen das Licht aus, so dass das freie Oeffnen seines
Lides erst um Vieles später erfolgen konnte.
Die Ophthalmoscopie ergab einen Thatbefund, der
mit diesen subjectiven Symptomen im Einklang war.
Die Vasa chorioidalia waren sichtbar und zwar im lin-
ken Augengrunde noch deutlicher als im besseren rechten.
Ein hellerer unregelmässiger Rand umkreiste ausserdem die
Papilla optica im linken Auge.
Therapie. Nach diesen Vorlagen entwarf ich den
Plan, das rechte Auge als das Hauptorgan zu benutzen, und
durch das linke Auge mittels der Lichtmodificationen so zu
unterstützen, dass fernerhin die gemeinsame Thätigkeit der
Netzhäute wieder "flüssig werden könne.
Aus der Farben Wandlung des Lichtes griff hierzu eine
Brille,
Plan in Nuance III rechts
Plan in Nuance V links,
am besten ein. Während sich der Kranke früher schon
mancher blauen Plangläser bedient hatte, die ihrer gleichen
Färbung wegen keinen Erfolg hatten, wurde durch genannte
Combination soviel erreicht, dass die Reizungen im Gesichts-
Sinn sofort aufhörten und an ihrer Stelle sich das Gefühl
der Ausgleichung und sensuellen Beruhigung einstellte. Nur
das Lesen und jede Beschäftigung in der Nähe wollte für
die Dauer nicht gelingen, wiewohl die doppelfarbige Plan-
brille dazu schon eine fühlbare Unterstützung gewährte.
Ich hoffte durch Convexgläser , die auch in Nuance III
und V ausgeführt waren, die Dauer für die Nähe zu er-
reichen. Allein die darüber mir zu Gebote stehenden Er-
fahrungen wollten bei aller Ausdauer, mit der unser Kran-
ker sich den Experimenten unterzog, zu keinem befriedigen-
den Resultate führen. Wiewohl die Brille,
-f- 30 in Nuance III rechts,
-|- 30 in Nuance V links,
76 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
sich noch von Allen als die hülfreichste erwies, so gab sie
doch nur die Dauer von einer viertel, höchstens von einer
halben Stunde, nach deren Ablauf Schmerz und Ermüdung
den Kranken wieder überwältigten.
So wurde ich zu dem Entschluss gedrängt, ausnahms-
weise nicht nur durch Farbenunterschied, sondern auch auf
dem Wege der Lichtbrechung für jedes Auge in anderer
Weise zu sorgen. — In einer Brille,
Plan in Nuance III rechts,
+ 30 in Nuance V links,
bewährte sich die Zweckmässigkeit dieses Kurverfahrens
aufs Vollständigste. Der Kranke hatte sofort das Gefühl,
dass s o sein rechtes Auge wieder zur Arbeit richtig heraus-
gefordert wurde, und war in der nächsten Zeit schon im
Stande, sich täglich fünf bis sechs Stunden angestrengt und
unausgesetzt mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen. Und
da sich schliesslich ergab, dass nur die Arbeit bei künst-
licher Beleuchtung nicht mit derselben Ungebundenheit von
Statten ging, so wurden die einmal gefundenen Factoren
der Licht- Therapie für diese Zeit noch erhöht. Eine Brille,
Plan in Nuance IV rechts,
+ 25 in Nuance VI links,
rechtfertigte auch diese Erörterungen und gab den Beweis,
dass der unter dem Druck organischer Veränderungen des
Augengrundes gehaltene, für jede anderweitige Therapie
noch ein Problem gebliebene Kranke sich wieder ungezwun-
gen seines Gesichtssinnes bedienen konnte, und, wie die bis
zum Jahre 1862 mir zugegangenen Berichte bestätigten,
dauernd seinem Berufe zurückgegeben war.
Fall 10.
Beweiskräftiger Fall von der Wirkung des blauen
Lichtes, bei Schielenden die geschwundene Sym-
pathie der Netzhäute wiederherzustellen und deren
vereinte Thätigkeit zu fördern.
Der Schlosser Leidig, 26 Jahre alt, wurde am
10. August 1856, als er erhitzt aus seinem Arbeits -Saal in
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 77
die freie Zugluft trat , plötzlich von so starkem Strabismus \^[ )
befallen, dass der linke Augapfel mit seiner erweiterten
Pupille während der ersten vierzehn Tage sich nicht aus
dem inneren Augenwinkel rührte, und erst allmählich wieder
einige Bewegung nach Aussen zurückerhielt. Dem Kranken
fehlte es nicht an einer umsichtigen und thätigen Behandlung,
und kein Mittel bis zur Electricität hinauf blieb während
der ersten vier Monate unversucht, bis ihm schliesslich der
Rath ertheilt wurde, gegen das störende Doppelbild sich
einer Brille zu bedienen, in der das linke Glas mit einem
schwarzen Papier verklebt war. Indessen war auch diese
Art von Nothbehelf nur von kurzer Dauer, da das allein in
Anspruch genommene rechte Auge alsbald versagte, und
der Arbeitsunfähigkeit nicht abgeholfen wurde.
Als ich in solchem Zustande den Kranken im Juli 1857 in
meine Behandlung nahm, sah derselbe in der Accomodations-
Breite von vier bis sieben Zoll einfach. Darüber hinaus trenn-
ten sich Doppelbilder und glitten um so ergiebiger auseinan-
der, als die Sehferne eines Objectes weiter gewählt wurde.
Bei der grossen Deutlichkeit der Doppelbilder war der Versuch
einer optischen Behandlung sehr einladend, und aus der
Reihe von Prismen, welche ich zu diesem Zweck mit nach
Aussen gerichteter Basis dem linken Auge vorlegte, hatte
No. 18. den grössten Erfolg. Mit diesem Glase versehen
Jas Leidig bis in die Entfernung von 1 Fuss 6 Zoll. Nur
musste ich bald erfahren, dass die künstlich zusammenge-
führten Doppelbilder sich nicht mit einander vertrugen und
zwar um so weniger, je ferner das Sehobject abgerückt
wurde. Höchstens bis auf die Dauer einer Minute konnte
das Lesen fortgesetzt werden; dann entstand »Schwere und
Wüstsein im Kopfe" und endlich „starker Schwindel", so
dass die Augen geschlossen werden mussten, oder die bei-
den Bilder plötzlich wieder auseinander schössen.
Jetzt schattete ich während neuer Leseversuche das
Prisma No. 18. mit der azurblauen Nuance V ab. Die Be-
drückungen im Gehirn minderten sich in der auffallendsten
78 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
Weise. Ich gab dann dem rechten Auge noch ein Planglas
in Nuance III, und jede Spur von cerebraler oder sensueller
Affection war verschwunden. Die bindende Kraft des von
rechts und links in verschiedenem Blau zusammengeführ-
ten Lichtes war für die Netzhäute so mächtig, dass der
Kranke, statt unter dem weissen Prisma nur höchstens bis
auf anderthalb Fuss, nunmehr mit Leichtigkeit bis auf
2| Fuss einfach sah, und statt einer Minute das Lesen nach
Willkür bis auf Stunden auszudehnen vermochte.
Mit einer Brille,
! Basis ] plattirt \
nach \ in Nuance l links,
Aussen \ V \
Planglas in Azurblau Nuance III rechts,
versehen, kehrte derselbe sofort zu seinen Berufsarbeiten
zurück, und hat mir noch oft in Zwischenräumen von Mo-
naten über die bleibende Nützlichkeit der optischen Ein-
richtung, und über die immer wachsende Möglichkeit, die-
selbe auch zeitweise entbehren zu können, Bericht erstattet.
Fall 11.
Blaues Licht einseitig verwendet, hebt die Stö-
rung des binocularen Seh ens insoweit, dass für
einen durch Apoplexie schielend und doppeltse-
hend gewordenen Kranken auch das Lesen mittels
prismatischer Gläser wieder möglich wird.
An den Folgen einer vor zwei Jahren erlittenen Schlag-
berührung leidend, consultirte mich im Sommer 1860 Herr
G. von Berg aus Liefland. Die Sprache war bereits wie-
dergekehrt, die Symmetrie der Gesichtszüge hatte sich ge-
ordnet, aber Arm und Fuss der linken Seite waren noch
schwach, und das linke Auge stand in geringem Grade ein-
wärts schielend abgelenkt.
Was den lebhaften und rüstigen, bis in sein 60 stes Le-
bensjahr als Landwirth, Jäger und Reiter ausgezeichneten
Mann vor Allem daniederdrückte, war die beständige Er-
Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 79
scheinung höchst prägnanter Doppelbilder, die ihn in steti-
gem Schwindel erhielten, ihn keinen Schritt ohne Führer
thun Hessen, ihm keine Zeile mit eigenen Augen zu lesen,
oder mit eigener Hand zu schreiben erlaubten. Selbst das
Schliessen des einen Auges konnte ihm kaum eine momen-
tane Sicherheit gewähren.
Die rechte Wahl einer Brille war unter den gegebenen
Umständen das dringlichste palliative Mittel. Bei den ver-
schiedenen Versuchen, die ich mit geschliffenen Gläsern an-
stellte, zeigte sich die Combination,
Prisma No. 10., Basis nach Aussen \ rechts,
Prisma No. 11., Basis nach Aussen I links,
als die hülfreichste. Die seit den letzten zwei Jahren ge-
trennt gebliebenen Doppelbilder sowohl naher wie ferner
Gegenstände legten sich augenblicklich genau zusammen.
Von der plötzlichen Umwandlung überrascht, fuhr der Kranke
von seinem Stuhl auf. Sein Taumel war verschwunden,
umschlossene Räume genügten ihm nicht, er musste in den
für ihn wieder geradlinig gewordenen Strassen und auf einfach
aufsteigenden Treppen von seiner unabhängig gewordenen
Bewegungsfähigkeit sich überzeugen. Alles erschien wieder
einfach.
Als Herr v. B. nach vier Monaten durch den Gebrauch
von Marienbad in seinem Allgemeinbefinden gebessert zur
'Herbstzeit sich mir wieder vorstellte, hatte derselbe den
dringenden Wunsch, dass ihm die noch fehlende Fähig-
keit zum Lesen zurückgegeben werde. Die prismatische
Brille reichte dazu nicht aus. Sie legte zwar die Doppel-
bilder der Zeilen und Buchstaben einfach zusammen, aber
zunächst hinderte Weitsichtigkeit am deutlichen Erkennen.
Durch Vorlegen von Convexgläsern No. 15. vor die prisma-
tische Brille wurde auch dieses Hinderniss beseitigt. Der
Kranke sah jetzt einfach und las, aber ein neuer und dritter
Umstand eigenthümlicher Art trat in die Erscheinung, der
mich namentlich zur Mittheüung dieser Krankheitsgeschichte
veranlasste und ohne Zweifel in einer Störung der bin-
80 lieber die binocularen Combinations - Störungen.
ocularen Combination zu suchen war. Abgesehen da-
von, dass es für den Kranken grosse Schwierigkeit hatte,
den Uebergang von einer Zeile zur anderen zu finden, schien
es ihm, als ob sogleich die Schrift zu schwirren und zu
zittern beginne, so, als ob Jemand in rascher Bewegung
mit der Hand vor den Augen hin und her fahre. Der
Kranke hatte das unheimliche Gefühl, dass, wenn er dieser
Beunruhigung nicht bald durch Unterbrechung des Lesens
ein Ende setzte, ihn Schwindel und Verderben befallen
müsse. Eine — so muss ich es auffassen — vom Gehirn
kommende Mahnung an die Unverträglichkeit der bei-
derseitigen zu einem Bilde zusammengeführten
weissen Lichtströme!
Jetzt legte ich noch als drittes Corrigens links ein
Planglas in Nuance IV vor, und alle Bedingungen waren
schlagfertig beisammen, um die centrale Gesichtsstörung
durch ein Entgegenkommen von Aussen in vollständiger
Weise auszugleichen. Eine oder die Andere der gedachten
Eigenschaften aus der Brille genommen, und die optische
Rüstung war zerstört. Was namentlich das zuletzt gewählte
Hülfsmittel betrifft, so scheint — will man einmal den
naturwissenschaftlichen Anschauungen zur Erklärung der
therapeutischen Thatsache bis auf die äusserste Grenze fol-
gen — das blaue Licht durch seine feineren und schneller
schwingenden Wellen die träge gewordene Hirnmasse der
afficirten Seite leichter zu durchdringen und besser mit dem
farblosen Lichtstrom der gesunden Seite zusammenzutreffen,
worüber sich der Kranke merkwürdig genug durch „Auf-
hören eines Gefühls von Schwirren und Zittern" noch am
klarsten ausdrücken zu können glaubte.
Durch Zusammenfügen der verschiedenen optischen
Eigenschaften zu einem einzigen Werkzeug erhielt also der
Kranke
1) für die Ferne: die Brille:
Prisma No. 10., Basis nach Aussen, rechts,
Prisma No. 11., Basis nach Aussen, links;
lieber die binocularen Combinations- Störungen.
81
2) für das Lesen und Schreiben die Brille:
auf der
Vorderseite |
plattirt mit l
+ 15
Prisma No. 10,
Basis
nach
Aussen
Prisma
No. 11.,
Basis
nach
Aussen
auf der \ auf der
Vorderseite [ Rückseite
plattirt mit [ plattirt mit j
+15 ) Nuance IV
rechts,
links.
Wiewohl nach den mir später zugegangenen Berichten
der von der Apoplexie abhängige Rest des Schielens sich,
wie zu erwarten war, nicht verlor, so vermochte doch der
Kranke unter der combinirten Hülfe von zweifacherBre-
chung und von farbiger Wandlung des Lichtes sich
des gemeinsamen Gebrauches seiner Augen sowohl für die
Ferne wie für die Nähe dauernd zu erfreuen.
Fall 12.
Blaues Licht ist das Einigungsmittel für zwei
Augen von entgegengesetztestem Accomodations-
Zustande, welchesich im weissen Licht unbedingt
durch Schielen von einander lossagen.
Fräulein v. C , 25 Jahre alt, ist die Tochter
.eines verdienten Stabs-Officiers der Armee, welcher zu den
geschichtlichen Beispielen von Scharf- und Weitsichtig-
keit gezählt werden dürfte. Er unterschied als junger Mann
während der Befreiungs- Kriege z. B. die Uniform -Kragen,
wenn Andere mit den besten Augen kaum das Vorhanden-
sein feindlicher Truppenmassen wahrzunehmen vermochten.
Er hiess deshalb »das Auge seines Regiments".
Der Tochter Sehorgan hatte eine Eigentümlichkeit,
die in der Nähe und in der Ferne die Deutlichkeit der Seh-
objecte nur bedingungsweise erlaubte. Es zeigte sich
nämlich an ihren Augen die merkwürdige Zusammenstellung,
dass das rechte Auge bedeutend myopisch, das linke aber
Böhm, Licht -Therapie. 6
82 Ueber die biuocularen Conibinations - Störungen.
massig presbyopisch ist. Die Kranke hatte sich daher ge-
wöhnt, sowohl beim Sehen in der Nähe als beim Sehen in
der Ferne nur ein Auge zu gebrauchen, und zwar beim
Lesen und Arbeiten das linke, beim Klavierspielen und
sonstigen Fernsehen das rechte. Um aber den gleichzeitigen
und die Deutlichkeit sehr störenden Einfluss des zweiten
Auges jedesmal aufzuheben, lässt sie das nicht gebrauchte
Auge regelmässig und ganz nach Willkür in Strabismus di-
vergens abtreten. Unterlässt sie dies, so ist ihr Alles un-
klar und undeutlich. Das sonst unwillkürliche Schielen ist
ihr durch Uebung zur willkürlichen Muskel-Action geworden.
Um hier die Augen wieder zur gemeinsamen Function
zu stimmen, konnte man an einen dreifachen Kurplan den-
ken. Die Wahl des besten darunter musste dem eigenen
Ermessen der Kranken überlassen werden.
1. Man konnte das linke massig presbyopische Auge
durch -f 50 in Nuance V zum Sehen naher Objecte einzu-
stellen suchen. Das Experiment gelang, beide Augen lasen
mit einander, das Gefühl der Kranken aber war dagegen,
und aus theoretisch wohl ersichtlichem Grunde. Denn man
verfolgte hierbei die etwas überspannte Aufgabe, das linke
Auge nicht nur auf eine normale, sondern auch auf eine
dem sehr myopischen Auge entsprechende Weise einzu-
stellen. Die Therapie hatte aber gewissermaassen einen
neuen Fehler an die Stelle der vorhandenen zu setzen.
2. Man konnte dem rechten sehr myopischen Auge
durch — 24 in Nuance V zu helfen suchen. Die Augen ge-
langten bei dieser Methode sofort schon in eine willigere
und dem Gefühl nach genehmere Zusammenwirkung. Bei
richtigem Blick gewann das Sehen an Deutlichkeit und
Ausdauer.
3. Als die beste und der Kranken entschieden am mei-
sten zusagende therapeutische Einwirkung erwies sich aber
eine Brille in der Zusammenstellung:
-f 50 in V, links,
— 24 in V, rechts.
lieber die binocularen Combinations - Störungen. 83
Dadurch wurde allen Anforderungen, welche man an
ein normales Sehvermögen stellen konnte, genügt. Nahe
und ferne Objecte waren klar, die Ausdauer war vollkom-
men gewonnen, das Schielen blieb, ohne dass die
Kranke sich deshalb zu bemühen brauchte, ganz
von selbst aus; sie konnte im Gegentheil unter der Brille
nicht mehr schielen, wenn sie auch den Willen dazu hatte.
Selbst das Vorlesen bei Lampenlicht — unter allen Proben
die empfindlichste — gelang bei vollkommen richtiger Ein-
stellung der Augen mit Leichtigkeit.
Die glückliche Versöhnung zweier so verschiedener Augen,
die fast die Lebenszeit hindurch einander hatten meiden müs-
sen, ist in der That ein Triumph der Kunst. Und dass dies
gelingen konnte, ist wieder einzig und allein der
vermittelnden Wirkung des blauen Lichtes zuzu-
schreiben, das auch unter diesen sonst absolut unbesiegbaren
Hindernissen und sogar ohne Intensitäts-Verschiedenheit vor
dem rechten und linken Auge der Therapie den Weg ebnete.
Um hierzu den negativen Beweis zu liefern, versah ich
jetzt die Kranke mit derselben Zusammenstellung -f- 50 und
— 24, aber aus farblosem Glase. Wie sehr die Kranke
sich wiederhol entlich bemühte, damit zu lesen, sie. erreichte
höchstens eine Zeitdauer von 8 Minuten, wonach alsdann
Stechen und Brennen der Augen und ein verletzendes
ziehendes Gefühl im Kopfe in solchem Maasse Ueberhand
nahm, dass jedem Gebrauch der Augen ein Ende gemacht
werden musste. Auch keine andere brauchbare Zusammen-
stellung von weissen -f- und — Gläsern war ausfindig zu
machen. Selbst die zweckmässigste Combination von + 50
und — 24 in der niedrigeren Farbenabstufung No. IV. wider-
strebte dem Gefühl der Kranken. Es fehlte dabei den Augen
die zur gemeinsamen Thätigkeit nothwendige Lichtberu-
higung, was sich auch objectiv durch bald erfolgende Ver-
tauschung des richtigen Blickes mit dem schielenden deutlich
zu erkennen gab.
84 Ueber die binocularen Combinations - Störungen.
Die optische Behandlung der binocularen Combi-
nations-Störungen ist also — wie die hier angeführten
und noch viele Beispiele der späteren Abschnitte dieser
Schrift streng beweisen — durch eine vierfach modifi-
cirte Lichtverwendung möglich:
1) Lediglich durch eine rechts und links verschieden
ausgeführte Abtönung des blauen Lichtes.
(Fall 4. und 5.)
2) Durch eine rechts und links verschiedene Ab-
tönung des Lichtes, verbunden mit gleicher Bre-
chung desselben. (Fall 6. und 7.)
3) Durch eine rechts und links verschiedene Ab-
tönung des Lichtes, verbunden mit ungleicher
Brechung desselben. (Fall 8. 9. 10. und 11.)
4) Durch eine rechts und links gleiche Abtönung
des Lichtes, verbunden mit ungleicher Brechung
desselben. (Fall 12.)
-OQ-
VII.
Physiologische Erscheinungen,
welche bei
verschieden blauen Lichtströmen in der
centralen Verbindung gleich sehkräftiger
Netzhäute wahrgenommen werden.
U m die im vorigen Abschnitt beschriebene, auf einer
gegenseitigen Abstimmung zweier Lichtgrade beruhende
Heilmethode der binocularen Combinations - Störungen
richtig aufzufassen, müssen wir uns an folgende Gesetze
der normalen Sehfunction erinnern.
Wenn sich der Gesunde die vorhandene Lichtmenge
durch Beschirmen des einen Auges mittels der Hand
oder wie sonst um einen gewissen Grad verringert, so
betheiligen sich beide Augen an dem Vortheil des da-
durch bewirkten einseitigen Schattens. Deshalb ist es
vielen Menschen zur Gewohnheit geworden, wenn sie in
freier Sonne gehen, oder der Grad des Lichtes ihnen ir-
gend zu blendend wird, das eine Auge fast oder ganz
zu schliessen. Ihrem offen bleibenden Auge soll dadurch
diejenige Lichtmilderung zu Theil werden, wobei dasselbe
86 Physiolog. Erscheinungen der binocul. Combination
dann sicher genug unterscheiden kann. Der Grad der
Fertigkeit, mit dem Jemand das eine Auge zu schliessen
gelernt hat, ist mir für die Ausübung der Licht- The-
rapie ein wichtiger Anhaltpunkt. Je überwiegender
z. B. die Fertigkeit des Schliess-Muskels der linken Seite
ist, mit desto grösserer Zuversicht kann man auf eine
Schwäche des linken Auges rechnen. Auch selbst in
den Fällen, wo der Unterschied beider Augen von keiner
wesentlichen Bedeutung ist, giebt dieser Umstand schon
ein ungemein zuverlässiges objectives Zeichen ab.
Abschatten lässt sich aber das Licht nicht nur da-
durch, dass man seine sämmtlichen Strahlen (die blauen,
rothen und gelben) miteinander vermindert, sondern
auch in der Weise, dass man durch ein Glas von einer
gewissen Farbe die übrigen Farben abhält, z. B. durch
ein blaues Glas die rothen und gelben Strahlen ver-
ringert, und so ein schattigeres, aber auch zugleich qua-
litativ geändertes, d. h. ein dem Auge zuträglicheres
Licht bewirkt. Die Sinneswahrnehmung wird durch
eine solche sowohl quantitativ als qualitativ
wirkende Abschattungs-Methode viel ergiebiger
angeregt, und die Anwendung farbiger Gläser eignet sich
deshalb nicht nur zu optisch -physiologischen Experi-
menten in Betreff des gegenseitigen Verhältnisses zweier
gesunden Augen, sondern ist auch insbesondere für den
Augenarzt nutzbar zu machen, um vorhandene binocu-
lare Missverhältnisse ausgleichen zu können.
Legt man dem Gesunden nur vor sein eines
Auge ein Glas von einer bestimmten blauen Farben-
Intensität, z. B. Nuance VI, und ist sein anderes Auge
nicht geschlossen, so vermeint derselbe sogleich die blaue
bei rechts und links gleicher Sehkraft. 87
Farbe vor beiden Augen wahrzunehmen und zwar
zur Hälfte der Intensität, welche das Glas vor dem
einen Auge in Wahrheit besitzt. Es ist ganz so, als
ob vor jedem Auge ein farbiges Glas in Nuance III wäre.
Oder legt man den Augen eines Gesunden zwei
Gläser von verschieden blauer Intensität, z. B. rechts
Nuance II und links IV vor : so entsteht der Mittelton die-
ser Farben, und es ist wieder nicht anders, als ob beider-
seits durch Gläser etwa in Nuance III geblickt würde.
Begründet ist dieses physiologische Ergebniss in
dem einen wie in dem anderen Falle darin, dass die
quantitative Schätzung des unzerlegten (weissen) oder
des zerlegten (farbigen) Lichtes zwar in jeder einzelnen
Netzhaut vermöge ihres Lichtsinnes vor sich geht,
dass aber ein Ausgleichungs-Vermögen oder eine bino-
culare Combination da wohnt, wo die beiden Seh-
nerven mit ihren Wurzeln im Gehirn sich verschmelzen.
Und so läuft es im Ganzen auf Eines hinaus, ob ein
gewisser Lichtgrad oder ein farbiges Licht von beiden
Seiten zu gleichen oder zu ungleichen Theilen, oder
selbst nur von einer Seite allein zur optischen Wurzel-
faser-Masse des Gehirns gelange. Beim Gesunden
kommt dort nur die gemeinsame Summe in Betracht,
und die beiden Lichtströme, mögen sie auch noch so
verschieden sein, werden dort ausgeglichen oder zum
Mitteltone mit einander combinirt.
Kehren wir aber nochmals zur Netzhaut zurück, so
äussert sich deren Thätigkeit nicht nur durch die Wahr-
nehmung von Helligkeit und von Farben und der darin
begründeten Contraste, sondern die Netzhaut hat auch
neben ihrem darauf bezüglichen Li cht- Sinne das Ver-
88 Physiolog. Erscheinungen der binocul. Combination
mögen, Dimensionen und Formen aufzufassen, sie hat
einen Raum-Sinn. Auch im Raum-Sinn steht wieder
die eine Netzhaut mit der anderen in einem besonderen
gegenseitigen Verhältnisse, wodurch die räumlichen oder
Flächen-Anschauungen sich zu einer einfachen Körper-
Anschauung combiniren.
Die zwei binocularen Combinationen, die des Lich-
tes sowohl wie die des Raumes, sind aber an ganz be-
stimmte physiologische Bedingungen geknüpft. Für die
Combination des Licht-Sinnes ist es unerlässlich , dass
die Netzhäute vollkommen gleich sensibel
seien, für die Combinationen des Raum-Sinnes dagegen,
dass die beiden Netzhäute auch räumlich rich-
tig zu einander gestellt seien.
Kommt eine der Netzhäute aus irgend welcher Ur-
sache in ihrem lichtauffassenden Vermögen gegen die
andere zurück, so erstarrt augenblicklich die sonst so
leichtflüssige binoculare Combination und das Sehver-
mögen entwerthet sich daraus in Form mannigfacher
Mängel. Die Aufgabe dieser Schrift wird es sein, diese
Mängel getrennt von einander aufzuführen und nachzu-
weisen, dass der einzelne Kranke nicht der ganzen Gruppe
von Sehbeschränkungen zugleich verfällt, sondern mit
Vorzug einen bestimmten Nachtheil zu beklagen pflegt,
den die Therapie nicht anders als durch eine Ausglei-
chung des gestörten binocularen Sehens heben kann.
Stellt sich dagegen räumlich die eine Netzhaut im
geringsten falsch zur andern, so tauchen Doppelbilder
auf, und zwar um so deutlicher, je untadelhafter dabei
die beiderseitige Lichtauffassung geblieben ist.
Die Doppelbilder fehlen erst dann, wenn die Sen-
bei rechts und links gleicher Sehkraft. 89
sibilität der einen im räumlichen Verhältniss zur anderen
alterirten Netzhaut bis zu einem bedeutenderen Grade
gesunken ist. Beiderlei Störungen stehen aber auffallend
in consecutiver Wechselbeziehung zu einander, der Art,
dass eine Störung in der einen Sphäre die entsprechende
in der anderen nach sich zieht, und umgekehrt. Die
späteren Abschnitte dieses Werkes werden hierfür manche
auffallende und äusserst interessante Thatsachen bringen.
Der Therapie erwächst mithin die doppelte Aufgabe :
einzugreifen in die gestörten Vorbedingungen
der Licht-Combination, oder abzuwenden die
Ursachen der aufgehobenen Raum- Combination.
Nur die letztere Aufgabe hat thatsächlich die Therapie
zu lösen begonnen. Die Don der s'schen prismatischen
Gläser sind es, welche die räumliche Veruneinigung
der Gesichtsbilder durch eine Veränderung in der Rich-
tung der Lichtstrahlen zu heben vermögen, wenn man
auch gestehen muss, dass hier noch bedeutende Hinder-
nisse im Wege stehen, und dem operativen Verfahren
noch das Meiste zu thun verbleibt.
Grösser aber und bei weitem wichtiger für den
Augenarzt ist der Bereich derjenigen Gesichts-Störungen,
welche aus der behinderten Licht-Combination entsprin-
gen. Mehrere Hunderte solcher Kranken kann man
immerhin auf einen Einzigen rechnen, dessen räum-
liche Combination stockt. Und wieder in der Zahl von
Hundert solchen, die in der Licht-Combination erkrankten,
können wir Neunzigen helfen oder Erleichterung ge-
währen, während das umgekehrte Verhältniss der Hei-
lung bei Störungen der räumlichen Combination noch ein
günstiges genannt werden dürfte.
90 Physiolog. Erscheinungen der binocul. Combination etc.
Um uns dieses neue Gebiet der Therapie zugänglich
zu machen, ist es wiederum zunächst nothwendig zu
ermitteln, unter welchen veränderten Erscheinungen die
Licht - Combination vor sich gehe, sobald beide Augen
nicht mehr einer ganz gleichen Lichtauffassung theil-
haftig sind.
VIII.
Pathologische Erscheinungen,
welche bei
verschieden blauen Lichtströmen in der
centralen Verbindung ungleich seh-
kräftiger Netzhäute wahrgenommen
werden,
und
die daraus sich ergebende Licht-Therapie.
L/asselbe Experiment mit farbigen Gläsern, welches
die Physiologie mit so grossem Nutzen anwendet, um
die normal in einander greifende Thätigkeit des Licht-
Sinnes gesunder Netzhäute klar zu machen, erwies sich
mir auch als das geeignetste, um Combinations-Störungen
des Licht-Sinnes zu veranschaulichen, die auf dem Wege
centraler Verbindung ungleich sehkräftiger Netzhäute
vorkommen, und den Totaleindruck schwächen. Es
kam nur darauf an, jenes Experiment bei dieser zahl-
reichen Klasse von Kranken so zu benutzen, dass in
Farben Wirkungen objectiv zu Tage trete, was sich
bis dahin nur in der Gestalt subjectiver Sinnes-Stö-
rungen allerlei Art kund gab.
92 Patholog. Erscheinungen der binocul. Combination
Man lege zunächst dem Kranken, der ein gesundes
rechtes und ein schwächeres linkes Auge besitzt, eine
Brille mit zwei ganz gleich blau gefärbten Plan-
gläsern (etwa meine Nuance V) vor, und veranlasse ihn,
abwechselnd bald das eine bald das andere Auge zu
schliessen: so erscheint ihm vor dem allein geöffneten
gesunden Auge eine weisse Papierfläche in einem so
angemessen intensiven Blau, als eben das vorgelegte
Glas seiner Beschaffenheit nach mittheilen muss. Vor
dem allein geöffneten schwächeren Auge dagegen ist
die Papierfläche heller blau, und zwar genau in dem
Grade heller, als eben das linke Auge gegen das andere
in seinem Auffassungs-Vermögen — gleichviel aus wel-
cher Ursache — zurücksteht. Ist das linke Auge z. B.
so schwach, dass es gewöhnlichen Druck nur noch mit
höchster Anstrengung liest, so nimmt es auch schon die
während des Lesens vorgelegte blaue Nuance V fast
gar nicht mehr w r ahr, und das Papier erscheint ihm bei-
nahe so weiss, als ob das blaue Glasmedium gar nicht
vorhanden wäre.
Der Kranke, im Bewusstsein, bei dem Experiment
zwei vollkommen gleich gefärbte Gläser in Nuance V
vor Augen zu haben, wird von dein Unterschiede der
Farben, der sich hier beim abwechselnden Schliessen
und Oeffnen der einzelnen Augen ausspricht, auf das
lebhafteste überrascht und in seiner Aufmerksamkeit
eben so sehr, ja fast stärker angezogen, als von der
verschiedenen Deutlichkeit der Objecte, z. B. der Buch-
staben, die er beim Offensein des schwächeren Auges
aus der Erinnerung gewissermaassen ergänzt. Die Farbe
wirkt in dieser Beziehung um Vieles fühlbarer und giebt
bei rechts und links verschiedener Sehkraft. 93
auch selbst Personen, deren Beobachtungs - Sinn wenig
geweckt ist, ein sehr hervortretendes und fasslicheres
Resultat.
Nun würde sicli an die experimental in so weit
klare Erscheinung für die Kranken mit zwei verschieden
sehkräftigen Augen kein wesentlicher Nachtheil knüpfen,
und würde dieser Gegenstand nur von rein physiologi-
schem, nicht therapeutischem Interesse sein, wenn bei
gleichzeitigem Offeiisein ihrer beiden Augen die
scheinbare Verschiedenheit der Farben von der rechten
und linken Seite sich durch das Ausgleichungs- Vermögen
so zum Mittelton vereinfachte, wie im rein physiologischen
Experiment zwei wirklich gegebene auch noch so ver-
schieden dunkle Gläser zur Ausgleichung gelangen. Dem
ist aber keinesweges so, und hier kommen wir auf eine
Erscheinung von der wichtigsten Bedeutung und von den
grössten Folgen: Die beiden einzelnen Farben-
töne, die der Kranke neben einander wahr-
nimmt, geben sich nicht auf, sondern jeder be-
hauptet seine Selbstständigkeit. Das Sensorium
steht, gleichsam unfähig Frieden zu stiften, dazwischen.
Eine von beiden Augen durch gleich gefärbte Gläser an-
geschaute weisse Papierfläche erscheint daher nicht in
ihrer ganzen Ausdehnung gleich massig blau und
gleichmässig ruhig, wie zweien gesunden Augen, die
durch gleich blau gefärbte Gläser blicken, sondern die
rechte Hälfte ist entschieden dunkler gefärbt. Von der
linken Hälfte des Papiers her breitet sich Seitens des
schwächeren Auges ein selbstständiger hellerer Lichtton
aus, der öfters auch das ganze Blatt gleich einem Nebel
überzieht, mit dem dunkleren durchaus nicht ver-
94 Patholog. Erscheinungen der binocul. Combination
schmilzt , sondern mit ihm streitet, bisweilen sogar stär-
ker das Uebergewicht bekommt, und ein Ungleichheits-
Gefühl der Augen, ein optisches Missbehagen,
ein Flimmern, eine Blendung, eine Unruhe, kurz
ein Entbehrniss verursacht, das dem Kranken oft
schwer wird mit Worten zu beschreiben.
Das ist der durch die Farbe jetzt zur objectiven
Erscheinung und gleichsam in ein sichtbares Kleid
gezwungene heimliche Feind, der ohne dieses optische
Hülfsmittel für den Kranken wie un verkörpert nur in
seinen Wirkungen merkbar, und im Stande ist, sämmt-
liche Eigenschaften eines guten Sehvermögens zu stören
und je nachdem, die Deutlichkeit, normale Fernsicht,
Ausdauer oder Schmerzlosigkeit bei der Sinnes-Ausübung
gänzlich zu vernichten. Nur wohnend in dem schwäche-
ren Auge, aber leise wirkend in der centralen optischen
Verbindung, veruneinigt dieser Feind die beiden Augen
und verübt so in der verschiedensten Art einen überaus
lähmenden Einfluss auf die Arbeitskraft ungemein vieler
Menschen!
Aber noch wirksamer und belehrender als dieses
Experiment mittels zweier gleich gefärbten Gläser ist bei
unseren Kranken mit verschieden starken Augen die An-
wendung von zwei ungleich blauen nebeneinan-
der gestellten Plangläsern, z. B. von Nuance III
und V. Darin besitzen wir dasjenige Mittel, wodurch
es möglich ist, gerade die Gesichts -Störungen, welche
aus dem Vorhandensein zweier ungleich thätigen Augen
entspringen, entweder noch zu steigern und geschärft
für die pathologische Erforschung zugänglicher zu machen,
oder — was wichtiger und der in dieser Schrift verfolgten
bei rechts und links verschiedener Sehkraft. 95
Therapie zu Grunde gelegt ist — wir sind im Stande,
diese Störungen auszugleichen und zu heilen, je nachdem
man die beiden ungleich gefärbten Gläser so verwendet,
dass man das dunklere Glas (Nuance V) dem besseren
rechten, oder in umgekehrter Weise dem schwächeren
linken Auge vorlegt.
Der Contrast und Streit der Farben auf dem zum
Lesen vorgelegten Schriftblatt, und das subjective Miss-
behagen mit allen den im individuellen Fall vorhandenen
Sehstörungen treten auf das schroffste hervor, sobald man
in der Absicht, den Kranken nur. zu erforschen, in einer
der Therapie zweckwidrigen "Weise das dunklere Glas
(Nuance V) dem besseren Auge, das hellere Glas
(Nuance III) dem schwächeren Auge vorlegt. Der
Kranke wird dann von den im Experiment schon ver-
schieden gegebenen, von seinen Augen aber noch ver-
schiedener aufgefassten Lichteindrücken, deren Ausglei-
chung für den Gesunden ein Leichtes wäre, so stark
im Sensorium angegriffen, und mit solchem Erfolge
bezwungen, dass er meistens, alles Widerstandes uner-
achtet, bald vom Sehen abstehen und die Augen aus-
ruhen lassen oder schliessen muss!
Ganz das Gegentheil aber geschieht, wenn man als
Heilkünstler in umgekehrter und zweckmässiger Weise
die beiden blauen Gläser so verwendet, dass man dem
gesunden, normal auffassenden Auge die schwache
Nuance III, dem unthätigeren Auge die kräftiger ge-
färbte Nuance V vorlegt. Die angeschaute Papier-
fläche erscheint dann mit einem Male in einem
für beide Augen gleichen, in einem weichen
und milden, in einem nicht mehr flimmernden,
96 Patholog. Erscheinungen der binocul. Combination
im geebneten und ruhigen Licht. Die Buchstaben
der Schrift stehen dabei klar, fest, schwarz und leser-
lich da, und des Kranken besänftigte Augen fühlen sich
davon um eben so viel mehr angezogen, als sie seither
davon abgestossen worden. Ein optisches Behagen ent-
steht, dem vergleichbar, welches im Bereich der Gefühls-
nerven beim raschen Schwinden eines lange quälenden
Schmerzes wohl Jeder einmal empfunden hat.
Und damit kehren die einzelnen Eigenschaften
eines guten Gesichtes, die individuell schon Jahre hin-
durch vermisst worden, unverzüglich zurück. Wer von
den Kranken aus gestörter binocularer Licht-Combination
bis dahin mühselig und nur mit Anstrengung erkannte,
sieht durch die zu einander zweckmässig gestimmten
Farbentöne plötzlich deutlich ; wer kaum einige Sekun-
den hindurch las, und jählings ermüdete, liest oft Stun-
den lang mit Ausdauer; wer sich den Seh-Objecten
immer mehr und fast bis zur Berührung derselben nähern
musste, gewinnt seine längst aufgegebene normale Seh-
weite stätig wieder, und wer von Schmerzen oder
wenigstens vom stäten Bewusstsein seiner zu einander
nicht stimmenden Augen gepeinigt und abgezogen wurde,
fühlt sich wieder frei und unbefangen. Einfach in Zu-
rüstung und einfach im Zweck greift ordnend diese
Licht-Therapie in all die Sehstörungen ein, welche nur
scheinbar von verschiedener Natur, eine wie die an-
dere aus derselben Urquelle: „der erschwerten Licht-
Combination", hervorgehen.
C!*0
IX.
Die Erfolge der Licht -Therapie.
vJhne die bisher üblich gewesenen Heilmethoden zu
behindern, oder von diesen in irgend einer Weise ab-
hängig zu sein, verfolgt die neue Behandlung durch
das blaue Licht ihren eigenen selbstständigen Weg, und
stützt sich auf bestimmte therapeutische Erfolge, die ihr
die Netzhaut bewilligt und wie aus erster Hand ent-
gegenbringt.
Obgleich sich alle diese Erfolge, von denen die
Rede sein wird, ohne Zweifel einfach auf ein ergiebiger
angeregtes Nervenleben zurückführen lassen, und obgleich
man zugeben muss, dass in sofern ein Erfolg den ande-
ren schon mit bedingt, und dass z. B. ein Schwachsich-
tiger, der im blauen Licht deutlicher erkennt, selbst-
verständlich auch weiter sehen kann: so müssen wir
dennoch eifrig bestrebt sein, so zerlegend als mög-
lich zu Werke zu gehen, und jede Erscheinung, die
sich hinsichtlich des gehobenen Nervenlebens in der er-
Böhm, Licht- Therapie. 7
98 I>ie Erfolge der Licht - Therapie.
krankten oder verbrauchten Netzhaut empirisch wahr-
nehmen lässt, einzeln hervorzuheben und je nach ihrer
therapeutischen Zugänglichkeit methodisch zu betrachten.
Denn nur in seinen Aeusserungen ist das Nervenleben
für uns erfasslich und lenkbar und für ein Mittel, welches
wir diesem schwierigen Gebiete der Therapie einverleiben
wollen, müssen wir ganz bestimmte und unumstössliche
Thatsachen, durch welche es seine heilsame Kraft auf
das Nervenleben bekundet, und messbar bewährt, auf-
zuführen im Stände sein, wenn dasselbe die Aufmerk-
samkeit verdienen, und sich aufrichtige Vertreter er-
werben soll. Dieser Nachweis tritt um so mehr als
nothwendig in den Vordergrund, da das blaue Lieht
seit einer geraumen Zeit in der beschrankten Bedeutung
eines blossen Schutzmittels gegen Helligkeit sich einge-
bürgert hat. und man. ohne eine Ahnung von seinem
umfassenden Werthe zu haben, dasselbe nicht als ein
selbstständiges und positiv wirksames Agens der The-
rapie betrachtete, sondern als ein nur nebenher und bei-
läufig unterstützendes Mittel gehandhabt hat.
Deswegen sind mir im Laufe meiner therapeutischen
Beobachtungen vor Allem solche Fälle von Wich-
tigkeit und für die Mittheilung willkommen gewesen, bei
denen die im weissen Licht daniederliegende und unter-
drückte Sinnes -Thätigkeit durch das blaue Licht in
einer ganz bestimmten und einseitigen Be-
ziehung einen hellen Aufschwung nahm, wo also der
blaue Strahl dem Kranken z. B. in der Sehweite statt
einiger Zolle soviel der Fuss-Zahl oder ein anderes Mal
statt einiger"? Minuten der Ausdauer im weissen Licht
soviel der Stunden^gew'ährte.
Die Erfolge der Licht -Therapie. 99
Theilt der auf dem wissenschaftlichen Boden der
pathologischen Anatomie Stehende, wie der auf den
empirischen Befund des Ophthalmoscops Zurückgehende
mit begründetem Recht die Kranken nach seinen auf-
gefundenen Grenzen ein, und sind wir gebunden, diese
Grenze eifrig zu verfolgen: 4 so sollen hier die
Augenkranken einmal je nach den Erfolgen
neben einander gereihet werden, wie sie de-
ren aus den Einwirkungen des blauen Lichtes
theilhaftig sind. Und stimmt man mir darin bei,
dass jede Eintheilung von Krankheitsformen zuletzt doch
auf den therapeutischen Nutzen hinblicken, und
dass die Heilkunde noch anders verfahren muss, als
die reine Naturwissenschaft, die sich selbst zum Zweck
hat: so dürfte auch eine in diesem Schluss- Abschnitte
versuchte Sichtung der Kranken, je nachdem denselben
durch das blaue Licht
1) die Blendung genommen.
2) die Unter seh ei dungs kraft gehoben.
3) die Ferne wiedergegeben,
4) die Nähe zurück erworben,
5) der Schmerz gestillt,
6) die Dauer gesichert wird,
nicht ohne Berechtigung sein.
Diese einzeln aufgeführten Erfolge der Licht-Therapie
sind zum Theil entschieden radicaler Natur. Meine
in eine weit zurückgreifende Zeit fallenden Erfahrungen
sichern mir darüber ein endgültiges Urtheil. Ein anderer
Theil der Erfolge trägt freilich nur den Stempel pallia-
tiver Einwirkung, und die Behandlung durch das
farbige Licht ist in sofern eine symptomatische zn nennen.
100 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Aber auch der Werth dieses palliativen Einflusses ist
unantastbar; denn für die in Betracht kommenden Fälle,
denen meistens irgend ein organisch abgelaufener und
nicht wieder rückgängig zu machender Krankheitsprocess
zu Grunde liegt, giebt es zur Zeit kein anderes Ersatz-
mittel. Selten vergeht auch nur ein Tag, der mir nicht
Gelegenheit böte, die gehemmte Sehkraft vieler Menschen,
deren eingewurzeltes Leiden sich gegen jede sonstige
Hülfe fest verschliesst, durch das farbige Licht wieder
in freien Fluss zu bringen.
Und wer wäre endlich sich nicht der Thatsache be-
wusst, dass bei der Mehrzahl der Augenkranken entweder
nur ein Auge leidet, oder dass die Schwäche des einen
Auges die des anderen mehr oder weniger überwiegt?
Auch für dieses bisher zu wenig beachtete Missverhält-
niss und für den daraus entspringenden Schaden tritt
das blaue Licht ausgleichend ein, und leistet, rechts und
links verschieden abgetönt , noch abgesehen von den
oben aufgezählten Erfolgen, für die harmonische Wieder-
vereinigung der Augen zuverlässige Bürgschaft.
-C3$^>-
IX. i.
Das blaue Licht hebt die Blendung,
meistens die Wirkung des Lichtes auf
ungleich sehkräftige Augen.
iVauin mag es in der Zeiehenlehre der Augenkrank-
heiten noch ein zweites subjektives Symptom geben, das
wir so häutig verbreitet finden, als die Beschwerde über
zu helles Licht. Dennoch ist dieses Symptom in seiner
wesentlichsten Bedeutung bis jetzt verkannt und der
Therapie nicht in der rechten Weise zugänglich geblieben.
Leidende allerlei Art erheben dieselbe Klage über „Blen-
dung" und in derselben Ausdrucksweise ; solche mit wirk-
licher Hyperästhesie der Netzhaut Behaftete, solche, die
von entzündlichen Affectionen befallen sind, wie solche.
die an Trübungen und sonstigen organischen Fehlern
kränkeln, ja salbst viele sogenannte Gesunde gesellen sich
derselben Klage bei, insofern der Eine bei dem Licht-
grade am genauesten unterscheidet, bei welchem der An-
dere schon durch zu starken Lichtreiz daran verhindert
zu werden behauptet. Und da eben die Individualität
hier entscheidet, so dürfte e< schwer sein, eine Norm-
Lichtgränze zu ziehen. Es ist daher verdienstlich, dass
102 D' e Erfolge der Licht- Therapie.
Foerster*) neuerdings über diese Sachlage genauere
Untersuchungen angestellt hat, um einem wesentlichen
Bedürfnisse abzuhelfen, indem er einen photometrischen
Apparat ersann, wodurch es möglich wird, jedwede Be-
leuchtung, wie sie dem Einzelnen am besten zusagt,
gradweise zu bestimmen, so etwa, wie man die Wärme-
grade, in denen sich der Einzelne am wohlsten fühlt,
am Thermometer abliest.
Aber gegenüber allen diesen sich neben einander
reihenden Specialitäten hat die Klage über Blendung
eine ganz andere selbstständige und practisch wichti-
gere Bedeutung, auf welche die Therapie eingehen muss,
wenn sie mit leichter Hand Unzähligen hülfreich sein
will, denen jede andere noch so wohl berechnete Ra-
dicalkur Nichts nützen kann, weil sie das Wesen der
Blendung nicht trifft.
Die Klage über Blendung gilt nämlich
meistentheils nicht sowohl dem Gefühl eines
unbedingt zu starken Lichteinflusses, sondern
bezieht sich auf die gestörte bin oculare Com -
bination des Lichtes, verräth das Vorhanden-
sein zweier ungleichen Augen, von denen das
schwächere Auge die Schuld trägt, und allein
eines gedämpfterenLichtes bedarf, damitdas-
selbe fortan aus einem für das gemeinsame
Sehen schädlichen Organin ein positiv nütz-
liches umgewandelt werde, und damit das
Missverhältniss aufhöre, was derKranke unter
*) Dr. R. Foerster über Hemeralopie und die Anwendung
eines Photometers im Gebiete der Ophthalmologie. Breslau 1857.
Das blaue Licht hebt die Blendung. 103
der Benennung Blendung versteht. Von diesem
Cardinal -Fehler der Licht - Combination hängen dann
erst in zweiter Linie die verschiedensten Mängel im Se-
hen : Schwachsichtigkeit, Kurzsichtigkeit, Dauerlosigkeit,
Schmerzhaftigkeit, als Folgezustände ab. Sie alle weichen
spurlos in dem Moment, wo ihre centrale Ursache „die
Blendung in obigem Sinn" durch einseitige Ab-
schattung gehoben wird.
Eingehend auf das schuldige Auge selbst, werden
wir sehr oft die Erfahrung machen, dass nicht sowohl
dessen Licht -Sinn absolut gesunken ist, als dass in
noch höherem Maasse sein Raum-Sinn gelitten hat. So
ist in ihm der Lichtsinn vorwaltend vor dem Raum-Sinn
geworden, d. h. das Auge leidet an Blendung und be-
darf schliesslich des Schattens, damit es in seinen eigenen
beiden Factoren nach Möglichkeit wieder ins Gleich-
gewicht gebracht, fortan ablasse, auch das andere Auge
durch mitgetheilte Blendung im deutlichen und dauern-
den Sehen zu stören.
Auf diese Weise erklärt sich der schlagende und
weitumfassende Erfolg der Therapie, den ich bei un-
gemein vielen und schweren Augenkranken in der ein-
seitigen Abschattung mittels eines blauen Planglases ent-
deckte, und so nur ist die Sinnes-Verbesserung zu deuten
und der scheinbare Widerspruch zu lösen, den wir so
oft hören, dass der plötzlich wieder seh kräftig Gewor-
dene mit der grössten Entschiedenheit die Objecte heller
beleuchtet (er will sagen „deutlicher") zu sehen be-
hauptet, in dem Augenblick, wo wir ihm vor seinem
schwächeren Auge blauen Schatten gewähren. Indessen
ist die klare Einsicht über diese in der Therapie tief
104 Die Erfolge ber Licht -Therapie.
eingreifende Thatsache zu wichtig, als dass ich sie nicht
in diesem Abschnitte durch mehrere Experimente er-
läutern sollte.
Versuchen wir zunächst einem über Blendung kla-
genden Kranken, wie er hier gemeint ist, auf die her-
kömmliche Weise durch zwei gleich blau nüancirte Gläser
zu helfen: so fehlt der Erfolg allerdings nicht ganz, in-
dem dabei auch das schwächere Auge bedacht wird,
welches der Lichtniilderung wirklich bedarf. Allein die
Maassregel ist nicht erschöpfend und verfehlt ihren Zweck.
Das Licht ist zwar milde/, aber der Unterschied von
Lichtwirkung rechts und links, aus dem die Störung
des binocularen Sehens erwächst, dauert selbst unter
dem gegebenen Schutze fort, wenn auch jetzt in anders
gestimmter Weise. Das, was der Kranke „Blendung"
heisst, ist nicht beseitigt. Die Therapie hat etwas Gutes,
aber nicht das für die individuelle Sinnesstörung Ent-
sprechende gethan. Das nur unter einer anderen Be-
leuchtung fortbestehende Missverhältniss untergräbt von
Neuem die Function der Augen, der nur scheinbar be-
friedigte Kranke kehrt früher oder später mit seinen
Klagen zu uns zurück.
Hier im Sinnesgebiet spricht sich, nur auf eine fass-
lichere Weise als irgend anderswo, eine alte Erfahrung
aus, die wir so oft machen müssen, wenn ein gepriesenes
Mittel wohl eine Zeit lang hilft, dann aber versagt, und
was man wohl dadurch, dass der Kranke sich schon an
das Mittel gewöhnt habe, zu erklären beliebt. Allein dort
wie hier liegt die Schuld nicht in einer Gewöhnung
an das betreffende Mittel, sondern nur in der ungefähren,
nicht individuell scharf getroffenen Anwendung desselben.
Das blaue Licht hebt die Blendung. 105
Die Sinnes-Function der Kranken würde durch das
gewählte Mittel vollständig geordnet gewesen und auch
dauernd gut geblieben sein, wenn man ihm, anstatt
z. B. das rechte und linke Auge gleichmässig mit der
Nuance IV zu versehen, rechts vor dem besseren Auge
Nuance III und links Nuance V oder VI gewährt hätte.
Machen wir demnächst in der Licht - Abschattung
eine zweite experimentale Modification, um dem Wesen
der einseitig begründeten Blendung entgegen zu wirken,
und geben wir von den beiden verschieden sehkräftigen
Augen dem gesunden und, wie man leicht glauben
könnte, auch deshalb der Blendung zugänglicheren Auge
ein milderes Licht, so ist der Erfolg wieder kein
günstiger, aber um desto belehrender. Die Sinnesstörung,
die der Kranke „Blendung" nennt, mit allen daran haf-
tenden Nachtheilen steigert sich gerade durch den Schatten
vor dem seh kräftigeren Auge auf das entschiedenste,
weil derselbe hier an der falschen Stelle wirkt und die
centrale Disharmonie in unmittelbarster Weise erhöht.
Wir sehen in Folge dessen den Kranken alsbald ge-
zwungen, entweder wegen unangenehmer Lichtempfindung
oder wegen eines Gehirnschmerzes oder wegen sonstiger
ReÜexwirkungen an entfernten Stellen des Nervensystems
die Augen dicht zu verschliessen.
Die Wahrheit und das richtige therapeutische Ver-
fahren ist in der That darin zu suchen, wo man es bis-
her am wenigsten zu finden glaubte. In dem für die
Auffassung der Objecte weniger brauchbaren und für den
Totaleindruck beim Sehen weniger thätigen, oft vermeint-
lich überflüssigen Auge ist der heimliche Sitz der Blen-
dung. Ihm, dem schwächeren, ist das Licht zu mildern,
106 & ie Erfolge der Licht Therapie.
nicht, damit es noch mehr abdanke, sondern da-
mit es positiv gehoben und wieder binocular brauchbar
werde und bei schwindender Blendung Klarheit dem ge-
meinsamen Bilde verleihe, so dass der Kranke im Ge-
genspiel gegen sonst mit beiden Augen zusammen
wieder viel deutlicher als mit seinem gesunden Auge
allein unterscheide.
Diese Hebung der Sehkraft ist eine Thatsache, die
sich Jedem bestätigen wird, der sich nicht mit ein paar
flüchtigen Versuchen begnügt, sondern lange und ge-
duldig mit Experimenten vertraut gemacht hat, die sich
allerdings auf das oft ungeübte Urtheil der Kranken
stützen müssen.
Aber es ist damit eine Methode gewonnen, durch
deren Benutzung die Therapie in der bequemsten Weise
aus den alltäglich wiederkehrenden Verlegenheiten ge-
zogen wird. Das einfache Zutheilen von Licht und
Schatten — nach Umständen verbunden mit einer passen-
den Schleifung der Gläser — ist die oft einzige Maass-
regel, um der zahlreichen Klasse von Gesichtsleidenden
zu helfen, denen es unmöglich ist, ihre im Ganzen
wirklich vorhandene, aber durch eine gegen-
seitige Missstimmung der Augen unverwerth-
bar gewordene Seh kraft nützlich zu verwenden.
Treffen sich fortan als Resultat dieser optischen Be-
handlung in dem centralen Vereinigungspuncte der Seh-
nerven-Fasern wieder, wie im gesunden Zustande, zwei
leichter mit einander verträgliche Licht- oder Schatten-
Ströme: so äussern sich die Kranken einstimmig günstig
über das unmittelbare Verschwinden ihrer Sehstörungen,
doch drücken sie sich darüber in sehr verschiedenen
Das blaue Licht hebt die Blendung. 107
und laienhaften Weisen aus, die ich versuchen will treu
wiederzugeben und zu analysiren.
1 . Viele sagen : „Der unablässige Schimmer
„oder das Flimmern, wodurch ihnen die deut-
liche und dauernde Auffassung der Sehob-
„jecte unmöglich gewesen, habe plötzlich auf-
„ gehört." Schimmer oder Flimmern ist eine Gesichts-
Affection, welche bekanntlich durch rasch auf einander
oder gleichzeitig erfolgende Einwirkung verschiedener
mit einander contrastirenden Lichtgrade hervorgerufen
wird. Aber dasselbe Ergebniss wird sich herausstellen,
wenn statt der Einwirkung zweier Lichtgrade ein und
dasselbe Licht von zwei verschieden sehkräftigen
Augen empfunden und dem Sensorium zugetragen wird.
Wer könnte demnach den hier gebrauchten Ausdruck
der Geheilten nicht verstehen, und den eingeschlagenen
Weg der Behandlung nicht für den naturgemässesten
erkennen ?
2. Andere Kranke sagen in dem Augenblick, wo
wir ihr schwächeres Auge beschatten: „Ein mildes,
„ein weiches und sanftes Licht entstehe, eine
„ungewohnte Ruhe verbreite sich vor ihrem
„Blicke." Auch diese Aeusserung ist eine charakte-
ristische Darstellung von der eintretenden Ausgleichung
disharmonischer, im Streit mit einander gewesenen Licht-
Empfindungen. Die Aeusserung drückt offenbar nur po-
sitiv aus, was jene Ersteren negativ durch „Schwinden
des Schimmers" bezeichnen wollten.
3. Noch Andere behaupten: „Die betrachtete
„Fläche (z. B. Papierfläche) würde zwar etwas
„weniger lichter, aber die Gegenstände darauf
108 Die Erfolge der Licht -Therapie.
„(die Buchstaben) werden um vieles bestimmter
„und klarer." Diese Weise, den veränderten Ein-
druck zu beschreiben, ist wohl die treffendste, und wird
auch nur von Personen gebraucht, die in der Beobach-
tung geübt und in der Deutung des Beobachteten ge-
bildet sind.
Denn der Laie macht gemeinhin keine Beobach-
tungen, sondern bringt uns statt deren seine meist
falschen Reflexionen. Und so leidet auch hier das Ur-
theil der Menge über die genehmere Umwandlung der
Sinnesaffection sehr oft an Begriffs- Verwechselungen.
Fast von den Meisten hören wir im Moment, wo das
schattige Glas von ziemlicher Intensität vor ihr schwä-
cheres Auge tritt, die Behauptung : „sie sähen bedeu-
tend heller". Selbstverständlich liegt in dieser Be-
hauptung ein physikalischer Widerspruch, und offenbar
soll durch dieselbe gesagt werden: „sie sähen klarer
und deutlicher".
Deshalb mnss der Augenarzt für dergleichen Unter-
suchungen wohl geübt sein, ehe er mit allen solchen
Fehlschlüssen bis ins Einzelne vertraut wird, und die
Kranken auch in ihren falschen Beurteilungen und Aus-
drücken sogleich richtig verstehen lernt. Aber die
Leichtigkeit, mit welcher gerade hier über das in der
innersten Sinneswahrnehmung eigentlich Vorgehende Ver-
wechselungen und Trugschlüsse gemacht werden, spricht
meines Erachtens um so entschiedener für die Zweck-
mässigkeit und das Treffende des gegen die binocularen
Gesichts -Störungen aufgefundenen Heilmittels.
Als eigenthümlich. und nur des eben berührten Ver-
ständnisses wegen, liessen sich noch manche bildliche
Das blaue Licht hebt die« Blendung. 109
Darstellungen aufführen, welche andere Kranke aus ihrer
Individualität heraus über das in ihrer Licht- Combination
Vorgehende vergleichsweise gebrauchen. Bequeme Per-
sonen drückten sich über die Wirkung des schattigen
Glases vor ihrem schwächeren Auge wiederholentlich aus :
„es kommeihnen so vor, als ob sie sehr müde
„sich in einen Lehnstuhl niederliessen", Em-
pfindliche: „es wäre ihnen zuMuthe, als ob Küh-
„lung auf einen entzündeten heissen Theil
„käme", und ein Kirchlichgesinnter äusserte: „er
„möchte die Einwirkung damit vergleichen,
„als ob es vor seinen Augen Sonntag würde",
d. h. : seine seit geraumer Zeit gereizten und angestrengten
Augen fanden endlich die längst ersehnte Ruhe oder
befriedigende gegenseitige Ausgleichung, und unwill-
kürlich wird man hier an Goethe' s Betrachtung er-
innert , dass die Farben , vermittelt durch den Sinn des
Auges, bestimmte Wirkungen auf das Allgemeingefühl
ausübten, die sich unmittelbar an das Sittliche anschlössen,
das Gemüth beherrschten undStimmungen des-
selben hervorzurufen im Stande seien.
Alle diese Ausdrücke und bildlichen Vergleiche, wie
man sie charakteristisch aus dem Munde des Volkes ver-
nimmt, kommen darin überein, dass durch die Abschat-
tung des schwächeren Auges etw T as Zweckmässiges und
Wohlthuendes, etwas den inneren Zerwürfnissen des op-
tischen Apparats Entgegenkommendes geschieht. Der
Schatten paralysirt nicht nur die störende Wirkung des
schwächeren Auges, nein, er wandelt eben in der Eigen-
schaft als blauer Schatten das bisher störende Auge ge-
radesweges in ein brauchbares um.
1 10 Eifrige dar Lieht -Therapie.
I da in diesem v Hülfe eine
so korktet schhessüeh auch ein, dm die Dunkel-
heit des schattigen *
darf, sondern ihre ganz bestimmte rationelle Greme
hat, bis mm der man mit vennetr igen
kaum. Heber diese hinaus gewinn' laue
- nicht nur die werthlosere Bedeutuiu
■ andaaaai ^" r in man wob! basa den - bei hü dank«
leres Glas vor das -
Kranke bekommt das deutliche Gefühl, dass ihm durch
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das gemeinsame S I wird.
Dem praktischen Talente des Therapeuten ia
aber vorbehalte lor Wahl des Do ppellichte<
Rechte la treffen, dass der Klag
aber die harmonische Zusammen 1 _ \ugca
wieder ihr gross - i und vie : '
sind daaa auch die Erfolge dieser harmonischen Zu-
sammenwirkiins. welche wir in besonderen Abschnitten
aoeb darlegen werden. Die Deutlichkeit kehrt mit
dem Scbwinden dar Blendung inrü isammen-
rerac deb \iuer
vveigt. nir
^rif irdischer
seitignng der centralen Combinations-Störnag
wieder bergestellr.
O«
IX.2.
Das blaue Licht erhöht die Unterschei-
dungskraft und giebt Deutlichkeit.
|_/ai »eh wachsichtige Ange bedarf, ohne viel Licht
zu ertragen, dennoch einer stärkeren Binneserngnag,
doppelten Anforderung zu entsprechen iffl das
blaue Lichl ganz geeignet In ihn ist der scheinbare
Widersprach gelöst, dass Sc ho nun g und stärkere
Erregung mit einander z u r M ö glichfc e i t m e r -
den können. Durch seine lassen! leisen Schwingun-
gen berührt dasselbe nur weich und schonend di-
haut, aber durch die Zahl der Vibrationen, worin es <li f -
übrigen farbigen Lichter überflügelt, ist es im Stande
dennoch bei weitem nachdrücklicher auf die Netzhaut
einzuwirken und d eu empfinde
durch die Art -eine- Anschlages mehr zu erregen, und
mehr zu leisten als die übrigen farbigen Lichter.
So kann das blaue Licht den Gesichts-Sinn in seiner
Gereiztheit besänftigen, und dennoch dabei au- seiner
Schwache erwecken. Quantitati v geringer und minder
als da- weisse Licht — denn es ist ja nur ein Theil des-
selben — hilft ungeachtet der gesun kenen Wahr-
112 1 Die Erfolge der Licht -Therapie.
nehmung der Netzhaut durch die Geschwindigkeit seiner
Wellen qualitativ empor. Denn die Sinnesorgane allzu-
mal sind naturgemäss dazu eingerichtet und angewiesen,
den Anstoss zu ihrer Function nicht wie durch einen ner-
vigen Schlag, sondern durch viele kleine Actionen zu
hekommen. Auf die Summe dieser kleinen Actionen
kommt es zuletzt an, wie schwach oder wie stark das
Sensorium davon erregt wird. Je grösser diese Summe,
desto stärker die Wahrnehmung. Das Bild auf der Geld-
münze und das Bild auf der Netzhaut stehen sich in
der Art ihrer Entstehung schnurstraks gegenüber; aber
das von blauen Strahlen wie auf die Netzhaut hinge-
hauchte Bild trägt an feiner Ausführung und Schärfe von
Allen die höchste Vollendung in sich!
Nur aus dieser, auf die Organisation der erkrankten
Netzhaut höchst wunderbar passenden physikalischen Be-
schaffenheit des blauen Lichtes konnte ich den Schlüssel
für die mancherlei sprechenden Thatsachen finden, welche
ich im Laufe einer langen Beschäftigung mit Schwach-
sichtigen allerlei Art über die unmittelbare Kraft
dieses Lichtes auf Belebung der gesunkenen optischen
Energie zu machen Gelegenheit hatte. Von solchen
Thatsachen will ich hier nur folgende hervorheben:
1. Ein massig Schwachsichtiger, der in einer ihm
vorgelegten Reihenfolge von Schriftproben nur eben noch
die allergrössten Druckschriften erkennt, kann durch
Vermittelung eines einfachen blauen Glasscheibchens,
welches in der Tiefe der Nuance genau dem Grade sei-
ner Amblyopie entspricht, geläufig auch in die kleineren
und mit einiger Anstrengung selbst bis in die kleinsten
Druckarten hinein lesen.
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. ' 113
2. Ein in noch höherem Grade schwachsichtig Ge-
wordener, der auch die grössten Druckschriften schon
gar nicht mehr unterscheidet, fängt an, sobald man seine
Netzhaut erst eine Zeitlang unter den Einfiuss tief blauer
Strahlen gebracht hat, die Druckschriften zu unterschei-
den, wenn auch zuerst nur in kurz vorübergehenden
Zeitabschnitten.
Am wirksamsten ist dieser Belebungsversuch durch
gefärbte Plansch eibchen, wenn man mit der Verwendung
des blauen Lichtes in ähnlicher Weise, wie bei einem
durch Frost Erstarrten mit der Verwendung der Wärme,
Geduld übt, und vorsichtig so verfährt, dass man das
schlummernde Äuge zuerst unter die dunkelsten Nuancen
versetzt, welche aus grossem Mangel an gelben und rothen
Strahlen sehr schonend, aber freilich deshalb auch zu
lichtraubend sind, um ein wirkliches Erkennen zuzu-
lassen. Geht man aber alsdann ganz allmählich zu den
helleren Nuancen über, so findet sich in der Reihenfolge
Eines der Glasscheibchen, bei welchem das durch die
vorausgegangenen tiefer abgeschatteten Scheibchen be-
sänftigte und stufenweise vorbereitete Auge plötzlich
functionsfähig wird und thatsächlich erkennt.
3. Diesen Versuch kann man dadurch noch wesent-
lich erfolgreicher machen, wenn man vorher den fast
bei jedem Schwachsichtigen veränderten Accomodations-
Zustand auszumitteln sucht, und statt einer Reihenfolge
blau abgeschatteter Planscheibchen zweckmässiger noch
eine Reihenfolge verschieden stark gefärbter Convex-
oder Concav - Gläser von einer bestimmt zusagenden
Schleifungs-Nummer zur Anwendung bringt, oder auch
indem man selbst durch ein stärker gewähltes Convex-
Böhm, Licht - Therapie. , 8
114 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Glas, als es der im speciellen Fall veränderte Accorno-
dations - Apparat erheischt, das durch den Mangel an
gelben und rothen Strahlen äusserst schwache, fast nur
auf blaue Strahlen beschränkte und in sofern unzurei-
chende Licht in grösserer Menge auf die unempfind-
liche Netzhaut concentrirt.
4. Aus einem leicht zu wiederholenden Experiment
kann man die belebende Kraft des blauen Lichtes noch
in einer anderen Weise erkennen, wenn man darauf
achtet, wie das amblyopische Auge, welches einem klei-
nen Gegenstande, den es wahrnehmen will, bei weissem
Lichte sich ganz dicht annähern muss, unter einem
blauen Planscheibchen — das ihm die rothen und gelben
Strahlen in gehörigem Grade absiebt — sich leicht um
das Doppelte und mehr von demselben Gegenstande
entfernen kann, ohne deshalb, wie im weissen Lichte
zu sehr an Deutlichkeit einzubüssen. Die bessere Qua-
lität des Lichtes, welche sich nahe und fern gleich
bleibt, ersetzt die grössere Quantität, welche an
die Nähe gebunden ist.
5. Und wie zusagend diese Qualität wirkt, geht
bei diesem Versuche auch ausserdem aus dem Umstände
hervor, dass, während im weissen Lichte das amblyopische
Auge, um dauernd zu sehen, sich allmählich dem Gegen-
stande immer mehr nähern muss, dasselbe unter blauem
Lichte im Gegentheil ohne Einbusse an Deutlichkeit sich
immer mehr imd mehr davon entfernen kann.
6. Hierher gehört ferner eine Erscheinung, die
schon an der Grenze des physikalischen Gebietes steht,
und in den Bereich organisch lebendiger Aeusserungen
übergreift. Wir überzeugen uns, wie ein durch die schmei-
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 115
chelnden Berührungen des blauen Lichtes zum Sehen
erwachtes Auge in dieser seiner Thätigkeit noch eine
ganze Weile gleich massig ausharrt, auch wenn das blaue
Glasscheibchen in demselben Moment, wo es seine Wir-
kung auf die Netzhaut gethan hat, schon wieder rasch
entfernt worden war.
7. Schliesslich gedenke ich des wichtigsten ganz
in das Vitale hinüberspielenden Vorganges radicaler Hei-
lung, dass nämlich in einem amblyopischen Auge, wel-
ches zeither kaum grobe Umrisse unterschied, unter der
mild anregenden Wirkung des blauen Lichtes die feineren
und feinsten Bilder flüssig und flüssiger wurden, bis sie
nach genügender Uebung des Auges im erleichternden
Medium auch ohne dasselbe dauernd flüssig
blieben, gleich den Blutkügelchen in den Lungen des
wiederbelebten Asphyctischen. Hiernach sind, dem le-
bensfähigen Organismus gegenüber, die blauen Strahlen
im weissen Lichte genau das, was der Sauerstoff in der
Zusammensetzung der atmosphärischen Luft bedeutet.
Die überraschendsten in diese Analogie einschlagen-
den Beobachtungs - Fälle haben sich mir von Zeit zu
Zeit dargeboten, indem nach vorausgegangenem jahre-
langen Stumpfsein, durch die methodische Anwendung
des blauen Lichtes, sich ein deutliches und scharfes Un-
terscheiduugs-Vermögen in raschem Uebergange, ja mit
stürmischen Erscheinungen, und unter Schmerzgefühl neu
entfaltete, so dass Einhalt gethan werden musste, um
den Gewinn nicht wieder zu zerstören.
Und wenn dergleichen Beispiele von acutester Hei-
lung freilich nicht zu den häufigsten gehören, so sind
sie deswegen nicht weniger lehrreich. Sie scheinen nur
116 Die Erfolge der Licht - Therapie.
zu beweisen, dass in derartigen Fällen der optische Lei-
tungs-Apparat von solchen materiellen Hindernissen frei
geblieben sein mag, welche sonst der Functionsbelebung
durch das blaue Licht einen unbedingten oder einen nur
allmählich zu besiegenden Widerstand zu leisten pflegen.
Der Werth des blauen Lichtes, auch palliativ eine
grössere Deutlichkeit und bessere Wahrnehmung
der Sehobjecte zu gewähren.
Die radicale Heilung der Schwachsichtigkeit,
von welcher eben die Rede war, ist nicht das alleinige
und abgeschlossene Ziel, das w r ir mit dem blauen Lichte
verfolgen. Im Gegentheil, dieser äussersten Anforde-
rung der Therapie gegenüber läge sein Werth in den
ziemlich beschränkten Grenzen so vieler anderer schon
versuchten Mittel, die uns öfter im Stich lassen als un-
seren Erwartungen und Wünschen entsprechen. Der
grosse Vorzug des blauen Lichtes, den ich hier zur An-
schauung und zur Anerkennung bringen möchte, ist in
seiner gleichzeitigen palliativen Heilkraft enthal-
ten, indem dasselbe fast überall mit Leichtigkeit solcher
Modificationen in der Verwendung fähig ist, wodurch die
geschwundene Deutlichkeit der Sehobjecte auch solchen
Schwachsichtigen wiedergegeben werden kann , bei wel-
chen unbedingt unheilbare Zustände zu Grunde
liegen und die klare Auffassung verhindern. Mit dieser
Eigenschaft des blauen Lichtes vertraut, werden wir gar
viele Unglückliche nicht heilen, aber wir werden sie
wieder dahin bringen, genau genug zu unterscheiden,
wir werden im Stande sein, durch das blaue Licht ihre
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 117
eigentlichen Wünsche zu befriedigen, d. h. sie zu befähi-
gen, wieder wie in den Zeiten ihrer vollkommenen Ge-
sundheit die Aufgaben ihres Berufes zu lösen.
In Bezug auf den Werth der palliativen Licht-
Therapie muss ich aber vor Allem einen Umstand her-
vorheben, welcher im Stande ist, ihr ein unendlich
grosses Gebiet zu eröffnen, den nämlich, dass bei den
wenigsten an Augenschwäche Leidenden das Unvermögen,
genau zu unterscheiden, auf einer gleichmässigen Be-
hinderung beider Augen beruht, sondern dass die Seh -
schwäche in der Regel einseitig entsteht, und
sich aus irgendeinem kleinen störenden Feh-
ler des einen Auges herausbildet, welcher —
so verschiedener Art er auch sein mag — hin-
reicht, um den ganzen in einander greifenden
Act des Sehens zu verwirren und mit der Zeit
die Wahrnehmung mehr und mehr zu unter-
graben.
Gelingt es uns, diesen einen Fehler auf eine leichte
Weise auszugleichen und auch nur palliativ unschäd-
lich zu machen, so sind wir dadurch auch befähigt, die
begonnene gegenseitige Störung der Augen selbst noch
nach Jahren wieder in eine gegenseitige Unterstützung
zu verwandeln und den Knoten zu lösen, woran das
Unvermögen, deutlich zu unterscheiden, bei den Meisten
geknüpft war. Das Mittel dazu ist diejenige Ver-
wendung des Lichtes, wobei das schwächere
Auge ein um so intensiveres (wahrnehmbareres)
Blau erhält, als es eben im Vergleich zu dem
anderen Auge weniger wahrnimmt, namentlich
die einseitige Abschattung.
118 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Ein Kranker mit zwei verschieden starken Augen
sieht jedenfalls die Objecte in dem Maasse undeutlicher
als er der Hülfe seines schwächeren Auges entsagen
muss. In dieser einfachen Entbehrung liegt aber noch
das günstigere Verhältniss. Viel häufiger gereicht das
schwächere linke Auge dem besseren rechten Auge gera-
desweges zum Nachtheil, ist ein die Auffassung der Seh-
objecte störendes Organ, und lässt die Gegenstände durch
sein Zuthun undeutlicher, je nach dem Ausdruck des Kran-
ken, „verwischt, unklar, blasser, flimmernd,
unruhig, entrückter, wie durch einen Flor, wie
durch einen Nebel" erscheinen. Der betreffende
Kranke sieht unter diesen Umständen momentan besser,
sobald er sein linkes schwächeres Auge schliesst, um
das rechte Auge allein zu benutzen.
Solchem Uebelstande, an welchem bei weitem die
Mehrzahl der Schwachsichtigen in verborgener Weise
leidet, ist man im Stande augenblicklich zu begegnen,
sobald man die durch das schwächere Auge dem Ge-
hirn zuströmende Lichtmenge qualitativ umändert, und
um so viel, als das schwächere Auge weniger wahr-
nimmt, an blauen Strahlen reicher, d. h. wahrnehm-
barer macht. Und zwar erreicht man durch diese, für
das schwächere Auge allein angewandte physikalische
Lichtverbesserung je nach der Stelle, an welcher jener
oben erwähnte, die £chwachsichtigkeit anbahnende Feh-
ler sich befindet,
dreierlei Resultate:
1. Man übt bei einer wohl am stärksten vertrete-
nen Klasse von Schwachsichtigen durch das rechts und
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. H9
links anders wirkende Licht einen directenEinfluss
auf den Centralpunkt des optischen Apparats
aus. Die dort aus den beiderseitigen verschieden wahr-
nehmbar zugerichteten Lichtströmen sich entwerfenden
Bilder werden schärfer, ohne dass das schwächere
Auge selbst in seiner Unterscheidungskraft dabei ir-
gend gehoben wird. Denn der Gewinn, der sich beim
Doppelgebrauch der Augen (des unbeschatteten guten,
und des blau beschatteten schwachen Auges) in der
schlagendsten Weise geltend macht, sinkt fast auf Null
herab, wenn man gleich darauf den Vortheil ermisst,
der in solchen Fällen nach Schliessung des rechten Auges
für die isolirte Thätigkeit des linken Auges aus der
blauen Abschattung erzielt wird. Das schwache linke
Auge einzeln durch das nüancirte Licht behandelt,
bleibt weit oder ganz hinter den Erwartungen zurück,
die man vorher aus der erheblichen Verdeutlichung der
Sehobjecte für dasselbe hegte. Der im gemeinsamen
Gebrauch seiner Augen gehobene Kranke pflegt auch in
der Regel aus eignem Antriebe diesen Einzelversuch an-
zustellen und ist erstaunt, wie das unter dem blauen
Lichte eben noch so energisch sich betheiligende schwä-
chere Auge, für sich allein doch unter dieser Hülfe
nichts vermag. Der Vortheil kann und muss also not-
wendiger Weise erst auf dem weiteren und tieferen op-
tischen Wege, erst da zur Verwirklichung kommen, wo
die Verschmelzung der beiderseitigen Lichtströme vor
sich geht, das ist, im Centralpunkte des Sensoriums.
2. Bei einer anderen Klasse von Kranken hebt
man durch den dunkler blauen Lichtstrom die Func-
tion des schwächeren Auges selbst unmittel-
120 Die Erfolge der Licht -Therapie.
bar, und ohne dass wiederum dabei die cen-
traleLichtmischungirgend in Betracht kommt.
Hat man in solchen Fällen das rechte gute Auge
durch Schliessen ausser Mitwirkung gebracht, und das
linke Auge ist seinerseits gänzlich ausser Stande im
weissen Lichte zu lesen, so wird ihm die Fähigkeit da-
zu unverzüglich gegeben, sobald man ihm die richtig
passende blaue Nuance vorlegt. Oder liest in anderen
Fällen das Auge unbewaffnet allenfalls noch die grösste
Probeschrift No. 20., so treten ihm nach der Anwendung
des blauen Planscheibchens auch noch die kleineren
Probeschriften bis auf 19, 18, 17, ja noch kleinere klar
und leserlich entgegen.
3. Und endlich muss ich noch derjenigen Klasse
von Kranken Erwähnung thun, bei welcher die bei-
den eben von einander getrennt dargestellten,
und ei gentlich hinter ein an der folg enden Heil-
gebiete der einseitigen Abschattung, mit ein-
ander in Schwingung versetzt werden und zu
einander in Wirkung treten. Unverkennbar findet
hier die Behandlung durch das modificirte Licht ihren
günstigsten Boden, und wir sehen, wie ein Minimum an
Ueberschuss von blauen Strahlen, von der bedürftigen
Seite her gegeben, die Lichtbahnen an den schwierigen
Stellen ebnet, und wie die rechts und links in leiser
Verschiedenheit Beschatteten mit Einem Male ' ihres
Grundübels überhoben werden. Wir besitzen darin das
für Niemand verschlossene Auskunftmittel, auch in d e n
Fällen noch Deutlichkeit und Arbeitskraft in der ausge-
dehntesten Weise zurückzubringen, bei welchen schon
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 121
die anstrengendsten Kurversuche zur radicalen Heilung
sich vergebens erschöpfen mussten!
So wenig man die Physiologie eines Wagschlusses
zeihen kann, wenn sie durch das Experiment die rasche
Ausgleichung von rechts und links verschieden intensiven
Farbengläsern nachweist, so wenig kann man, meiner An-
sicht nach, der hier genau sich anschliessenden thera-
peutischen Anschauung etwas Unwahrscheinliches vor-
werfen. Der krankhaft vorgegangenen Aenderung wird
eine entsprechend physikalische Einrichtung zur Aus-
gleichung gebracht, und es ist eine augenscheinliche
Thatsache, dass die Abschattung der linken (schwächeren)
Netzhaut das Centrum trifft, und dass die dort erfolgende
günstige Einwirkung, in eben dem Maasse weiterstrebend,
zuletzt dem redhten Auge zu Gute kommt, um dessen
ungetrübte Function es sich lediglich bei so vielen Kran-
ken noch handelt.
Also rückgängig und von der Kehrseite her wird
die rechte, bereits mit in den Verfall gezogene Netzhaut
für den aufzufassenden Sinnes-Eindruck wieder empfäng-
lich und geschickt gemacht.
Aehnlich, wie in der Daguerreotypie die Strahlen auf
einer verhältnissmässig sorgfältiger vorgerichteten Me-
tallplatte, muss das jetzt auf des Kranken rechte Netz-
haut fallende Licht ein im Ganzen wohl weniger helles,
aber ein in seinen Umrissen schärfer abgesetztes, ein
viel klareres, wirksameres, fasslicheres und unterscheid-
bareres Bild entwerfen. Mitten durch den lebenden
Organismus hindurch und von einer Oberfläche zur an-
dern dringen die ordnenden Schwingungen des Lichtes
122 Die Erfolge der Licht - Therapie.
zur Wiederherstellung einer reineren sensoriellen Per-
ception.
Und noch mehr! Ist das rechte, bereits die Deut-
lichkeit versagende Auge durch Zuführen eines anregen-
deren und schonenderen Lichtes von der linken Netz-
haut her einmal zur besseren Wahrnehmung der Objecte
gestimmt worden: so verbleibt ihm noch eine geraume
Zeit hinterher dieselbe Fähigkeit des schärferen Erken-
nens, auch wenn man das ursprünglich hülfreiche Glas
von dem linken Auge schon längst entfernte. So wirkt
die auf einem Umwege herbeigeführte Umstimmung des
optischen Apparats nachträglich fort, bis der frühere
Feind — das weisse Licht des linken Auges — auf dem-
selben Umwege dem rechten Auge die Deutlichkeit all-
mählich wieder verwischt und schwinden heisst!
Das einfachste Verfahren, dessen man sich
bei sämmtlichen Kranken der drei genannten Klassen
bedienen kann, um sich von dem Vortheile der einseitigen
Lichtverwendung zur Beschaffung grösserer Deutlichkeit
zu überzeugen, besteht nach meiner Erfahrung darin,
dass man die Kranken zum Versuch mit beiden ge-
öffneten Augen in einer dazu geeigneten Schrift ohne
Unterbrechung lesen lässt, während man abwechselnd
bald ihr rechtes, bald ihr linkes Auge mit dem blauen
Planscheibchen abschattet, um die Wirkungen zu ver-
gleichen.
Rechts dem besseren Auge vorgelegt, raubt das
Glas ohne Noth zu viel der gelben und rothen Strahlen,
das Papier erscheint merklich blau, zu dunkel, und nä-
hert sich in sofern der schwarzen Farbe der darauf be-
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 123
findlichen Buchstaben, die sich deshalb weniger scharf
absetzen, und durch den geringeren Contrast an Deut-
lichkeit verlieren.
Links vorgelegt, macht dasselbe Glas (z. B. Nu-
ance VI), welches drüben das Papier sehr dunkelblau
gefärbt erscheinen Hess, dem überraschten Kranken vor
seinem Auge — weil es eben weniger wahrnimmt —
kaum einen blauen Eindruck. Die Papierfläche wird nur
um ein Weniges und zwar sehr angenehm in ihrem bis
dahin blendenden Scheine gemildert. Licht- und Orts-
Sinn des betreuenden Auges befinden sich im Gleich-
gewichte. Der Kranke geniesst den nöthigen Schatten,
ohne, wie vor dem rechten Auge, Licht zu vermissen.
Sein Sensorium wird richtig gestimmt, ohne dass der-
jenigen Netzhaut", in welcher ihm die Hauptfäden seines
Gesichtes auslaufen, im Mindesten Etwas in den Weg ge-
legt wird.
Und die Sehobjecte — hier die Buchstaben — wie
gewinnen diese durch den dem linken (schwächeren)
Auge gewährten Schatten ein anderes erfreuliches An-
sehen! Schwarz und scharf, wie elegante Typen dem
nachlässigen Zeitimgsdruck auf grauem Papier gegenüber,
setzen sie sich in ihren Umrissen deutlich gegen die
jetzt nicht mehr blendende, aber angenehm helle Fläche
ab, heben sich vom Grunde los, und treten so klar ent-
gegen, „als ob, wie der Kranke selbst sagt, zwei Augen
„statt eines sie in sich aufnähmen, ja als ob in umge-
kehrter Weise gegen sonst das blau beschattete Auge
„jetzt entschieden thätiger wäre als das andere, und
„doch sei dem nicht so; denn versuche er das rechte
124 Die Erfolge der Licht -Therapie.
„Auge zu schliessen, so sehe das linke Auge fast so un-
klar als vorher im unbeschatteten Zustande."
Eine ähnliche Täuschung geht hier, namentlich bei
dem Kranken der ersten Klasse, vor, wie sie uns von
den Gefühlsnerven des Amputirten wohl bekannt ist.
Wie dieser den Schmerz in den längst verlorenen Fuss
verlegt, so bezieht der vor seinem längst schwach ge-
wordenen Auge mit einem blauen Glase Versehene das,
was in seinem Gehirn vorgeht, nur auf das excentrische
Organ, doch mit dem wesentlichen Unterschiede, dass
er von der vorgehenden Einwirkung einen reellen Nutzen
hat, da es hier auf die Erregung selbst ankommt,
und nicht erst wie dort, bei dem Amputirten, auf eine
davon abhängige Bewegung, die nicht mehr Statt
finden kann.
Die schwächere Netzhaut ist gewöhnlich in ihrer
ganzen Flächenausbreitung der Abschattung bedürftig,
damit sie bei dem gemeinsamen Dienste beider Augen,
statt störend, wieder nützlich mitwirke. Aber als eine
Besonderheit kommt es auch vor, dass die schwächere
Netzhaut nur in einzelnen bestimmten Punkten leidend
ist. Dann ist die Folge davon, dass auch nur einzelne
undeutliche Stellen auftreten, die sich beim Gemeinge-
brauche der Augen durch Verdunkelung, Blendung oder
Flimmern im Gesichtsfelde bemerklich machen. Durch
die blaue Abschattung beider Augen können wir zwar
diese Flecken mildern, durch die des schwächeren
Auges aber unverzüglich auslöschen.
In manchen mir sehr lehrreichen Fällen war ge-
rade die von der macula lutea aus nach Innen oder nach
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 125
Aussen hin • sich erstreckende Hälfte der Netzhaut des
einen (linken) Auges leidend. Die Kranken lasen wohl
mit dem rechten Auge allein geläufig, mit beiden Augen
gemeinsam aber erschien ihnen je nach Umständen nur
der Anfang oder das Ende der Zeilen deutlich. Durch
den Beistand eines schwach blauen Plangläschens von
der linken Seite her standen diesen Kranken zu ihrer
freudigsten üeberraschung sofort die einzelnen Zeilen
nach beiden Enden hin in grösster Klarheit vor Augen.
Besonders denjenigen, welche beim Lesen jedesmal den
Anfang der Zeilen mühselig hatten aufsuchen müssen,
ward dadurch eine wesentliche Hülfe gewährt.
Kurz, das Ziel, welches man gar oft durch eine
lange Reihe von therapeutischen Versuchen uud aufer-
legten Entbehrungen für alle diese Gesichts -Leidenden
vergeblich erstrebt hatte, ward durch die eigentliche
und passende Entbehrung, nämlich einer gering-
fügigen Menge Lichtes, nur von der einen Seite her, mit
dem ersten Augenblick erreicht.
Casuistik.
Fall 13 bis 18.
Fall 13.
Blaues Licht hebt die Unterscheidungskraft und
bringt den von der Netzhaut nicht mehr in Span-
nung erhaltenen Accomodations-Apparat zu neuer
Lebensäusserung.
Der Klempner G. Schulz hatte schon von Kindheit an
mit solcher Schwachsichtigkeit zu kämpfen, dass ihm das
126 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Lesenlernen nur mit Anstrengung gelang. Seine spätere
Beschäftigung mit Metallarbeiten und namentlich mit Löthen
war nicht geeignet, seinen Augen eine Erholung zu verschaf-
fen. So las Schulz in seinem 21sten Jahre mit unbewaff-
neten Augen nur eben noch die Jäger' sehe Schriftprobe
No. 10., und zwar genau in der Entfernung von 1 Fuss. Er
las sie nicht näher aus mangelnder Accomodationskraft,
nicht weiter aus fehlender optischen Energie. Dem Kran-
ken war bis dahin Nichts übrig geblieben, als sich durch
eine starke Convex-Brille (No. 15.) für seine Arbeit tüchtig
zu machen, wenn auch dabei das Gefühl der Anstrengung
ihn nie verliess, und die Notwendigkeit einer unablässigen
Unterbrechung nicht aufhörte.
Hier galt es einen für die Licht -Therapie geeigneten
Fall, wie solche für den Kenner unzählige vorkommen. Als
ich eine blosse Planbrille in Nuance IV anwandte, hob die
wahrnehmbarere Lichtart die Unterscheidungskraft Ibis so-
weit, dass der Kranke statt der No. 10. mit Leichtigkeit
No. 5. der Jag er' sehen Schriftproben las, und zwar bis in
eine Nähe von 7 Zoll, und bis in die Entfernung von 2 Fuss.
Die zur Unterstützung der Accomodation alsdann noch
getroffene Combination der blauen Lichtart mit einer Con-
vexschleifung No. 30. steigerte nicht nur die Möglichkeit,
feine Objecte bis in die grösste Nähe zu unterscheiden, son-
dern gab auch nach der anderen Richtung hin eine Sehferne
von 2 Fuss und 6 Zoll.
Der Kranke, welcher bereits der Notwendigkeit ge-
folgt war, seinen Beruf zu vertauschen, kehrte sofort in seine
frühere Thätigkeit zurück, und nach kaum drei Monaten
hatte sich unter der Arbeit sein Zustand soweit gebessert,
dass ich mit Nutzen auf eine schwächere Farbenwandlung
und schwächere Lichtbrechung zurückgehen konnte. Bei
einer Brille
+ 50 in Nuance III
hatte fortan die Netzhaut ihr richtig belebendes Licht, und
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 127
unter ihm auch die Fähigkeit, den Accomodationsmuskel
zur dauernden Einstellung für die Nähe festzuhalten.
Als ich zu wiederholten Malen zum Gegenversuche
weisse Convexgläser von den verschiedensten Schleifungen
unterschob, wurden diese stets mit derselben Entschieden-
heit als unwirksamer und als schmerzerregend zurückge-
wiesen.
Bei der angestellten ophthalmoscopischen Untersuchung
gab sich deutlich eine Vermehrung und Hyperämie der
Retinalgefässe zu erkennen. Ich belästigte aber auf diese
Thatsache hin den Kranken nicht mit Blutentziehungen oder
sonstigen Ableitungen, da die Erfahrung mich zur Genüge
belehrt hat, dass in chronischen Fällen dergleichen Maass-
regeln eben so wenig die venösen Stauungen des Augen-
grundes beseitigen, als man weiss, dass dieselben bei Vari-
cositäten der Unterschenkel ohne nennenswerthen Erfolg sind.
Fall 14.
Einseitige Abschattung giebt Deutlichkeit und
Dauer.
Der Forstmann Herr Dr. F , 40 Jahre alt,
trug bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten bereits seit fünf-
zehn Jahren Conv ex-Brillen , und war in deren Schärfe bis
. zu No. 40. gestiegen, ohne dass ihm dieselben den gewünsch-
ten Erfolg, namentlich die nöthige Ausdauer beim Sehen
gewährt hatten. Meine Vermuthung über die einseitige Be-
gründung dieser Sehschwäche bestätigte sich vollkommen,
als ich im Mai 1854 die Augen einzeln prüfte.
Das rechte Auge war tadelfrei, und hatte sich der
Kranke daher auch gewöhnt, dasselbe nach Schliessung des
linken Auges allein zu gebrauchen, wenn es galt, feine en-
tomologische und ähnliche Unterschiede festzustellen. Das
rechte Auge vermochte die Schrift auf dem Thalerscheine
zu lesen.
128 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Das linke Auge dagegen war schwachsichtig, las nur
mit Anstrengung und bei möglichster Annäherung bis auf
die kurze Dauer von drei Secunden die Jäger 'sehe Schrift-
probe No. 8. Dasselbe fand die überraschendste Hülfe in
einem einfachen blauen Planglase, las dadurch sofort die
feinere Schriftprobe No. 4. , und sah im Verhältnisse zu der
gewonnenen Deutlichkeit auch weiter und dauernder
als zuvor.
Nicht zu verkennen war also, dass in der schädlichen
Mitwirkung des linken Auges der Grund für die unzurei-
chende Thätigkeit des rechten Auges zu suchen sei, und ich
konnte ebenso hoffen, dass durch die einseitige Anwendung
eines wahrnehmbareren blauen Lichtes das linke Auge in
ein nützliches Organ umgewandelt werden und dadurch das
Zusammenwirken beider Augen günstig von Statten gehen
werde. Statt der bisher gebrauchten Convexgläser No. 4U.
wurde also demgemäss verordnet:
1) eine Plan-Brille,
Plan in weissem Glase rechts,
Plan in blauer Nuance IV links;
2) eine Convex-Brille,
Convex 80 in Nuance II rechts,
Convex 80 in Nuance IV links.
So einfach ungekünstelt diese Maassregel war, so er-
schöpfend war der Erfolg eines optischen Mittels, das den
Grundfactoren der individuellen Sehschwäche entsprach.
Herr Dr. F. beschäftigte sich, nach seiner Heimath zurück-
gekehrt, während des ganzen Sommers 1854 täglich 5 bis
6 Stunden und nur unter Benutzung der einseitig gefärbten
Plan-Brille mit der genauen Durchsicht seines Herbariums
und mit ähnlichen Arbeiten, die er längst aufzugeben ge-
zwungen gewesen. Erst an den kürzer werdenden Herbst-
und Wintertagen wurde für die Zeit der künstlichen Be-
leuchtung die einseitig abgeschattete Convex-Brille No. 80. in
Anwendung gezogen.
Das blaue Licht' giebt Deutlichkeit. 129
Ein als Gegenexperiment angestellter Versuch, die Bril-
len umzukehren , so dass die Beleuchtung der einzelnen
Augen vertauscht wurde, zerstörte sogleich die Totalwirkung.
Bei fortgesetztem Gebrauche der blauen Plan-Brille erholten
sich die Augen, und gewannen auch die Fähigkeit, ohne Un-
terstützung zeitenweise genau genug zu unterscheiden. Der
Kranke unterliess es nicht, im Interesse der Sache mir auch
später über die Nachhaltigkeit seiner Kur Mittheilungen zu
machen.
Fall 15.
Die einseitige Abschattung heilt radical das linke
Auge von Amblyopie, und sichert das rechte vor
ähnlichem Verfalle.
Der Schneidermeister Deicke las mit seinem linken
Auge, wenn er alle Anstrengung aufbot und dem Schrift-
blatt sich möglichst dicht näherte, bis auf zwei Zeilen und
ermüdete dann vollständig. Ferne Gegenstände waren ihm
überhaupt unzugänglich. Dieser einseitigen Schwäche war
er sich bereits seit zwei Jahren bewusst, ohne dagegen
etwas zu unternehmen, da ihm für seine Arbeiten kein Hin-
derniss daraus erwuchs. Erst seit den letzten Monaten
schwand auch seinem rechten Auge Deutlichkeit und Aus-
dauer so entschieden, dass ihm auch hier ein ähnlicher Ver-
fall seiner Sehkraft sehr nahe gerückt wurde.
Gewiss hätte, wie nach meinen Beobachtungen oft ge-
schieht, auch hier das schwache linke Auge durch die schäd-
lichen Rückwirkungen der gestörten binocularen Com-
bination sein Nebenorgan langsam zur Untauglichkeit
nachgezogen, wenn diesem heimlichen Vorgange nicht durch
die zwischentretende Licht -Therapie eine andere Wendung
wäre gegeben worden. Die einseitige Abschattung kam für
die Sicherung des rechten Auges nicht nur auf, sondern ret-
tete sogar — worauf ich freilich auch bei aller Abwesen-
heit ophthalmoscopisch entdeckbarer Veränderungen nicht
rechnen durfte — selbst das linke Auge.
Böhm, Licht -Therapie. 9
130 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Nachdem der Kranke unter einer Brille,
Plan in Nuance III rechts,
Plan in Nuance V links,
von jeglichem Hindernisse, namentlich von der links ange-
bahnten Blendung, befreit, seine Beschäftigung, und zwar
ohne alle Schonung wieder aufgenommen, begann die
ihm anfänglich sehr zusagende Einrichtung allmählich und
stufenweise zu lichtraubend zu werden, so dass er sich ihrer
nur bei der hellsten Tageszeit oder zur Abendbeleuchtung
hedienen durfte und sie schliesslich ganz ablegte. Denn die
tiefere Abschattung wurde in demselben Grade ein Hinder-
niss für das linke Auge, als es sich zur neuen Thatigkeit
erhob.
Bei sorgfältiger Erprobung, die ich mit dem linken
Auge nach Verlauf von fünf Wochen anstellte, las dasselbe
wieder geläufig Druckschrift, und hatte unter dem schonend
anregenden Lichte den zweijährigen Zustand von Lethargie
vollständig überwunden.
Fall 16.
Blaues Licht, dem schwachsichtigen rechten Auge
allein zuertheilt, hebt dessen Sehkraft, und bringt
beiden Augen die geschwundene Deutlichkeit und
Ausdauer wieder.
Frau Krüger, 35 Jahre alt, überstand in ihrem zwan-
zigsten Jahre die Masern und diese hinterliessen, wie gar
häufig bei Erwachsenen, einen so veränderten Zustand der
Augen, dass die Kranke fortan für ihre Beschäftigung in der
Nähe sich einer ziemlich starken Convex-Brille (-}- 18) be-
dienen musste. So verstrichen 15 Jahre. Seit den letzten
acht Monaten aber versagte ihr die genannte optische Hülfe.
Ein bei jeder Beschäftigung alsbald überhand nehmendes
Flimmern verundeutlichte die kleinen Objecte und gestattete
ihr z. B. , nur wenige Zeilen hinter einander zu lesen. Die
verschiedensten Versuche, zu schwächeren oder stärkeren
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 131
Brillen mit oder ohne Färbung überzugehen, blieben dies-
mal ohne Erfolg.
Als ich die Kranke im Januar 1859 zum ersten Male
untersuchte, entdeckte sich mir die Ursache ihrer neueren
Gesichtsverschlimmerung und der Grund des vergeblichen
Suchens nach Hülfe sehr bald. Die Augen waren verschie-
den sehkräftig geworden. Das linke Auge las von + 18
in Weiss unterstützt noch jetzt eben so deutlich und geläufig
als sonst; aber das rechte las durch dieses Glas nur höch-
stens bis No. 13. der Jäger 'sehen Schriftproben. Stärker
gewählte Convexgläser befähigten zwar, bis zu der feineren
Schriftart No. 10. vorzuschreiten, veranlassten aber eine
merkliche Vergrösserung und gleichzeitig ein unangenehmes
ziehendes Gefühl im Grunde des Auges.
Die farbige Licht Wandlung war das einzige Mittel,
um dem rechten Auge den Grad von Unterscheidungskraft
wiederzugeben, den es seit acht Monaten seinem Nebenorgan
gegenüber eingebüsst hatte, und ohne welche doch kein er-
spriessliches Zusammenwirken mehr Statt finden konnte.
Mit jeder dunkler blauen Nuance, die ich dem rechten Auge
zu seinem Convexglase noch hinzufügte, bewährte sich im-
mer sichtbarer diese erwartete Thatsache, und unter
Convex 18 in Nuance VI
las das rechte Auge für sich allein wieder mit derselben
Deutlichkeit und Behaglichkeit, als das linke Auge unter
seinem weissen Convexglase No. 18., wenn ersterem auch
nicht ganz dieselbe Ausdauer zu Gebote stand. Eine com-
binirte Brille
+ 18 in Weiss links,
+ 18 in Nuance VI rechts,
war also an die Stelle der früheren einfach weissen Convex-
Brille 18 zu setzen, um Alles das wieder zu erreichen, was
gesunde Augen vermögen. Die aus der Lichtbrechung und
Lichtwandlung combinirte Brille diente sogar in sofern noch
eingehender, als auch die Arbeit bei künstlicher Beleuch-
tung, die der Kranken seit den Masern niemals hatte recht
9*
132 JDie Erfolge der Licht -Therapie.
zusagen wollen, mit derselben Leichtigkeit als bei Tage von
Statten ging.
Die optische Untersuchung des Augengrundes gab über
die Schwachsichtigkeit des rechten Auges bis auf einen ge-
wissen Punkt wissenschaftlichen Aufschluss genug, aber,
wie in den meisten Fällen, für die Therapeutik leider kei-
nen förderlichen Anhalt. Die Papilla optica war in ein
senkrecht stehendes Oval verzogen, aus dessen äusserem
Rande die Gefässe in vermehrter Zahl und von venöser
Stauung geschwellt entstiegen.
Dessenungeachtet erholte sich das Auge in seiner, wenn
ich so sagen darf, veränderten Licht - Temperatur einiger-
maassen, und zeigte bei späteren Untersuchungen wenn auch
keine besser gewordene Unterscheidungskraft, doch eine
entschieden grössere Ausdauer für seine isolirte Thätigkeit.
Fall 17.
Opacität des Glaskörpers im linken Auge. Eine
links tiefer blau abgestimmte Planbrille bringt
das deutliche Erkennen bis über die doppelte Seh-
ferne hinaus.
Um den Gewinn der Deutlichkeit, den die blauen Strah-
len bieten, zu beurtheilen, kann man nicht nur die Steige-
rung in der Kleinheit der erkennbaren Buchstaben be-
nutzen, sondern auch eben so gut die Entfernungen zum
Maassstabe nehmen, um welche dieselben Buchstaben im
blauen Lichte weiter gelesen werden, als im weissen. Denn
je kräftiger die Function der Netzhaut durch qualitativ ge-
ändertes Licht gehoben wird, mit um so geringerer Zahl
von Strahlen wird sie für das deutliche Erkennen auskom-
men. Und so wird die von blauen Strahlen berührte Netz-
haut verhältnissmässig weiter liegende d. h. ihr weniger
Lichtstrahlen zusendende Gegenstände noch eben so gut
erkennen, als nahe liegende, aber von weissem Licht be-
leuchtete.
Das blaue Licht triebt Deutlichkeit, 133
Der Schlosser Heinrich Gabbe, 22 Jahre alt. hatte
von Kindheit an nur eine kurze Gesichtsweite gehabt, ohne
eigentlich myopisch zu sein; denn sein Familienstamm war
frei von diesem in der Regel auf die Hälfte der Nachkom-
menschaft übergehenden Fehler, und andererseits sprach
auch die durch Convexgläser angestellte Erprobung gegen
xMyopie. Der Kranke las mit beiden Augen zusammen höch-
stens bis auf 8 Zoll. Sein linkes Auge, für sich allein be-
nutzt, zeigte sich für das Lesen vollständig unfähig. Die
Arbeitskraft hatte sich in den letzten Jahren um Vieles ver-
ringert, und der Leidende selbst kam mir mit der Ansicht
entgegen, dass sein rechtes Auge .immer bedenklicher vom
linken entwerthet werde.
Therapie. Während ich gemeinsam mit beiden Augen
lesen Hess, hielt ich nur links ein blaues Planglas in
Nuance IV vor. Die Sehweite stieg sofort von 8 bis auf
12 Zoll. Eine Brille,
Plan in Nuance III rechts,
Plan in Nuance V links,
erweiterte sodann die Deutlichkeit beim Lesen bis auf 15 Zoll.
Und die am besten in die Combinations- Verhältnisse ein-
gehende Abschattung:
Plan in Nuance III rechts,
Plan in Nuance VI links,
gewährte eine Sehweite von 18 Zoll, in welcher der Kranke
ohne Anstrengung und mit voller Ausdauer verbleiben
konnte.
Um diesem therapeutischen Resultat die Diagnose des
Falles zur Seite zu stellen, wandte ich das Ophthalmoscop
an. Das rechte Auge war tadelfrei. Links aber sah man
eine zu den Bewegungen des Auges entgegengesetzt sich ver-
schiebende — also hinter dem Drehpunkt des Auges ge-
legene — Glaskörper- Verdunkelung, die mit vielen schwar-
zen scharf abgesetzten Pünktchen durchsetzt war.
In wie weiter Ferne mag wohl die Möglichkeit liegen,
solchen aus frühster Jugendzeit her an ein handgreifliches
134 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Hinderniss der Sinnesthätigkeit geketteten Kranken zu hel-
fen, und sie aus ihrer Invalidität zu führen? Das Licht
aber, das heutigen Tages der Physik die unerwartetsten
Einblicke eröffnet, lässt sich willig herbei, starre Organisa-
tionsfehler zu umgehen und ihnen ihre schädlichen Folgen
zu nehmen.
Fall 18.
Die Zutheilung eines tiefer blauen Lichtstromes
giebt dem rechten durch Commotion schwach-
sichtig gewordenen Auge sofort die deutliche
Wahrnehmung, und mit ihr den beiden Augen die
geschwundene Ausdauer zurück.
Ist durch die vorhergehenden Beispiele erwiesen wor-
den, wie die Erhöhung der Deutlichkeit durch das blaue
Licht sich 1) im Erkennen kleinerer Gegenstände und 2) in
der Vermehrung der Sehferne kund giebt: so bleibt noch als
dritter Nachweis übrig, wie die Deutlichkeit, welche im
weissen Lichte keinen Bestand hat, der Zeit nach festge-
halten wird, so dass der rasch Ermüdende durch den blauen
Strahl Ausdauer erwirbt.
Ernestine Frascati, 20 Jahre alt, erlitt durch Ge-
genfliegen eines Stückchen Holzes eine so heftige Erschütte-
rung des rechten Auges, dass diesem die Gegenstände nur
wie durch einen Flor sichtbar erschienen, und das Lesen
gewöhnlicher Druckschrift unmöglich war. Unerachtet einer
sorgfältigen Behandlung nahm dieser Zustand nicht ab ; nach
der dritten Woche wurde die Kranke von der neuen Wahr-
nehmung beunruhigt, dass auch das linke Auge an Seh-
schärfe verlor, an Ausdauer einbüsste, Schmerz bekam, und
bei künstlicher Beleuchtung zu jedem Gebrauche unfähig
wurde.
Zur klaren Auseinandersetzung der einzelnen Erforder-
nisse der Licht-Therapie für diesen Fall wurden drei Reihen
von Versuchen angestellt.
Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 135
1. Das rechte, durch Commotion schwach gewordene
Auge für sich allein erprobt, vermochte — wie schon er-
wähnt — gar nicht zu lesen. Durch ein vorgelegtes Plan-
glas in Nuance IV las dasselbe nothdürftig, und nur drei
Secunden. Vermittels der tieferen Nuance V las dasselbe
mit mehr Leichtigkeit und noch lö Secunden länger. Durch
Nuance VI unterstützt, las es am besten, und volle zwei
Minuten vergingen, ehe Ermüdung eintrat. Das Schriftblatt
konnte beiläufig während dieser Versuche nur höchstens bis
auf 10 Zoll genähert werden, da — wie ich dies bei sol-
chen Kranken in der Regel beobachtet habe — in Folge
der Commotion nicht nur die Netzhaut, sondern auch der Ac-
commodations-Apparat in seiner Thätigkeit herabgesetzt war.
2. Das linke, nur secundär in Mitleidenschaft gezo-
gene Auge für .sich allein erprobt, vermochte eine geraume
Zeit zu lesen, ehe ein Gefühl von Anstrengung und ein um-
flortes Sehen entstand. Die schwache Nuance III war aus-
reichend, diese Störungen abzuhalten.
3. In der Hauptsache, bei dem gemeinsamen Gebrauch
beiderAugen, zeigte es sich, dass die Kranke nur höch-
stens bis auf eine halbe Minute deutlich las. Dann sah man
sie verschiedene Entfernungen aufsuchen, das Buch schräge,
bald rechts, bald links wenden, mit den Augenlidern immer
rascher blinzeln. Umsonst! das Lesen musste unterbrochen
werden. Erhielt dieselbe nun ein Planglas in Nuance IV
nur vor ihrem linken Auge, so wurde die Deutlichkeit bis
auf vier Minuten flüssig. Die Steigerung der Hülfe auf
Nuance V verlängerte alsdann die gemeinsame Thätigkeit
der Augen bis auf neun, die Steigerung auf Nuance VI als-
dann noch bis auf fünfzehn Minuten.
Aus diesen Thatsachen, welche die drei Versuchsreihen
lieferten, ergab sich schliesslich die Combination einer
Lichtbrille,
Plan in Nuance III links,
Plan in Nuance VI rechts,
wodurch, ohne irgend ein Gefühl von Anstrengung, volle
136 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Deutlichkeit und Ausdauer gewonnen wurde, und unter deren
Vermittelung von Stunde an jede Schonung bei Seite gelas-
sen werden konnte. Nach den fortgesetzten Beobachtungen
des Herrn Dr. Wesche, eines jungen talentvollen Arztes,
der sich eine grosse Gewandtheit und Sicherheit in der Licht-
Therapie zu eigen gemacht, und die obigen Bestimmungen
mit Sorgfalt und Genauigkeit aufgenommen hatte, kehrte
in allmählichen Uebergängen sowohl die Function der
Netzhäute als auch die des muscularen Apparates zu seiner
Pflicht zurück, und die Kranke war nach Ablauf einiger
Monate auch für die Ausführung der feinsten Handarbeiten
keiner Kunsthülfe mehr bedürftig.
-ÖO-
IX. 3.
Das blaue Licht giebt die Ferne.
l_Jie Lichtbrechung vermittels der Concavgläser ist
eine bekannte Hülfe, um kurzsichtig gebauten Augen
den zu beschränkten Fernpunkt des deutlichen Erkennens
hinaus zu schieben. Dass aber eine blosse Lichtart,
und zwar die blaue, ein für die Augen von jedweder
Bauart nutzbares, im Erfolge mindestens ebenso wirk-
sames, und von den Umständen sogar häufiger erheischtes
die Ferne gebendes Mittel ist, gehört zu den der Ophthal-
mologie noch ziemlich fremd gebliebenen und nirgends
gründlich erwogenen Beobachtungen. Freilich ist diese
für den Therapeuten hoch wichtige Wirkung des blauen
Lichtes mit seinen übrigen Eigenschaften eng verwebt
und in den Darlegungen des vorhergehenden Abschnittes
schon mit enthalten und bewiesen ; aber was einmal nicht
als definitive Thatsache ausgesprochen, und aus seinem
sonstigen Zusammenhang heraus nicht mit Nachdruck in
den Vordergrund gestellt wird, pflegt allzuleicht seinem
138 Die Erfolge der Licht -Therapie.
wahren Werthe nach unterschätzt zu werden und in Folge
dessen unbenutzt zu bleiben.
Auch könnte noch ein Zweifel an der ungemein
grossen Wirksamkeit des blauen Lichtes, „die Sehferne
zu erweitern", in d e m Umstände Nahrung finden, dass
eine derartige Eigenschaft der Lehre der Physik schnur-
straks zuwider zu laufen scheint, indem die Optik durch
das lichtzerlegende Prisma und neuerdings durch manche
schlagende Experimente (vergl. Seite 12) nachweist,
dass die blauen Lichtstrahlen für das Auge brechbarer
sind als alle übrigen, und dass der Punkt des deutlichen
Erkennens für die blauen Strahlen näher liegt als für
das weisse Licht, näher als für die gelben und rothen
Strahlen. Auch kann es auffällig erscheinen, dass durch
ein negatives Verfahren — denn blaues Licht erhält
man ja durch eine Theilung des weissen — ein so po-
sitiver Vortheil für die Sehweite gewonnen werde, ein
Vortheil, der für den umfassendsten Theil der Augen-
kranken geradezu eine Lebensfrage in sich schliesst, und
der, obwohl so leicht erreichbar, doch bis heute so-
wohl von der Wissenschaft unbeachtet als von der aus-
übenden Kunst unverwerthet sollte liegen geblieben sein !
Neue Thatsachen sind indessen beredter als eine lange
Vergangenheit, die darüber schwieg. Anders verhält es
sich hinsichtlich der Aeusserungen des blauen Lichtes
in dem physikalischen Gebiete des gesunden Auges,
ganz anders in der Therapie des pathologisch ver-
änderten. Was dort im gesunden Auge als überwie-
gende Eigenschaft zum Vortheil der Nähe sich geltend
macht, tritt hier gegen eine andere Eigenschaft des blauen
Lichtes, die der Ferne dient, weit in den Hintergrund.
Das blaue Licht giebt die Ferne. 139
Man stelle nur unbefangen bei den passenden Kranken
Versuche an, und man wird staunen, wie freigebig ein
einfaches blaues Glasscheibchen den Punkt des deutlichen
Sehens oft bis zum Zwei- und Dreifachen hinausschiebt,
und wie die bescheidene Lichtart, in ihren entsprechenden
Abstufungen gewählt, ungemein vielen Menschen, deren
Gesichtskreis sich allen angewandten Mitteln zum Trotz
immer enger zog, rasch und nachhaltig emporhilft.
Die erste Entdeckung, dass das blaue Licht ein die
Ferne gebendes Mittel ist, und gerade als solches
unter Umständen unersetzlichen Werth hat, machte
ich bei der Prüfung von Individuen, welche durch den
organischen Bau ihrer Augen an wirklicher Myopie litten.
Ich fand bei der Vergleichung ganz entschieden, dass
diese mit blauen Concavgläsern um eine messbare Strecke
weiter lasen, als mit ihren bisher gebrauchten farblosen
Gläsern von derselben negativen Brennweite. Als ich
nun die beiden bei der Combination sich als nützlich
erweisenden physikalischen Wirkungen von einander
trennte, die Kranken das eine Mal durch ihre passenden
weissen Concavgläser, das andere Mal durch die ihnen
zusagenden blauen Plangläser schauen 'Hess: so erkannte
ich die ferngebende Wirkung beider Mittel im je Ein-
zelnen. Ja es begegneten mir bald auch solche Kurz-
sichtige, welche durch blosse blaue Plangläser in viel
ergiebigerem Maasse für das Weitsehen gewannen, als
durch die ihnen genau und richtig zusagenden weissen
Concavgläser.
Der Schln ss lag jetzt nahe, dass das blaue Licht
ausser seiner physikalisch feststehenden Eigenschaft für
das gesunde Auge brechbarer und zum Nahesehen
140 Die Erfolge der Licht - Therapie.
förderlich zu sein, noch eine andere Eigenschaft besitzen
müsse, wodurch es gewissen kranken Augen die
verloren gegangene Ferne wiederzubringen im Stande
sei. Der Boden für diese Wirkung konnte im Gegen-
satz zu den brechenden Medien des Auges nur die Netz-
haut selber und die Wirkung nur eine wahrscheinlich
ausserhalb der Physik liegende, also eine vitale sein.
Diese Ansicht verwandelte sich immer mehr zu
einer unabweisbaren Thatsache. Die blaue Lichtart er-
wies sich nicht nur bei wirklich Myopischen, bei denen
ich nur zufällig zuerst darauf geführt wurde, sondern
auch vielen im organischen Bau vollkommen Fehlerfreien
als das beste die Ferne gebende Mittel. Ja sogar die in
ihrem Accommodations-Bereiche fernsichtig Gewordenen
fand ich von diesem Nutzen der blauen Strahlen nicht
einmal ausgeschlossen. Denn wie bekannt ist, dass
Presbyopische durch richtig gewählte weisse Convex-
gläser kleine Objecte auch um etwas weiter unter-
scheiden, weil neben dem stärker gebrochenen Lichte
ihrer Netzhaut auch ein concentrirteres Licht zugeführt
wird: so sah ich, dass durch blaue Convexgläser von
derselben Schleifungsnummer sich ihr Unterscheidungs-
vermögen für kleine Gegenstände noch erheblich weiter
hinausrücken liess, weil ihrer Netzhaut nicht nur ein
quantitativ vermehrtes, sondern auch ein qualitativ zu-
sagenderes Licht zuströmte.
Alle diese Erfahrungen an Kranken führten darauf
zurück, dass die grössere Wahrnehmbarkeit der
blauen Lichtart es ist, welche hier nur in einer be-
sonderen Beziehung und einem mächtigen Heer von
Fernbedürftigen gegenüber ihre heilsame Wirksamkeit
Das blaue Licht giebt die Ferne. 141
nach Aussen entfaltet. Wo nach überspannten Anfor-
derungen die Grenze der Wahrnehmungsfähigkeit nach
Aussen sich zu sehr — z. B. für das Lesen bis auf
5 Zoll — beengte, und die ferner liegenden Buchstaben
der im weissen Licht übersättigten und in sofern stumpf ge-
wordenen Netzhaut zu wenig Sinnesreiz erregen, da wird
das quantitativ zu geringe Licht durch qualitativ
wirksameres Licht ersetzt, und das Schriftblatt kann
augenblicklich bis auf 10, 15, ja 20 Zoll hinaus geschoben
werden.
Die blaue Lichtart gewinnt aber unter der Indication
als ein die Ferne gebendes Mittel erst ihre volle Be-
deutung fürs practische Leben. Und wenn in dieser ihrer
Eigenschaft freilich nichts Neues, sondern vielmehr ein
dem Ganzen als Theil Zugehöriges in Wirksamkeit tritt,
so ist dieser Umstand deshalb von Seiten der Wissenschaft
nicht weniger hervorzuheben, damit das blaue Licht von
der ausübenden Kunst nach dieser heute in vielen Fällen
noth wendigen Richtung hin eingehend benutzt und ver-
werthet werde.
Soll bei dem Aufsuchen der für jeden einzelnen Fall
nöthigen Abstufung des blauen Lichtes die Wahl eine
rationelle werden, so ist mein Rath, rein experimental,
und zwar also zu verfahren. Man beginne damit, den
Kranken in seiner grössten Sehweite lesen zu lassen,
nachdem man schon vorher den durch Accommodations-
Fehler etwa Myopischen oder Presbyopischen mit weissen
Gläsern von der nöthigen Schleifung versehen hat. Als-
dann lege man den Augen des Kranken der Reihenfolge
nach die in der Intensität sich steigernden Nuancen blauer
Plangläser so lange vor, bis derselbe ein Schriftblatt
142 Die Erfolge der Licht -Therapie.
auf die grösste Entfernung hinaus geschoben hat, und
bis man wahrnimmt, dass bei der nächstfolgenden Nuance
der Kranke wegen quantitativer Lichtentbehrung mit dem
Schriftblatt wieder eine rückgängige Bewegung machen
muss. Man giebt dann schliesslich die gefundenen Plan-
gläser oder die mit der betreffenden blauen Nuance com-
binirten concaven oder convexen Gläser dem Kranken
zum dauernden Gebrauch.
Nun reihten sich mir aus der Erfahrung zwei schöne
Thatsachen an, welche die vitale die Ferne gebende
Wirkung des blauen Lichtes im Gegensatz zu den rein
physikalischen, die Ferne gebenden Brechungsge-
setzen in klarer Weise erkennen Hessen.
Bei der ruhigen Beobachtung der Kranken, welche
ich zur Feststellung des Grades ihrer Kurzsichtigkeit,
und des ihnen nöthigen Grades von blauem Lichte in
meiner Studirstube längere Zeit aus einer Schrift lesen
Hess, deren Inhalt sie fesselte, und ihre Gedanken von
dem mit ihnen selbst vorgenommenen Experiment ab-
zuziehen geeignet war, gewahrte ich, dass sich dieselben
dem Schriftblatt mit der Zeit immer mehr und mehr näher-
ten. Liess ich aber dieselben durch eine für sie aus-
gesuchte blaue Planbriile lesen, so sah ich, dass die
Wirkung der Gläser sich im Gegentheil mit
der Dauer der Zeit wesentlich steigerte, und
dass ich bei Kranken, die gleich Anfangs durch die
blaue Lichtart schon einen bedeutend weiteren Abstand
gewonnen hatten, nach etwa einer halben Stunde wohl
das Mehrfache der Entfernung messen konnte! Unmerk-
lich und ohne alle Absicht war das Schriftblatt mit der
vital immer freier werdenden Netzhaut-Function von Mi-
Das blaue Licht giebt die Ferne. 143
nute zu Minute weiter hinaus geschoben worden. Wer
gleich Anfangs sechs Zoll gewann, las endlich unter
derselben blauen Nuance um einen Fuss weiter und dar-
über hinaus.
Und ferner eine zweite Thatsache von nicht gerin-
gerer therapeutischen Bedeutung! Wenn ich nach end-
licher Erreichung des Zielpunktes der grössten Sehferne
die blauen Gläser plötzlich bei Seite legte, und den
Kranken ohne alle Unterbrechung mit unbewaffneten
Augen fortlesen Hess : so verblieb derselbe in der nächsten
Zeit mit seinem Schriftblatte in dem gewonnenen, ihm
sonst ganz ungewöhnlichen fernen Abstand, und kehrte
nachträglich erst ganz allmählich und unvermerkt zu
seiner ursprünglichen kurzen Sehweite zurück! Die im
blauen Lichte erstarkte Netzhaut behielt also
thatsächlich ihre freier gewordene Function
auch in dem ihr individuell feindseligen weis-
sen Lichte eine geraume Zeit noch bei.
Die Kenntniss von einer solchen Nachwirkung des
blauen Lichtes, welche mit einer überraschenden Schnel-
ligkeit in der Netzhaut mancher Kranken einheimisch
wird, gab mir theils für das Technische der Unter-
suchung, theils für die Erwartungen, die man an das
blaue Licht zu knüpfen berechtigt ist, sehr beachtungs-
werthe Anhaltepunkte.
In Bezug auf die technische Untersuchung ist unter
diesen Umständen ersichtlich, dass, je länger man sich
— um vermeintlich nicht zu fehlen — mit der Wieder-
holung des Experiments und mit den Messungen der
im blauen Lichte wachsenden Sehferne beschäftigt, die
betreffenden Kranken in demselben Maasse ihre Urtheils-
144 Die Erfolge der Licht -Therapie.
fähigkeit über den Wechsel der Sehweite im weissen
und blauen Lichte verlieren müssen. Erst nachträglich
sah ich ein, warum im objectiven Beobachten sehr
scharfe und geübte Personen, die mir beim Beginn der
Untersuchungen die entschiedensten, stets stimmenden
Angaben über die Verschiedenheit ihrer grössten Seh-
ferne im weissen und im blauen Lichte gemacht hatten,
mit der Dauer der Untersuchungen immer unsicherer und
schwankender wurden. Der sonst so richtige Grundsatz,
dass man beim Experimentiren kein so grosses Gewicht
auf die ersten Ergebnisse legen soll, verkehrt sich hier
ausnahmsweise in das Gegentheil.
Was aber vor Allem dieser so bereitwillig erfol-
genden, sich der Netzhaut bemächtigenden Nachwirkung
ein Gewicht ertheilt, ist die ganz von selbst sich daran
knüpfende Hoffnung, die Nachwirkung werde auch eine
dauernde werden, das heisst nichts Anderes als, das
blaue Licht werde für viele in der Netzhaut
Erkrankte eine radicale Heilung ihrer Kurz-
sichtigkeit ins Werk setzen. Doch es handelt sich
hier nicht mehr um blosse Hoffnungen, nicht um ein
angreifbares Theorem, sondern um eine abgeschlossene
Thatsache. Eine zahlreiche Liste der seit Jahren ledig-
lich durch die Wohlthat des specifisch einwirkenden, be-
sänftigenden blauen Lichtes, von anderweitig unzugäng-
lich gebliebener Kurzsichtigkeit und von der sich daran
schliessenden Augenermüdung (Kopiopia myopica), ja
von hochgradiger Amblyopie Geheilten ist der Beleg
eines nicht anders zu deutenden Erfolges. Jeder Tag
mehrt für mich und meine klinischen Zuhörer in der
Art die Beweise, dass sie bereits für selbstverständlich
Das blaue Licht giebt die Ferne. 145
gelten. Allein was in den verschiedenen Gebieten des
Wissens sich schliesslich yon selbst zu verstehen scheint,
ist gar oft nicht in seinem wahren Zusammenhange be-
griffen noch weniger streng bewiesen und, was die Haupt
sache ist, nicht an dem rechten Orte benutzt worden.
Ueber die Notwendigkeit verschieden blauen
Lichtes für das rechte und linke Auge zur
Steigerung der Sehferne.
Die der blauen Lichtart inwohnende Kraft, die ver-
lorene Ferne wiederzugeben, erreicht meistenteils erst
dann ihre volle Wirkung, wenn wir uns der für die bi-
nocularen Combinations-Störungen von mir angegebenen
Methode bedienen, bei welcher der Grad der Abschattung
so abgestimmt wird, dass das in seiner Netzhaut weniger
weit erkennende amblyopischer gewordene Auge das
verhältnissmässig dunklere Glas erhält.
Die Therapie hat hierbei einen Plan von ganz eigen-
thümlicher Art zu verfolgen.
Wahrend das bessere — angenommen das rechte
— Auge lediglich dasjenige Organ ist, dem wir die Ferne
zugänglicher machen wollen, bietet das werthlosere linke
Auge die Stelle dar, wo wir die tieferen Farbentöne in
Wirkung setzen müssen. Jede dunklere Nuance, die wil-
der Reihenfolge nach hier vorlegen, lässt für das rechte
Auge das Schriftblatt, aus dem der Kranke liest, in auf-
steigender Scala um mehrere Zolle weiter hinaus schieben,
bis die Grenze kommt, bei der das linke Auge, mit noch
dunklerer Nuance versehen, zu viel des Lichtes entbehren
würde. Die Hülfe ist also eine lediglich vom schwächeren
Böhm, Licht - Therapie. 10
146 Di e Erfolge der Licht -Therapie.
Auge (auf das stärkere) übertragene. Denn versuchen
wir im Laufe des Experiments, das linke durch blaues
Licht zur Mitwirkung herangezogene Auge zu schliessen :
so verliert in demselben Moment das rechte Auge seinen
ganzen Gewinn an Ferne, und schliessen wir das rechte
Auge selbst, so überzeugen wir uns, dass das linke der
vorhin gebotenen Lichttöne unerachtet fortfährt, nur in
der unmittelbarsten Nähe mühselig zu lesen oder es er-
weist sich wohl gar dazu überhaupt ganz unfähig. Nicht
selten kommen auch hier solche für die Beobachtung
äusserst lehrreiche Fälle vor, wo nach der Entfernung
des dunkleren Glases links, das* rechte Auge erst
ganz allmählich zur Nähe zurückkehrt: ein um so merk-
würdigerer Beweis davon, wie die von links nach rechts
übertragene Hülfe selbst in der Nachwirkung fortdauert.
Diese individuell zu treffende Einrichtung der Licht-
Therapie wird künftighin deshalb ein so weitgreifendes
Gebiet practischer Anwendung finden, weil auf sie eine
Menge von Gesichtsleidenden angewiesen ist, welche
ursprünglich nichts mit einander Aehnliches zu haben
scheinen, und schliesslich doch alle zu dem gemein-
samen Schicksal gelangen, dass ihnen primär in dem
einen und dann aus Combinations-Störung in
dem anderen Auge die Ferne verloren geht.
Der deutlichen Uebersicht wegen sind dreierlei Gruppen
dieser Kranken hervorzuheben.
a. Die für's Fernsehen der doppelten Licht-
Abschattung bedürftigen Myopischen.
Es liegt ausser allem Zweifel, dass die Augen,
welche durch ihren organischen Bau eine zu starke
Das blaue Licht giebt die Ferne. 147
Lichtbrechung ausüben, sich auch dauernd in zu grellem
Lichte befinden. Denn je näher sich das Auge zu seinem
Sehobjecte begiebt, desto dichter liegen die von dem
letzteren ausgehenden Strahlen. Man findet daher wenige
Myopische höheren Grades, bei denen nicht für die an-
gestrengte Beschäftigung in der Nähe mild blaue Gläser
von Nutzen wären. Die Kranken werden durch diese
Vorsichtsmaassregel nicht etwa, wie man so oft hört,
„verwöhnt", sondern ihre Netzhaut gelangt dadurch
erst in den natürlichen Lichtgrad, dessen sich der
mit gesunder Lichtbrechung Begabte und in der gehörigen
Entfernung vom Sehobject Verweilende dauernd erfreut;
man verhütet ^eben durch die blaue Lichtart, dass sich
zu der organischen Myopie nicht noch eine Schwäche
der Netzhaut selbst geselle, wodurch dann die Sehweite
aus doppelten Gründen verkürzt wird.
Abgesehen von dieser allgemeinen Benachtheiligung
der Myopischen giebt das zu grelle Licht den Kranken
noch eine Veranlassung mehr, dass dieselben sich ge-
wöhnen, nur mit dem einen Auge zu arbeiten, das an-
dere zu vernachlässigen und schwach werden zu lassen.
Von da ab pflegt eine lange Frist zu vergehen, bis auch
das eine in alleiniger Thätigkeit gebliebene Auge an-
fängt, seine ohnehin nur kurze Tragweite noch durch
amblyopische Beimischung zu beengen. Aber auch noch
jetzt ist es Zeit, dass wir uns bei der Behandlung an
das verschuldende Licht wenden. Auch noch jetzt
rechts und links verschieden geändert in seiner Qua-
lität, giebt es oft zurück, was sein blendender Schein
in den einzelnen Netzhäuten nach einander verdarb und
raubte.
10*
148 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Zuvörderst beginne man damit, das Licht für das
schwächere (in höherem Grade amblyopisch gewordene)
und bereits lange Zeit ausgespannt gewesene Auge stär-
ker wahrnehmbar zu machen. Sofort betheiligt sich als-
dann dieses Auge unter dem dunkleren Glase wieder in
lebhafter Weise am Sehen, unterstützt aufs neue das an-
dere Auge, das vormals aus Uebermaass an Licht seine
Mitwirkung abwies, und unaufgefordert gleitet das Schrift-
blatt, auf dessen Zeilen der hülflose Myopische so eben
noch niedergebückt verweilte, in die doppelte Entfer-
nung! Alsdann erhöhe man noch den gemeinsamen Ge-
winn der Ferne durch die Wahl eines zweiten heller
blau gefärbten Glases für das später nachgesunkene
zur Zeit noch nicht so stark in seiner Netzhaut alterirte
Auge. Und legt man endlich diese Farbenstimmungen
in zwei gleich geschliffene, genau für die Beschäftigung
auserwählte Concavgläser, so hat die Therapie jeden
einzelnen Zug ihres Kranken belauscht und berück-
sichtigt. Der Zollstab wird mein Zeuge sein, ob diese
Methode zu den imaginären gehört, oder einen Bestand
haben wird.
Wohl hat der Augenspiegel mir bestimmt genug
nachgewiesen, wie bei vielen Myopischen schon von
Hause aus Veränderungen des Augengrundes obwalten,
die mit der Zeit einen so desfructiven Charakter an-
nehmen, dass daran jede optische Hülfe, auch nur pallia-
tiver Art, scheitern muss. Es wäre falsch, darin einen
Einwurf gegen die Licht-Therapie zu erblicken. Denn
jede Therapie hat ihre Grenzen und gewinnt nur in dem
Maasse an Bestimmtheit, als sie diese Grenzen kennt.
Aber ich muss glauben, dass in vielen Fällen, wo auch
Das blaue Licht giebt die Ferne. 149
die Licht- Therapie nicht mehr wirken kann, nur die Ver-
zögerung derselben einen Theil der Schuld trägt. Denn
wenn schon bei den Myopischen die von Jugend an
vorhandene unabänderliche Säfteüberfüllung des Aug-
apfels nachtheilig wirkt, so lässt es sich um so eher den-
ken, dass die Netzhaut durch unberücksichtigt bleibende
Lichtreizungen leichter in organische Krankheiten ver-
fallen kann. Geschieht doch durch analoge Einflüsse
ein Gleiches bei chronischen Reizungen auf der Schleim-
haut des Magens und auf der äusseren Haut des Kör-
pers. Aber selbst da, wo schon das eine Auge unter
dem Augenspiegel die gezeichneten Zerstörungslinien
deutlich trägt, ist noch Zeit zur Hülfe für das andere.
Wo ursprünglich das gleich geschattete Licht das Prä-
servativ-Mittel gewesen wäre, gewährt noch jetzt das
rechts und links verschieden geschattete Licht einen
nicht zu ersetzenden Ankerpunkt. Um soviel als wir
unter blauem Lichte die Sehweite sich steigern sehen,
sinkt mit gleichem Gewicht die Gefahr des nachgezo-
genen und zu organischen Veränderungen schon vorbe-
reiteten Auges.
b. Die für das Fernsehen der doppelten Licht-
Abs chattung bedürftig en, dem Baue nach fehler-
freien Augen.
Auf ganz ähnlichen nur noch reiner dastehenden
Sachverhältnissen beruht die glückliche Wirksamkeit des
zweifach abgeschatteten Lichtes bei den Augenkranken,
welche ursprünglich frei von jeglichem Hindernisse der
Lichtbrechung eine normale Accommodations-Breite be-
150 Die Erfolge der Licht -Therapie.
sassen und die Ferne vollkommen beherrschten, aber
durch das zu dauernd und zu grell einströmende Licht
in ihren Netzhäuten erlahmen, und die Sehweite bis
zur Hälfte, ja bis auf einen kleinen Rest einbüssen mussten.
Hier ist es therapeutisch von der grössten Wichtigkeit
zu wissen, dass fast in allen Fällen dieser Zu-
stand nicht anders als bei den Myopischen
mit einer Entzweiung der Netzhäute und mit
Ausspannen des einen Auges anhebt. Der Kranke
selbst hat, während die ersten Mahnungen sinkender
Sehkraft sich ihm schon bemerkbar genug machen, von
solchem Entwicklungsgange natürlich keine Ahnung. Ist
aber das eine Auge erst ausgespannt und das andere
trägt nun die ganze Last der Arbeit: dann rechne man
sicher darauf, dass auch dieses der Verkürzung der
Sehweite sehr bald anheim fällt. Viele geheime Fäden
ziehen das zweite Auge dem anderen nach.
Das Mittel ist jetzt gegeben, noch zur rechten Zeit
dazwischen zu treten, und die entzweiten Augen wieder
zur Gegenseitigkeit zu stimmen. Was in allen solchen
Fällen die Netzhäute in demselben Lichtgrade unabän-
derlich verweigern, nehmen sie, einer verschiedenen Be-
leuchtung theilhaftig geworden, gern wieder auf. Man
lege dem zuerst erlahmenden durch seine kurze Seh-
weite immer leicht erkennbaren Auge ein blaues Glas-
scheibchen vor, und in demselben Moment greifen die
feinen Tasten seines Gefühls wieder eben so weit in die
kleinen Objecte hinaus, als das andere zur Zeit noch
weniger gesunkene Auge. Und man gebe diesem an-
deren Auge noch daneben ein heller blaues Glasscheibchen,
so wird man gewahren, wie in den ohnmächtig gewese-
Das blaue Licht giebt die Ferne. 151
nen Augen ein Wettstreit beginnt, das Fernere wieder
zu erspähen. Dieser messbare Gewinn der Sehweite
wird sogleich um die Hälfte verkürzt, wenn beide Augen
unter eine gleichförmige Abschattung gebracht werden,
der Gewinn geht ganz verloren bei dem versuchsweisen
Umkehren der Gläser in der Art, dass das bessere Auge
jetzt das dunklere Glas erhält.
Freilich, wenn auch hier der rechte Moment ver-
rinnt, treten die so weit gezeichneten Kranken in ein
Stadium, wo sie der Licht-Therapie so gleichgültig wer-
den können, wie andere Gesichtsleidende, deren Fern-
sehen durch primäre Netzhaut -Affectionen zu Ende
geht. Darin liegt kein Grund zur Herabsetzung der
Licht -Therapie, sondern nur eine Mahnung, sie zur
rechten Zeit und in der rechten Abstimmung in Anwen-
dung zu bringen.
c. Die wegen einseitiger Hornhaut-Trübung
für das Fernsehen der doppolten Licht-Ab-
schattung Bedürftigen.
Und jetzt bleibt mir noch übrig, als bevorzugte
Günstlinge der einseitigen Abschattung diejenigen zu
erwähnen, welche aus Veranlassung einseitiger Horn-
haut-Trübung im Laufe der Zeit auch in ihrem gesunden
Auge die Ferne einbüssen müssen; Fälle, nach denen
in Wahrheit Niemand des Suchens bedarf. Auch hier
greifen dieselben pathologischen Vorgänge, dieselben
therapeutischen Grundsätze Platz. Eine Fülle von Segen
liegt hier alle Lebens-Stadien hindurch in der Verwen-
dung eines blauen Glasscheibchens vor dem einen, dem
getrübten Auge!
152 Die Erfolge der Licht : Therapie.
Schon um den frühsten Bildungsgang des Kindes
frei zu machen, giebt es kein anderes erdenkliches, kein
so leicht und so sicher helfendes palliatives Mittel.
Niedergebückt und zu dem Zweck, womöglich nur das
gesunde Auge allein in Anwendung zu bringen, in eine
schiefe Haltung des Kopfes gezwängt, sieht man die von
scrophulöser Ophthalmie genesenen, aber von einseitiger
Hornhaut-Trübung nicht verschont gebliebenen und nun
von der Kunst im Stich gelassenen Kleinen ihre ersten
Leseversuche machen. Das blaue Glasscheibchen ledig-
lich vor ihrem getrübten Auge allein verwendet, richtet
sie ohne Weiteres hoch auf, und giebt ihnen die natür-
liche gerade Haltung wieder. Manche solcher gequälten
Kinder fragen zwar am Tage weniger nach einer der-
artigen Unterstützung, aber greifen desto lieber danach,
wenn sie sich während der künstlichen Abendbeleuch-
tung irgend dauernd beschäftigen sollen, um mit ihren
gesunden Altersgenossen gleichen Schritt zu halten.
Doch die Kinderjahre liefern nur einzelne Vorboten
des ganzen Heeres von Gesichtsleidenden, denen zwar
Anfangs das unscheinbare Hornhautwölkchen keinen
Eintrag that, aber bei welchen mit den vorschreitenden
Jahren und wachsenden Anforderungen ihres Berufes
das gesunde Auge den Anfeindungen des getrübten
Auges unvermerkt unterliegt. Je nachdem der Beruf
einen strengen Gebrauch des Gesichts erheischt, desto
früher macht sich dieser Zeitpunkt geltend. Für mich
steht der Erfahrungs-Satz fest, dass schon in den zwan-
ziger Lebensjahren dieses einseitig vorbereitet gewesene
Verderben reift, zumal bei der arbeitenden und auf
Entbehrungen hingewiesenen Klasse, deren Augen so-
Das blaue Licht giebt die Ferne. 153
wohl der Form als der Sehkraft nach viel früher altern,
als die Natur das Gesetz dazu vorschreibt. Daher die
grosse Menge derer, welche in Folge der heimlichen
Ueberwirkungen eines aus der Kindheit übrig gebliebe-
nen kaum bemerkbaren Wölkchens des einen Auges
schon in der rüstigsten Lebenszeit im zweiten Auge
schwach werden und somit überhaupt Ferne und Aus-
dauer zur Arbeit verlieren müssen.
Ist nun gar in spätester Lebenszeit durch entschie-
dene Presbyopie die Deutlichkeit in der Nähe, durch
einseitige Hornhaut-Trübung die Deutlichkeit der Ferne
verschlossen, wie unvergleichlich reich ist auch dann
noch das optische Kleinod! Blaues Licht in wohlbe-
rechnetem Maass in die richtige Seite der Convex -Brille
gefügt, lässt wieder vereinte Kraft in die flach und
stumpf gewordenen greisen Augen strömen!
Casuistik.
Fall 19 bis 23 und 24.
Fall 19.
Blaues Licht gewährt je nach der Auswahl dunk-
lerer Nuancen ein ergiebigeres Maass der Seh-
ferne und heilt Kopiopia retinalis.
Der 11jährige Schüler Gustav Meisnitzer zeichnete
sich durch sehr grosse und nach dem jedesmaligen Beleuch-
tungsgrade sich ungemein lebhaft abändernde Pupillen aus.
Seit zwei Jahren hatte sich seine Sehweite auffallend ver-
ringert. Man vermeinte, dass sich bei ihm eine einfache
Myopie ausbilde, bis die immer wachsende Schwierigkeit,
bei künstlicher Abendbeleuchtung zu schreiben, und die
154 Die Erfolge der Lieht -Therapie.
gänzliche Unmöglichkeit, trotz grassier Annäherung zu le-
sen, die Kitern veranlasste, arztliehen Kath einzuholen.
leh theile diesen bei Kindern, welche sich in der Ent-
wicklungszeit befinden, gar nicht selten vorkommenden
Krankheitszustand mit, weil man, abgesehen von der unge-
rechtfertigten Verordnung mancher innerer Mittel, geneigt
ist, auf eine sehr unbequeme Schonung zu dringen, während
die einfachste Licht- Therapie allen NY mischen rasch zu ent-
sprechen vermag.
Per Knabe las bei aller Bemühung nicht weiter als bis
auf 9 Zoll und ohne Ausdauer,
durch vorgelegte Planglaser in Nuance lll . . IS Zoll,
durch Planglaser in Nuance IV' 24 -
durch Plangläser in Nuance V 27 -
hierbei war das volle Maass der Hülfe erfüllt, denn bei An-
wendung der Nuance VI wurde das Schriftblatt wieder auf
24 Zoll zurückgezogen.
Planbrille in Nuance IV
wurde für den Tag und
Planbrille in Nuance V
für die Beschäftigung bei künstlicher Beleuchtung verordnet.
Indem die letztem Gläser gleichzeitig dem Kranken die
Achromasie des Lichtes herstellten, konnte derselbe wieder
dauernd und ohne alle Reizung lesen, und mit der Erholung
der Netzhäute unter den zusagenden Strahlen kehrte Deut-
lichkeit, Ferne und Ausdauer auch für das weiss
und gelbliche Abend -Licht iu immer wachsendem Grade
zurück.
Fall 20.
Myopischen kann oft die qualitative Aenderung
des Lichtes zweckmässiger Ersatz f ü r die Concav-
Gläser sein.
Marie Bucher, 12 Jahre alt. litt an ererbter Kurz-
siehtigkeit mit vorwaltender Schwäche des linken Amf
Ohne optische Hülfe las sie klare Druckschrift nur bis auf
Das blaue Licht giebt die Ferne. 155
eine Entfernung von 10 Zoll, aber ohne genügende Aus-
dauer.
In Berücksichtigung ihres Accomraodations-Mangels ge-
wann die Kranke durch eine weisse Concav- Brille No. 40.
sechs Zoll, ohne jede Verkleinerung.
Ganz dasselbe Resultat wurde aber auch erreicht bei
Berücksichtigung ihrer Netzhäute durch blau abgeschattete
Plangläser. Gab ich zunächst nur dem schwächeren linken
Auge die Nuance V, so gewann schon die Kranke dieselbe
Weite von 16 Zoll, und dabei mit dem vortheilhaften Unter-
schiede gegen die Concav -Brille, dass die Augen eine ent-
schieden behaglichere Stimmung fühlten. Noch mehr sagte
die verschieden abgeschattete
Planbrille in Nuance II rechts,
Nuance V links,
zu. Hatte die Kranke mit Hülfe derselben eine längere Zeit
gelesen und die Brille wurde dann entfernt, so waren die
Augen gestärkt und sehkräftiger als zuvor, und behielten
auch ohne die Brille noch eine geraume Zeit hinterher die-
selbe Sehweite bei, während nach Entfernung einer längere
Zeit verwendeten Concav -Brille der Rückschlag sich um so
. empfindlicher bemerklich machte.
Statt dass der jugendlichen Kranken gleich ihren Ge-
schwistern ein hoher Grad von Myopie in Aussicht stand,
nahm von jetzt das Vermögen, weiter, dauernder und
schmerzlos zu sehen, unverkennbar zu. Ich kann aus
vielen ähnlichen Beobachtungen die Verwendung der blauen
Lichtstrahlen zur Zeit der Entwicklungsjahre als ein wich-
tiges und allein dastehendes Prophylacticum empfehlen, um
der Ausbildung der höheren Grade einer hereditären Myopie
entgegen zu wirken.
156 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Fall 21.
Viele Myopische werden erst durch die gleichzei-
tige Benutzung der qualitativen (farbigen) Licht-
Aenderung den lichtbrechenden Gläsern zugäng-
lich gemacht.
Dieser therapeutisch ungemein einflussreiche Satz ver-
werthete sich unter vielen anderen Beispielen bei einem
vierzigjährigen Augenkranken Carl Schneider. Ihm fehlte
seit seinem zehnten Jahre in Folge einer hereditären Myopie
in hohem Grade die Ferne, welche sich in den letzten Jah-
ren zur grossen Besorgniss — wie es so oft zu geschehen
pflegt — durch zutretendes Netzhaut -Leiden noch enger
einschränkte.
Derselbe las mit seinem rechten Auge bis höchstens
auf 6 Zoll, mit dem linken Auge gerade nur halb so weit.
Legte ich ihm während des Lesens nur vor das schwä-
chere linke Auge ein Planglas in Nuance IV vor, so be-
merkte ich deutlich, wie das Schriftblatt ganz allmählich
fortglitt. Nach 10 Minuten hatte der Kranke eine Sehferne
von 15 Zoll erreicht, und was ich fast noch höher anschla-
gen möchte, das linke Auge las, für sich allein erprobt, statt
auf 3 bis auf 9 Zoll.
Dies Experiment diente zunächst, um die kräftige Wir-
kung der blauen Licht- Abschattung an den Tag zu legen
und den Erfolg zu beweisen, den die Wiederherstellung der
binocularen Combination auf Erwerb der Sehferne schon für
sich allein ausübt. Der ganze Ertrag des optischen Gewin-
nes aber machte sich erst geltend, als ich der abschatten-
den Brille,
Plan in II rechts,
Plan in V links,
noch die richtige Concav- Schleifung verlieh.
Während die oft wiederholten früheren Versuche, die
Sehferne durch ungefärbte Gläser zu verbessern, stets hatten
aufgegeben werden müssen, indem die Augen trotz geringen
Das blaue Licht giebt die Ferne. 157
Gewinnes alsbald in unerträglichen Reizzustand verfielen, so
eröffnete dem Kranken eine Brille,
Concav No. 30. in Nuance II rechts,
Convex No. 30. in Nuance V links,
in der beruhigendsten und ergiebigsten Weise die Wahrneh-
mung bis auf Entfernungen, die ihm noch niemals früher
zugänglich gewesen waren.
Fall 22.
Verlust der Ferne und Ausdauer im weissen Lichte.
Rascher Wiedererwerb der normalen Sehkraft
durch die blaue Lichtart.
Eine vielleicht weniger bekannte Thatsache ist, dass
die Schuhmacher der Blendung viel ausgesetzt sind, und
unter ihnen wieder namentlich die geschicktesten, denen
es obliegt, die feinen Stepp -Nähte auf glanzledernen Schu-
hen und Stiefeln auszuführen. Bei Tage schon, noch mehr
aber bei ihrer künstlichen Beleuchtung durch die Glaskugel,
bringt das von der schwarzen Lederfläche stark reflectirte
Licht einen raschen Verfall der Netzhaut hervor. Zwei
Jahre pflegen höchstens dazu zu gehören, dass die betreffen-
den Arbeiter schon die entschiedensten Kennzeichen davon
tragen. Die Deutlichkeit und Ausdauer im Sehen sind dann
verschwunden, und die damit in gleichem Verhältniss ein-
geschränkte Sehferne lässt sich am genausten nach dem
Maassstabe feststellen. Und dieser Verfall des Sehvermögens
pflegt schon im Anfang der zwanziger Jahre sich geltend zu
machen.
Es schien mir eine Pflicht, für diese Leute bedacht zu
sein, und ich fand kein kräftigeres Gegenmittel, als das
blaue Licht, namentlich rechts und links verschieden tief
nüancirt, da in der Regel das eine Auge früher schwach zu
werden und auszuspannen pflegt, als das andere. Rauch-
gläser, in allen Abstufungen versucht, wollten den Kranken
nicht zusagen. Aber die blaue Lichtart gab mit jeder tiefe-
ren Nuance um viele Zolle grössere Sehferne und, zur rech-
158 Die Erfolge der Licht - Therapie.
ten Zeit verwendet, nicht selten eine radicale Heilung von
dieser Sehschwäche.
Unter den vielen Beispielen dieser Art, welche den
Stempel der grössten Uebereinstimmung zu tragen pflegen,
will ich nur folgenden mittheilen.
Der Schuhmacher Trebel, erst 21 Jahre alt, hatte
progressiv seine ursprünglich ausgezeichnete Sehkraft ein-
gebüsst. Er las nur noch höchstens bis auf sechs Zoll weit,
und die Notwendigkeit der Anstrengung und Unterbrechun-
gen steigerte sich in der letzten Zeit in merklicher Weise.
Schon die milderen Nuancen blauer Plangläser mehrten
seine Sehweite und namentlich die Zusammenstellung von
Plan in Nuance II rechts,
Plan in Nuance IV links,
sagte für die binoculare Combination so zu, dass er das
Schriftblatt bis auf 15 Zoll entfernte und nach einer
halben Stunde fortgesetzten Lesens unwillkür-
lich bis auf 20 Zoll angelangt war, während sonst
von dem Ausgangspunkte 6 Zoll seine Sehweite sich allmäh-
lich noch mehr einschränkte. Entfernte ich jetzt die Gläser,
so verblieb er auch bei unbewaffneten Augen noch eine Weile
in der gewonnenen Entfernung, das sprechende Zeichen, wie
hier eine radicale Heilung, und zwar ohne das lästige
Gebot der Schonung, binnen nicht langer Zeit erfolgen
werde. Diese Besserung konnte sich nicht deutlicher ausprä-
gen, als dass Trebel zu immer späteren Tages-Stunden erst
das Bedürfniss zu seiner Brille spürte, und nach Verlauf von
vier W r ochen sich ihrer nur noch beim künstlichen Abend-
lichte bediente.
Fall 23. und 24.
Hornhautfleck des linken Auges. Die einseitige
Abschattung in blosser Planbrille gewährt die
dreifache Sehweite, bringt die verlorene Schärfe
und Ausdauer für die Arbeit zurück.
Der Schuhmacher Beschesnick hatte seit seinem sie-
Das blaue Licht giebt die Ferne. 159
benten Jahre einen Hornhautfleck des linken Auges, der frei-
lich nur klein und kaum bemerkbar war, aber an der un-
günstigsten Stelle, d. h. nach innen und unten, sich der
Pupille gegenüber befand.
Die Nachtheile, die so oft aus einem so übel gelegenen
Fleck für das ganze Sehvermögen erwachsen, ohne dass die
Kunst dagegen aufzukommen vermag, blieben nicht aus. Ob-
gleich der Kranke noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht
hatte, war seine Sehweite für's Lesen bis auf sieben Zoll zu-
rück gesunken. Schärfe und Ausdauer im Sehen nahmen
progressiv ab. Vergeblich war jegliches radicale Kur -Ver-
fahren geblieben.
Ich führe kurz die Stufenfolge an, in der das blaue
Licht, je nach eingehenderer Verwendung, den Schaden
ausglich.
Die Abschattung des rechten wegen Trübung zum
Lesen ganz unfähigen Auges durch Planglas in Nuance III
brachte die Sehweite beider Augen für's Lesen von 7 auf
12 Zoll.
Die Abschattung des rechten Auges durch Nuance IV
bis auf 16 Zoll.
Die Abschattung endlich durch
Planglas in III rechts ) , . m , „ ...
di i • v r i bls auf 22 Zoll!
Planglas in V links )
Der palliativ bedachte Kranke arbeitete von Stunde an
mit mehr Sehkraft und Ausdauer, als ihm je zuvor zu Gebot
gestanden hatte, des Umstandes unerachtet, dass dasjenige
Auge, von dem alle Nachtheile ausgegangen waren,
bei der isolirten Erprobung unter dem blauen Glase
kaum einen geringen Vortheil verrieth. Nur die Wie-
derherstellung der Ordnung in den binocularen Verhältnissen
konnte es also sein, aus der die grössere Sehferne und die
vielseitigen sonstigen Erfolge dieses Falles hervorgingen.
In ähnlicher Weise beobachtete ich die gänzliche Ent-
wertung der Sehkraft durch einen geringfügigen Hornhaut-
160 Di e Erfolge der Licht -Therapie.
fleck des linken Auges bei einem Schuhmacher Betke. Auch
hier trat unter den einzelnen Benachtheiligungen der Verlust
der Sehferne, aber auch ebenso entschieden der Gewinn in
dieser Beziehung durch einseitige Abschattung als messbarste
Thatsache in den Vordergrund.
Der Kranke, noch nicht 22 Jahre alt, vermochte beim
Lesen das Buch höchstens bis auf acht Zoll zu entfernen,
und alle übrigen Einschränkungen des Sehsinnes standen da-
mit in gleichem Verhältniss.
Eine blosse Planbrille,
in Nuance II rechts,
in Nuance V links,
gewährte sofort für das Lesen eine bequeme Sehweite von
2 Fuss und verringerte in eben so viel die übrigen Belastun-
gen der Sehkraft, zumal wo eine dauernde Anstrengung der
Augen erforderlich war.
Ich habe nicht nöthig, auf das so ungemein weite Ge-
biet aufmerksam zu machen, wo unheilbare Hornhaut-Trübun-
gen uns zeither nöthigten, die Kranken ihrem Schicksal voll-
kommen zu überlassen. Eine freiere Therapie wird sich hier
unfehlbar entfalten, und mit grösster Leichtigkeit wird nach
den von mir gewonnenen Grundsätzen die blosse Lichtwand-
lung die niedergehaltene Arbeitskraft Unzähliger verviel-
fältigen!
-Öa£>-
IX. 4.
Das Haue Licht giebt die Nähe.
Ast dem Auge die Wahrnehmung ferner Gegenstände
geblieben, aber die Unterscheidung naher und kleiner
Gegenstände aus zu geringer Lichtbrechung unmöglich:
so begreifen wir diesen Fehler unter dem Namen Weit-
sichtigkeit, Makropia oder Presbyopia, und un-
sere Hülfe besteht in der Anwendung von Convexlinsen,
welche die Bestimmung haben , dem zu gering licht-
brechenden Auge die aus der Nähe kommenden und
besonders stark divergirenden Strahlen genügend con-
vergent in die Pupille zu senden, so dass dieselben bei
ihrer ferneren Brechung nicht zu spät, d. h. erst hin-
ter der Netzhaut, sondern, wie im gesunden Auge, auf
der Netzhaut selbst sich begegnen und ein scharfes Bild
entwerfen.
Drei Jahrhunderte hindurch bediente man sich der
Convexgläser rein empirisch, bis erst Kepler nachwies,
worin das Wesen der Weitsichtigkeit besteht, und
worin die eigentlich wirksame Eigenschaft der Convex-
gläser zu suchen ist. Und wiederum sind seit Kepler
Böhm, Licht - Therapie. 1 1
162 Die Erfolge der Licht - Therapie.
bald drei Jahrhunderte verflossen, ohne dass sich die
Therapie auf diesem Gebiete eines nennenswerthen Fort-
schrittes erfreut hätte, und man in der Behandlung die-
ses Accommodationsfehlers durch feinere Krankenbeob-
achtung und sachgemässere Individualisirung diesen Lei-
denden näher getreten wäre.
Auch noch heute, wie gross auch die Zahl der dar-
über verfassten Werke angewachsen, ist thatsächlich
von keiner anderen Hülfe als von der blossen Licht-
brechung die Rede, während es auf der Hand liegt,
dass die lichtbrechenden aber dabei auch ebenso eine
concentrirtere Lichtmenge auf die Netzhaut
sammelnden Convexlinsen für die eine Hälfte der
Weitsichtigen nicht nur unzureichend sind, sondern gerade-
zu eine solche schädliche Wirkung ausüben, welche der
Krankheit den besten Vorschub leistet. Unverkennbar
hat man sich bei der Behandlung nur um die ausge-
bildete Krankheit und um das fertig gewordene Missver-
hältniss in der Lichtbrechung des weitsichtigen Auges
bekümmert, statt, wie überall in der Therapie, die Ent-
wicklung des Leidens zu berücksichtigen und je nach den
Ursachen für die einzelnen Fälle eine ratio-
nelle Grundlage bei der Wahl der Mittel zu
gewinnen.
Namen sind zwar gleichgültig; aber in ihnen,
wenn sie aus Zeiten herrühren, wo man in der Wissen-
schaft weniger sonderte, giebt sich oft am besten die
einseitige Auffassung einer Krankheit zu erkennen, unter
deren Druck dann auch die Therapie lange verharren
musste. Durch die beliebte und mit Unrecht verallge-
meinerte Benennung Presbyopia (die Fern- oder Weit-
Das blaue Licht giebt die Nähe. 163
sichtigkeit alter Leute) spricht sich auch ziemlich un-
umwunden die Ueberzeugung aus, dass es für diese Art
der Accommodationsfehler weder ein vorbeugendes noch
rückgängig machendes Mittel gebe, und dass auch den-
jenigen, welche in verfrühter Weise in ihren Sehorganen
altern, nichts übrig bleibt, als mit den wirklich alt Ge-
wordenen sich desselben Mittels zu bedienen. Säftelos
und flach in seinen Medien geworden, matt und ent-
spannt in seinem der Nähe dienenden Muskelapparat,
habe das einmal weitsichtige Auge — so glaubte man —
nur noch den einzigen Ersatz in den Convexlinsen zu
suchen.
Aber leider bezieht aus dem Alter die Makro-
pie nur die eine Hälfte ihrer Bekenner. Stillschwei-
gend übersah die Therapie die andere Hälfte, bei welcher
das Auge, nur weil es von Arbeit überlastet und von
zu scharfem Lichte über das Maass gesättigt ward, dem
übrigen Körper an Jahren vorauseilt. Den Laien be-
schleicht mit Recht ein unheimliches Gefühl, wenn er
sich mit der Verwendung schwerer Convexlinsen schon
allzufrüh unter die Marke des Alters fügen soll. Um
eine Makrobiotik des Auges handelt es sich, auf dass
dasselbe nicht vor der Zeit in Makropie verfalle, und
diese Kunst, seine rüstige Einstellung für die Nähe zu
verlängern, wird sich schwerlich anders verwirklichen,
als wenn wir danach trachten, denjenigen Centraltheil
des Auges angemessen vor Ueberreizungen und also
auch vor Erschlaffung zu bewahren, der nicht nur zur
Auffassung der sichtbaren Gegenstände geschaffen ist,
sondern auch die wichtige Bestimmung hat, durch Re-
flexwirkung die Einstellungsmuskeln für die Nähe zu be-
ll*
164 Die Erfolge der Licht -Therapie.
herrschen und dauernd in Spannung zu erhalten. Netz-
haut und Accominodations -Apparat theilen in viel hö-
herem Grade, als man in der Therapie zu bedenken
pflegt, ein an einander gebundenes, einheitliches Leben,
und wo die Netzhaut Ungebührlichkeiten ertragen muss
und erlahmt, da folgt die Erschlaffung des Muskel-
Apparates auf den Fuss nach.
Wer eine solche Ansicht nicht für eine blos erklü-
gelte hält, der muss fast unwillkürlich auf den Gedan-
ken geleitet werden, dass aus dem vermittelnden Lichte
wieder die schonenden blauen Strahlen eine neue Seite
therapeutischer Wirksamkeit gewinnen. Sie bil-
den in der That das ebenso natürliche wie leicht erreich-
bare Mittel für die ganze Klasse von Kranken, welche,
noch in voller Lebenskraft stehend, die Nähe verlieren
und die weiteste Berechtigung haben, vor Presbyopie
geschützt zu werden. Durch die Art, nicht durch die
Beugung der Lichtstrahlen wird ihrem Accommodations-
fehler vorgebeugt; wo der Fehler des Alters schon zu
früh in ihnen die ersten Stadien durchlief, wird ihm
noch gründlich abgeholfen, und wo derselbe, länger ein-
gewurzelt, schon der schwächeren Linsen nicht mehr
entbehren kann, wird seinem sonst rasch erfolgenden
Wachsthume durch eine gleichzeitige Verwendung des
blauen Lichtes wenigstens Einhalt gethan. Und wenn
der genannten Lichtart in dem eben vorausgeschickten Ab-
schnitt, bei dem entgegengesetzten Accommodations-
fehler, eine Bedeutung und eine heilsame Kraft beige-
messen wurde, so galt es um so mehr, durch den
schlussgerechten Gang der jetzigen Darstellung, den
blauen Strahl aus seinen Eigenschaften heraus in einer
Das blaue Licht giebt die Nähe. 165
anderen krankhaften Verkettung als ein unersetzliches
nähebeförderndes Mittel kenntlich zu machen.
Zwar geht schon aus der optischen Thatsache, dass
das blaue Licht eine grössere Brechbarkeit besitzt, klar
genug hervor, dass dasselbe bei gesunkener Brechungs-
kraft des Auges ein gleich nützliches Palliativ sein könne,
wie die farblosen convex geschliifenen Medien. Aber
unvergleichlich wichtiger, als diese physikalische Eigen-
schaft, sind die Beziehungen, welche der blaue Strahl
unmittelbar zur Vitalität der Netzhaut, und von
dort aus mittelbar auf das Einstellungsvermö-
gen für die Nähe hat.
Die Therapie muss hier eine ebenso verschiedene
sein, als das Wesen dieses Sehmangels schon in der
Wurzel auseinandergeht. Während die Presbyopie alter
Leute ein primärer in Form und Muskelkraft des Auges
begründeter, naturgemässer Zustand ist, für den es nur
ein Palliativ in den weissen Convexgläsern giebt,
ist die nicht minder häufige vorzeitige Makropie
ein von der Netzhaut ausgehender, nur secundär der
Accommodation aufgedrungener Fehler, der vermieden,
vor Steigerungen bewahrt, ja noch gebessert werden
kann, sobald wir nur, das Verhältniss von Ursache und
Folge beachtend, das blaue Licht als das Hauptmittel
verwenden und die Convexschleifung nur in soweit hin-
zufügen, als es der bereits in dem motorischen Apparat
verbreitete secundäre Krankheits - Antheil erfordert.
Doch die Benutzung des blauen Lichtes zur plan-
mässigen Abwehr der Makropie, und zur Beschränkung
der Presbyopie auf ihre berechtigte Lebenszeit würde
lange nicht so erspriesslich sein, käme bei diesem Mittel
166 Die Erfolge der Licht - Therapie.
nicht auch hier wieder ein besonders günstiger Umstand
in Betracht, der die Erfolge des combinirten Verfahrens
erst auf den Höhepunkt bringt. Wir sind im Stande,
dem Kranken, welchem die Deutlichkeit der Nähe sonst
unabwendbar schwinden würde, die Hülfe des blauen
Lichtes nicht nur vor beiden Augen in derselben Stärke,
sondern noch viel zweckmässiger vor jedem Auge in
anders gewählter Abstufung zu gewähren, sobald das
eine Auge das vornehmlich schuldige ist, und die Um-
stände mit in Erwägung kommen, welche als Verkettung
in der binocularen Combination so schädlich auf die Ein-
stellungskraft auch des anderen Auges weiterwirken.
Der Schwerpunkt einer solchen individualisirenden
Gläser-Therapie liegt in der grossen Nachhaltigkeit
derselben. Während der nach bisheriger Weise nur
symptomatisch und ohne Rücksicht auf seine Netzhäute
nur mit immer stärker gewählten Convexgläsern Behan-
delte seinem Grundfeinde gegenüber, d. h. in dem weissen
Licht verbleibend, die Nähe immer von neuem verliert,
behält der mit blossem blauen Lichte oder mit viel
schwächeren blauen Convexgläsern Versehene einen
dauernden Halt. Wer wird also ein auch bei Makropie
so handliches und fügsames zweites Mittel nicht will-
kommen heissen? In Wahrheit ein Theil der Therapie,
den man in seiner Alltäglichkeit und scheinbarer Ein-
förmigkeit für abgeschlossen und für fernere Bestre-
bungen kaum noch beachtenswerth hielt, gewinnt durch
seine jetzige Individuali sirbarkeit, und durch die grosse
Zahl der hier sich hinein drängenden Fälle wieder einen
schöpferischen Charakter und neue Anziehungskraft für
den eingehenden Augenarzt.
Das blaue Licht giebt die Nähe. 167
Doch wenden wir uns von diesen Betrachtungen
ab, welche auch für mich nichts weniger als leitend
waren, sondern sich nur den therapeutischen Beobach-
tungen unabweislich anschlössen, und lassen wir die
Erfolge selbst sprechen, welche das blaue Licht allein,
oder mit der Schleifung des durchsichtigen Mediums
verbunden, für die Einstellung des Auges auf nahe
Sehobjekte leistet, und es ergiebt sich alsdann eine drei-
fache Stufenfolge in der Entwicklung der Makropie.
Erste Entwicklungs-Stufe (Macropia incipiens
seu retinalis).
Zunächst enthüllt uns das blaue Licht eine Klasse
von Kranken, bei welchen die Weitsichtigkeit noch ihren
ursprünglichsten Charakter trägt, nur in der Netzhaut
allein wohnt, und den Accommodations-Apparat noch gar
nicht in ihr Gebiet mit hinein gezogen hat. Während
die hierher Gehörigen bei angestellten Versuchen in der
Ferne so gut erkennen, dass sie sich mit jedem Gesun-
den messen können, fehlt ihnen die Unterscheidung in
der Nähe. Sie erhalten aber die Nähe zurück
durch blosse blaue Plangläser und dieser Erfolg
ist ebenso überraschend, als er uns auf die Pathogenie
dieses Sehmangels unabweisbar hinführt. Solche Kranke
lesen z. B. noch geläufig, sobald man sie nur darin ge-
währen lässt, dass sie ein zur Hand genommenes nicht
allzufein bedrucktes Schriftblatt bis auf zwei Fuss und dar-
über hinaus von sich entfernt halten. Sie gewinnen da-
gegen beim Lesen sofort den beliebigen normalen Nähe-
punkt, und rücken das Schriftblatt genau in demselben
Verhältnisse dichter zu sich heran, als man ihren Augen
168 Die Erfolge der Licht -Therapie.
in steigender Scala von I bis VI die blauen Plangläser
von immer dunkler werdender Färbung vorlegt. In
das richtige Lichtmedium gebracht, unterscheidet jeder
Einzelne dieser Kranken dann auch wieder die feinsten
Schriftarten, welche dem Weitsichtigen bekanntlich ent-
schwinden, während sie dem Gesunden zugänglich sind,
weil dieser sich die gehörige Annäherung erlauben kann.
Diese Fernsichtigen der ersten Entwicklungs-Stufe
sind offenbar nur deshalb auf die Weite angewiesen,
weil ihrer gereizten Netzhaut die nahen respective klei-
nen Objecte zu stark leuchten, oder, wie sie sich darüber
auszudrücken pflegen, „blenden, ihnen ein unangenehmes
zuletzt unerträgliches Flimmern" verursacheu. Ihrer
durch Uebermaass von Licht gesättigten Netzhaut er-
scheint ein noch so schöner schwarzer Druck in der
Nähe grau und blass, ohne scharfe Contouren, also über-
haupt undeutlich. Die weissen Convexlinsen jedweder
Nummer , durch welche man ihrer Weitsichtigkeit abzu-
helfen versucht, weisen sie entschieden zurück, weil je-
des das Licht brechende Glas auch mehr Licht auf
ihre Netzhaut sammelt, mithin diejenige Schädlichkeit,
in Folge deren sie gerade die Nähe hatten aufgeben
müssen, nur noch erhöht. Die blauen Plangläser da-
gegen halten die rothen und gelben Strahlen von ihrer
empfindlichen Netzhaut in entsprechendem Maasse ab,
während sie den veranlassten quantitativen Verlust an
Licht nebenher durch ihre eigene qualitativ grössere
Wahrnehmbarkeit ergänzen. Ungestraft können sich die
Kranken wieder der Lichtquelle nähern und in dem-
selben Grade wieder die kleinen und kleinsten Objecte
erkennen.
Das blaue Licht giebt die Nähe. 169
Diese therapeutische Betrachtung, so schlicht und
einleuchtend sie ist, hat eine ungemein grosse Gültig-
keit für das Leben, wo überall und auf die verschie-
denste Art, durch das unablässig werbende weisse Licht,
schon aus den allzufrühen Lebensjahren der Weitsich-
tigkeit, lediglich von der Netzhaut aus (und deshalb der
Name Macropia retinalis), ein starker Ersatz gewonnen,
und das Alter in die Jugend hineingeschoben wird. Die
Beschäftigung in zu grosser Helligkeit und die dauernde
Beschäftigung mit kleinen Gegenständen in der Nähe
stehen rücksichtlich ihres schädlichen Einflusses voll-
kommen in gleicher Linie. Der täglich vor der Esse der
Dampfmaschine postirte Heizer, wie der beständig mit
dem Fassen der feinsten Stickrosen beschäftigte Juwelier
treten zuletzt als gleich vernichtete und auf gleiche
Therapie angewiesene Gesichtsleidende vor ihren Arzt.
Beide befinden sich nur als die lautesten Vertreter an
der Spitze einer vielfach abgestuften Reihefolge von
ähnlichen Leidenden, deren Aetiologie sich uns nur nicht
so schroff und unumwunden aufdrängt.
Zweite Entwicklungs-Stufe (Macropia defati-
gata seu Kopiopia).
Der einfachen Macropia retinalis schliesst sich die
Klasse derjenigen Weitsichtigen an, welche die Ueber-
gangs-Stufe zur vollendeten Makropie bilden. Bei diesen
Kranken ist bereits von der lichtscheuen Netzhaut aus
eine Rückwirkung auf den Accommodations-Apparat er-
folgt. Die zur Gewohnheit gewordene Vermeidung der
zu stark leuchtenden Nähe hat secundär einen Nachlass
in der Contraction der betreffenden Muskeln verursacht,
170 Die Erfolge der Licht - Therapie.
einen Nachlass, der sich nicht zu jeder Zeit, wohl aber
bei der dauernden Beschäftigung mit nahen Objecten
geltend macht. Mit anderen Worten, die Einstellungs-
muskeln für die Nähe fallen zu rasch der Ermüdung
(Kopiopia) anheim.
Man sieht dergleichen Kranke, wenn sie sich eine
Zeitlang ausgeruht haben, wohl ihre Arbeit in ange-
messener Nähe beginnen, aber auch ebenso sich sehr
bald und allmählich immer mehr daraus entfernen. Wer
von ihnen z. B. bei acht Zoll Entfernung Anfangs be-
quem las, den findet man schon nach einer Viertel-
Stunde das Schriftblatt in einer Entfernung von sechs-
zehn Zoll und weiter halten, und zwar nicht mehr, wie
bei der vorhergegangenen Klasse, aus blossem Schonungs-
Bedürfnisse für die Netzhaut, sondern schon gezwungen
durch wirkliche Erschlaffung des Accommodations-Appa-
rates, d. h. durch überhand nehmende Weitsich-
tigkeit. Und wenn man in der neueren Zeit darin
ziemlich übereingekommen ist, die Augenermüdung als
einen selbstständigen Krankheitszustand mit dem beson-
deren Namen Kopiopia zu belegen, so muss ich als
häufigste Species dieser Augen - Affection und zum Ge-
gensatze von einer Art von Ermüdung, die sich bei den
Myopischen (Siehe darüber Cap. 1X6.) vorfindet, eine
Macropia defatigata in das System einreihen.
Diese von der Netzhaut aus verschuldete Kopiopia
hat man Gelegenheit schon häufig bei den jüngsten In-
dividuen wahrzunehmen, wo man um so weniger einen
schon selbstständig geschwächten Accommodations-Appa-
rat erwarten darf. Nur muss ich hierbei die Bemerkung
einflechten, dass, wenn man über ein solches charak-
Das blaue Licht giebt die Nähe. 171
teristisches Zurückweichen vom Arbeits-Object sich nicht
aus der eigenen Beobachtung und Anschauung des Kran-
ken überzeugt, man davon überhaupt nichts zu wissen
bekommt. Denn das Entfernen des Objects ist eben ein
vollkommen unwillkürlicher Act des Kranken. Unter
Hunderten giebt es kaum Einen, der sich dessen bewusst
wird, und sich dazu anliesse, seinem Arzte darüber eine
andere Mittheilung zu machen, als „dass er schliesslich
bei der Arbeit ermüde, und wider Willen zur Unter-
brechung gezwungen werde."
Aber wichtiger als die Aetiologie und Pathogenie
dieser Kopiopia, deren Natur ich hier klar zu machen
und als eine mittlere Entwicklungs-Stufe der Weitsichtig-
keit darzustellen versuchte, ist die uns jetzt zu Gebote
stehende rationelle Therapie. Wie das Leiden ein dop-
pelt begründetes ist, so ist ihm auch nur durch eine
zusammengesetzte Hülfe beizukommen. Erklärlich
ist es, dass der Kranke, welcher das Schriftblatt all-
mählich bis auf sechszehn Zoll hinausschieben musste,
und endlich mehr den Weitsichtigen als den Gesunden
zuzuzählen ist, in weissen Convexgläsern nur eine tem-
poräre Auskunft haben, und andererseits in blossen blauen
Plangläsern nur einen wohlthuenden Einfluss verspüren
kann. Dagegen wahre Hülfe und volle Befriedigung
können ihm erst die combinirten blauen Convex-
gläser gewähren, unter deren schonendem Schutze und
lichtbrechenden Kraft er die Nähe nicht wieder aufgiebt,
d. h. der Ermüdung gänzlich überhoben wird.
Das Verhältniss, in dem die beiden Hülfsmittel mit
einander combinirt werden müssen, ist indessen ein in-
dividuell sehr verschiedenes. Von zwei in ihrer äusseren
172 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Erscheinung und im Grade der Ermüdung vollkommen
gleichen Kranken hat der Eine noch hauptsächlich an
dem primären Reizzustande seiner Netzhaut zu leiden,
der ihm nicht erlaubt, sich der Lichtquelle angemessen
zu nähern, der Andere hat in höherem Maasse durch
den rasch erschlaffenden Muskelapparat des Auges die
Nähe eingebüsst. Während wir jenem durch die sehr
schwach geschliffenen aber tief blauen Convexgläser
No. 80. in Nuance VI vollständig zur Nähe verhelfen,
bedürfen wir dazu für den Letzteren schon der Wahl
der stark geschliffenen aber schwach gebläuten Convex-
gläser No. 20. in Nuance III. So nur werden Beide sich
wieder dauernd ihrem Berufe widmen, und bei ihrer
Thätigkeit selbst oft radicale Heilung erfahren können.
Und wenn der in der Hyalophthalmiatrik weniger
geübte Arzt von Anbeginn nicht bestimmen kann, in
welchem Verhältnisse wohl bei einem Kranken die Ma-
cropia retinalis zur Macropia muscularis stehen mag, so
ist ein sorgfältiges Versuchen das sicherste Mittel, um
die passendste Combination aufzufinden.
Der individualisirenden Behandlung ist aber auch
dann noch nicht einmal ihr volles Recht geschehen, wenn
wir das Verhältniss der Lichtart zur Lichtbrechung im
Ganzen festgestellt haben. In der Wahl der blauen
Lichtart selbst ist wiederum als noch speciellere Auf-
gabe die Erforschung eingeschlossen: wie tief die Nuance
für das rechte und wie tief sie für das linke Auge sein
muss, damit der an Kopiopie Leidende wieder am voll-
ständigsten die Nähe gewinnen und dauernd festhalten
könne.
In dieser Beziehung muss ich hier auf die thera-
Das blaue Licht giebt die Nähe. 173
peutisch wichtige Thatsache aufmerksam machen, dass
die vorzeitige Weitsichtigkeit sogar meisten-
theils nur in dem einen auf irgend eine ge-
ringfügige Weise schadhaften Auge ihren Ent-
stehungsgrund hat, während das andere in sich
gesunde Auge den Accommodationsfehler nur mitmachen
muss. Daher pÜegt auch die zweckmässigste Einrich-
tung darin zu bestehen, dass wir von den zwei Augen
des Kopiopischen das eine mit einem dunkleren, das
andere mit einem verhältnissmässig helleren Convex-
glase unterstützen. In messbarer Weise gewinnt dann
der Kranke besser die Nähe und bekommt das Gefühl,
dass er ihrer um so dauernder Herr bleiben werde, weil
ihm die Hülfe ebenso genau entgegenkommt, als seine
Krankheit an verschiedenen Stellen ihre Keimpunkte ge-
habt hatte.
Eine Combination
-f 60 in III für das rechte,
-f- 60 in V für das linke (z. B. durch eine kaum
entdeckbare nubecula schwächere) Auge,
erwirbt also für einen beispielweise gewählten Fall in
wirksamerer Weise die Nähe, als wenn wir die selbst
stärker geschliffenen Gläser
N beiderseits
1 (in Nuance IV
gewähren. Und auch bei dem Gegenversuche, die obige
Brille mit -\- 60 so vorzulegen, dass die Nuancen in
umgekehrter Weise die Augen schützen, erweist es sich
sofort, dass der Gewinn der Nähe bedeutend und oft
bis über die Hälfte herabsinkt.
174 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Dritte Entwickelungs-Stufe (Macropia
perfecta).
Erst nachdem die beiden früheren Stadien, denen
keine Abhülfe geboten wurde, durchlaufen sind, gelan-
gen unsere jugendlichen Kranken zu der Energielosig-
keit ihrer Acconimodationsniuskeln , wobei, wie bei der
eigentlichen Presbyopie, Ein- für Allemal, und auch selbst
nach vorausgegangener Ruhe, die Einstellung des Auges
für die Nähe unmöglich geworden. Unter den Convex-
gläsern kann ich die Nummer 20 ungefähr als diejenige
bezeichnen, zu der man alsdann schon seine Zuflucht
nehmen muss, um gewöhnliche Druckschrift genügend
erkennbar zu machen.
Wie ganz anders ist aber auch hier der Erfolg,
wenn wir diesen am weitesten vorgerückten Kranken
das Licht nicht nur richtig brechen, sondern auch für
ihre Netzhaut schonend genug zurichten! Stunden und
Tage lang sind sie fähig, unter denselben aus blauer
Glasmasse geschliffenen Linsen unablässig zu lesen, oder
sonst in der Nähe ihr Geschäft eifrig zu betreiben,
während sie die aus weisser Glasmasse geschliffenen
Gläser schon nach wenigen Minuten als feindselig ver-
blendende Werkzeuge zurückweisen.
Das blaue Licht giebt die Nähe. 175
Casuistik.
Fall 25 bis 30.
Fall 25.
Ein blaues Planglas nur vor dem rechten Auge
bringt einem Kranken mit einseitig begründeter
Presbyopia incipiens die gewichene Unterschei-
dung naher Gegenstände zurück.
Der Kunst -Tischler Frank, wiewohl erst im Anfang
der zwanziger Jahre, machte die Bemerkung, dass ihm das
Erkennen in der Nähe in besorglicher Weise schwand, und
da sich bei jeder andauernden Anstrengung ein Schmerz im
oberen Augenlide rechter Seits seiner Sehstörung zugesellte,
so hatte dies bei ihm den Verdacht auf Rheumatismus er-
weckt. Der Kranke stellte sich mir im Mai 1857 vor, und
fand ich bei genauerer Untersuchung folgende eigenthümliche
Sachlage, von welcher er selbst bis dahin keine Wahrneh-
mung gehabt hatte:
Das rechte Auge war für sich allein presbyopisch ; denn
während das linke Auge für's Lesen seinen Nähepunkt bei
6 Zoll hatte, begann das rechte erst bei anderthalb Fuss,
dieselbe Schrift zu unterscheiden. Für den Fernpunkt waren
beide Augen gleich und erreichten ohne Schwierigkeit 3 Fuss.
So erklärte sich auch, dass der Kranke während seiner jüngst
verflossenen militairischen Dienstzeit niemals ein Hinderniss
verspürt, im Gegentheil als Gardeschütze sich vor vielen
seiner Kameraden bei den Schiess - Uebungen ausgezeichnet
hatte.
Des wissenschaftlichen Vergleiches wegen beschloss ich,
gegen dieses Augenübel die Hülfe älterer Art durch Convex-
gläser (Lichtbrechung) und die neue Hülfe durch ein einzel-
nes blaues Planglas (qualitative Lichtänderung) genau neben-
einander zu versuchen.
Es ergab sich, dass ich für das rechte Auge in der
176 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Reihefolge der weissen Convexgläser bis auf No. 30., in der
Reihefolge der blau nüancirten Plangläser bis auf No. VI.
steigen musste, um den Erfolg zu haben, dass das rechte
Auge für sich allein, gleich dem linken, in der Nähe von
6 Zoll zu lesen vermochte.
In der Hauptsache der Behandlung, der Wiederer-
möglichung des Zusammenwirkens beider Augen,
stellte es sich aber alsbald heraus, dass das weisse Convex-
glas No. 30. unbrauchbar war, während das blau nüancirte
Planglas beiden Augen die Thätigkeit leicht und dauernd zu-
sammenlegte. Denn bei der ersten Bewaffnung:
+ 30 in Weiss rechts,
Plan in Weiss links,
las der Kranke zwar eine Weile nahe genug, aber nur unter
häufigem Augenlidschlage, unter dem Gefühl jenes vermeintlich
rheumatischen Schmerzes, der Anstrengung in beiden Augen
und mit dem deutlichen Verlangen, das Schriftblatt allmählich
weiter zu entfernen.
Eine für mich wichtige Thatsache war endlich noch die,
dass in demselben Moment das Lesen in der Nähe plötzlich
wie abgebrochen, und wieder auf grössere Ferne verwiesen
war, sobald ich das Convexglas entfernte.
Bei der Bewaffnung
Plan in Nuance VI rechts,
Plan in Weiss links,
hingegen las der Kranke nahe, behaglich, deutlich,
dauernd, schmerzlos, auch unbekümmert, ob ich ihm
abwechselnd das rechte oder linke Auge schloss, und end-
lich, wenn ich die in der Beleuchtung combinirte Brille plötz-
lich entfernte, so dauerte noch hinterher ganz wie unter dem
Schutze derselben die Fähigkeit, nahe zu lesen, eine ganze
Weile unverändert fort, bis allmählich die Einwirkung des
weissen Lichtes die frei gewordene Thätigkeit des rechten
Auges für die Nähe wieder lähmte.
Der Kranke gab mir nachträglich noch einige Male Ge-
legenheit, seinen Zustand zu prüfen. Ich überzeugte mich,
Das blaue Licht giebt die Nähe. 177
dass jedesmal die letzterwähnte Nachwirkung der Brille an
Dauer gewonnen hatte.
Fall 26.
Eine einseitige Hornhaut - Trübung giebt Veran-
lassung zu frühzeitiger Weitsichtigkeit und die
einseitige blaue Lichtabschattung ist das Gegen-
mittel.
Die Erfahrung hat zur Genüge mich überzeugt, dass
Personen mit einseitiger Hornhaut-Trübung verhältnissmässig
viel früher und tiefer in Presbyopie versinken, als es dem
natürlichen Laufe nach Statt finden sollte. Unverkennbar
liegt die Schuld hiervon in der binocularen Combination und
der davon wieder ausgehenden lähmenden Rückwirkung auf
die Accommodation des getrübten sowohl als auch des gesun-
den Auges. Die einseitige Abschattung kann vor solcher
verfrühten Weitsichtigkeit nicht nur schützen, sondern bringt
auch selbst da, wo dieselbe schon erfolgt ist, noch nachträg-
lich die bündigste Hülfe.
Frau B . . . war, wiewohl sie das vierzigste Jahr noch
nicht erreicht hatte, bereits so weitsichtig geworden, dass sie
beim Lesen das Schriftblatt nicht unter 18 Zoll nähern konnte,
und trotz der Steigerung bis auf Convexgläser No. 25. keine
genügende Ausdauer besass. Eine Hornhaut-Trübung des
rechten Auges, welche sich bei ihr aus der Kindheit her
erhalten hatte, veranlasste mich, einseitig das blaue Licht
zu verwenden. Jedes tiefer nüancirte Planglas, welches ich
dem rechten beiläufig zum Lesen unfähigen Auge vorlegte,
erlaubte ihr, das Schriftblatt um einige Zoll näher zu rücken.
Durch Nuance VI war das binoculare Sehen bis so weit ge-
ordnet, dass die Kranke bequem auf 9 Zoll las.
Eine Brille
Plan in Nuance II links,
Plan in Nuance VI rechts,
entsprach allen Wünschen, um in der Nähe deutlich und
dauernd zu unterscheiden.
Böhm, Licht - Therapie. 12
178 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Nur für die Beschäftigung mit sehr kleinen Objecten bei
künstlicher Beleuchtung hielt ich es zweckentsprechender,
die qualitative Lichtänderung mit schwacher Lichtbrechung
in einer Brille
Convex 70 in Nuance II links,
Convex 70 in Nuance V rechts,
zu vereinigen. Rechts und links gleich nüancirte Convex-
gläser, auch von viel stärkerem Wölbungsgrade, welche ich
des Gegen Versuches wegen anwendete, wurden sämmtlich als
wirkungsloser von der Kranken zurückgewiesen.
Fall 27.
Ein blaues Planglas in Nuance III, dem rechten
Auge vorgelegt, eröffnet bei einer Presbyopia
defatigata beiden Augen die Unterscheidung in
der Nähe und gewährt damit Schmerzlosigkeit
und Ausdauer beim Sehen.
Otto Boeck, 27 Jahre alt, wurde seit 6 Monaten durch
sein scheinbar mehr und mehr schwindendes Sehvermögen
in seiner Beschäftigung als Klempner so behindert, dass er
nur mit gröberen Arbeiten sich befassen konnte. »Bald nach
„Beginne seiner Thätigkeit stelle sich rechter Seits ein Ge-
fühl von Druck im oberen Augenlide ein, welchem dann
„Undeutlichkeit und schliesslich gänzliche Unfähigkeit der
„Unterscheidung nachfolge."
Bei genauerer Einzelprobe der Augen ergab sich, eine
wesentliche Verschiedenheit in der Sehweite. Das linke
las von 6 — 12 Zoll ohne alle sonstige Nebenerscheinungen.
Das rechte Auge las von 12—24 Zoll, und jener Druck im
oberen Augenlide erschien in seiner vollen Stärke, sobald
ich den Kranken anhielt, in der möglichsten Nähe von 12 Zoll
andauernd zu lesen. Mit dem Vorlegen eines Planglases in
Nuance III hingegen verschwand nicht allein das Gefühl des
Druckes spurlos, sondern das Auge erhielt die Fähigkeit,
dauernd und ohne Mühe bis in die Nähe von 6 Zoll zu le-
sen. Unter dem lichtmildernden Glase war das-
Das blaue Licht giebt die Nähe. 179
selbe in jeder Beziehung dem linken Auge gleich
fungirend!
Wie sich erwarten Hess, wurde nun durch die einsei-
tige Farbenunterstützung auch die gemeinsame Thätigkeit
der Augen wieder frei. Mit einer Brille, bestehend aus
einem
Planglase in azurblauer Nuance III rechts.
Planglase in Weiss links,
war der Kranke aller Beschwerden überhoben, und von
Stunde an in seiner vollen Arbeitskraft.
Fall 28.
Blaue Abschattung der Con vex-Brille No. 40. in
stärkerem Maasse vor dem rechten (schwächeren)
Auge erwirbt bei einer Kranken mit Presbyopia
defatigata die Nähe und damit die Dauer.
Frau Ziech, 38 Jahre alt, hatte die Einstellungskraft
für die Nähe und damit den dauernden Gebrauch der Augen
eingebüsst. Selbst nach vorausgegangener Ruhe war die
Kranke nicht im Stande, das Schriftblatt näher als 14 Zoll
zu halten, und beobachtete ich dieselbe anhaltend, während
sie las, so deutete mir ein plötzlich erfolgender Augenlid-
schlag auf eine objective Weise genau den Zeitpunkt an,
von welchem ab das Erkennen der Schrift nur noch müh-
selig von Statten ging. Ein allmähliches Entfernen des
Schriftblattes gab dann eine augenblickliche Aushülfe, bis
die Kranke schliesslich zu einer Sehweite von 22 Zoll zu-
rückgewichen war. Hier aber erfolgte dann gänzliche Er-
müdung. Seit Jahren schon hatten immer stärkere Steige-
rungen in den Convexgläsern aushelfen müssen. Die letzten
derselben, No. 20., vergrösserten schon merklich die nahen
Objecte, ohne deswegen Ausdauer gewähren zu können.
Auf ein anderes Mittel als auf blosse Lichtbrechung
musste also hier Bedacht genommen werden. Bei der des-
halb angestellten Einzelprobe der Augen ergab sich sehr
bald der Grund, weshalb die bisherigen Versuche mit weissen
12*
180 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Gläsern rnisslingen mussten. Das rechte Auge war schwä-
cher, trug die Schuld an einer heimlichen Disharmonie der
Sehorgane und gab die Veranlassung zu jenem Blinzeln der
Lider. Seinem Baue nach so weitsichtig wie das andere,
sah dasselbe dennoch weniger weit, und auch in der Nähe
selbst weniger deutlich seiner trägeren Netzhaut wegen.
Dies forderte für sich allein ein gemässigteres und wahrnehm-
bareres (rascher schwingendes) Licht, um mit der Netzhaut
des linken Auges wieder in gleich lebhafte Thätigkeit ver-
setzt zu werden.
Deshalb entsprach auch eine Convex-Brille No. 40. mit
gleicher Lichtänderung vor beiden Augen (in Nuance IV)
nicht den vorliegenden Krankheits-Verhältnissen. Denn wenn
ich bei der versuchsweisen Anwendung einer solchen Brille
die Augen abwechselnd schloss, so bedurfte das rechte
(schwächere) Auge noch einer ganzen Weile, ehe ihm die
Schrift auf dem Probeblatt mit der Klarheit entgegentrat,
wie solche dem linken Auge mit dem ersten Hinblick schon
dastand.
Dieser und manche andere wesentliche Unterschiede,
die ich hier übergehen kann, schwanden dagegen spurlos
unter der entsprechend combinirten Convex-Brille
+ 40 in Nuance III links,
-4- -10 in Nuance V rechts.
Beide Augen waren unter dem gleich gebrochenen, aber
jetzt verschieden schwingenden Lichte in jeder Beziehung
gleich wirkend , und bis in die bequemste Nähe besass die
Kranke wieder volle Sehkraft und Ausdauer.
Fall 29.
Rechts und links verschieden blau nüancirte Con-
vexgläser No. 12. geben bei einer Presbyopia per-
fecta den durch farblose Linsen unerreichbaren
Gebrauch der Augen für die Nähe zurück.
Frau Mieloff war mit ihrem 48sten Jahre bereits zu
solcher Presbyopia perfecta gelangt, dass sie bis zu den
Das blaue Licht giebt die Nähe. 181
Convexgläsera No. 12. gestiegen war. Aber auch darin fand
sie nicht die erwünschte Unterstützung. Diese Gläser ver-
mochten ihr zwar die Strahlen naher Objecte genügend zu
brechen, verursachten aber andererseits den Augen ein so
concentrirtes Licht, dass die Netzhäute darunter litten. Ein
Gefühl von Ziehen kündigte bei der Arbeit alsbald die
Ueberreizung der Augen an, beim Lesen verloren die Buch-
staben mit jedem Moment mehr die natürliche Schwärze,
schienen zu erblassen und schwanden in einander. Ein ent-
schiedener Verfall der optischen Energie sprach sich beson-
ders darin aus, dass auch die Ferne an Klarheit verlor und
z. B. Gesichtszüge bekannter Personen der Kranken bereits
in der Entfernung von acht Schritt unkenntlich wurden.
Der Versuch, auf schwächere Convexgläser zurückzu-
gehen, misslang; schon die nächstfolgenden Nummern er-
wiesen sich für das Lesen nicht lichtbrechend genug. So
verblieb ich bei den Convexgläsern No. 12., legte aber die
blaue Farbe hinein, und zwar in Rücksicht auf den Umstand,
dass das rechte (vor 10 Jahren von mir am Schielen operirte)
Auge wesentlich schwächer war, wählte ich die verschieden
abgeschattete Brille
-f 12 in Nuance III links,
-f- 12 in Nuance V rechts.
Die Kranke las sofort unter dieser Hülfe eines richtig
gebrochenen aber auch schonenden und wahrnehmbareren
Lichtes deutlicher und mit voller Ausdauer, und vermochte
selbst bei künstlicher Beleuchtung feine Handarbeiten aus-
zuführen, von denen sie bereits seit Jahren hatte Abstand
nehmen müssen. Legte sie die Brille ab, so gewahrte sie,
dass auch die Unterscheidung ferner Objecte in demselben
Maasse gewann, als nach dem Gebrauche ihrer früheren Gläser
sich darin eine besorgliche Abnahme geltend gemacht hatte.
Ein später angestellter Versuch, den Augen eine andere Brille
von Convexgläsern No. 12. beiderseits in gleicher Nuance
(No. IV.) unvermerkt unterzuschieben, wurde sofort er-
kannt, und als weit weniger hülfreich zurückgewiesen.
182 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Fall 30.
Blaues Licht kräftigt bei einer Kranken mitPres-
byopia perfecta die Thätigkeit des Accommo-
dations-Apparates für die Nähe.
Frau Pasemann, 50 Jahre alt, befand sich in einem
nach den bisherigen Anschauungen der Therapie bedenklichen
Complex von Krankheits-Erscheinungen, ohne dass das Oph-
thalmoscop die geringste Spur eines Leidens kund gab, von
dessen planraässiger Bekämpfung man vielleicht eine Besse^
rung hätte erwarten können.
Die Deutlichkeit der Objecte in der Ferne ging ihr nach
und nach verloren, während in Bezug auf die Nähe die Fähig-
keit zum Lesen selbst recht grosser Druckschrift schon seit
Jahren ein Ende genommen hatte. Um experimentell eine
genauere Bezeichnung von dem Zustande ihrer Netzhäute und
ihrer Accommodationskraft zu geben, will ich nur anführen,
dass es der weissen Convexgläser No. 10. bedurfte, um die
Kranke zum Lesen einer Zeitung zu befähigen. Aber auch
so kräftig unterstützt konnte sie das Blatt nicht näher als
auf 2 Fuss bringen, und nach mühsamem Durchlaufen eini-
ger Zeilen war auch dieses Resultat optischer Hülfe bereits
verbraucht. Stärker als No. 10. gewölbte Gläser wies die
Kranke entschieden zurück, weil sie ihr Vergrösserung der
Objecte und Schwindel erregten.
Ich stieg also bei der Wahl des Glases nicht hinsicht-
lich der Wölbung, aber ich nahm aus dem Lichte, welches
No. 10. auf die Netzhaut concentrirte , einen Theil der gel-
ben und rothen Strahlen, und nach dem Zollstabe Hess sich
der Werth dieser kostenfreien Therapie ermessen. Mit jeder
blaueren Nuance näherte ruckweise die Kranke das Blatt
den neu sich belebenden Augen, und durch Nuance V bis in
die Nähe von 6 Zoll angelangt, las sie dauernd und ohne eine
Andeutung von Ermüdung ihre Zeitung zu Ende. + 10 in V
war die Chiffre, für welche es sonst keinen Ersatz giebt.
0*0
1X5.
Das blaue Licht beseitigt
— namentlich bei einseitiger Verwendung
den Schmerz.
Was hat das Licht mit den Gefühlsnerven und was
die Farbe mit dem Schmerze gemein ? Wo ist die Stelle,
von wo aus der Schmerz im Gesichtssinne heimlich ent-
springt, und wo der Ort, an dem der Kranke die Wir-
kung verspürt? Unter welchen Indicationen, an welchem
Auge, und in welchen Abstufungen sollen wir das far-
bige Licht gegen den Schmerz verwenden? Das sind
von der Pathologie noch wenig ergründete, von der The-
rapie kaum aufgeworfene Fragen. Und dennoch ist das
farbige Licht, in der rechten Weise verwendet, das ein-
zige erfolgreiche Mittel gegen den Schmerz da, wo jede
Ruhe und Schonung umsonst, alle schwächenden Ver-
fahrungsweisen vergeblich sind, und alle Anodyna, von
der Blutentziehung an bis zur Atropa und zu dem Mohne
uns im Stiche lassen. Die Zahl derer, die ich durch Ver-
wendung zweier verschieden blauer Glasscheibchen als^
bald von lähmendem Augenschmerze befreite, ist zu gross
184 Die Erfolge der Licht- Therapie.
angewachsen, die Beobachtungen darüber sind zu sorg-
fältig den Täuschungen entrückt, und diese Heilmethode
hat sich schon zu viele Jahre nachhaltig bewährt, als dass
ich nicht versuchen sollte, darüber einige Grundsätze fest-
zustellen, die einer ferneren Ausbildung fähig sind, wenn
es mir gelingen sollte, die Aufmerksamkeit meiner Fach-
genossen darauf hin zu lenken.
Hatte man sich zeither der blauen Gläser bei Augen-
schmerzen bedient, so beabsichtigte man entweder eine
einfache quantitative Verminderung des Lichtes, sobald
dasselbe in gar zu verletzender Weise auf gesunde
Augen wirkte, oder man wollte dadurch bei krankhaft
reizbaren Augen den nur relativ zu hohen Lichtgrad
herabstimmen. Allein mit der Erfüllung dieser beiden
Indurationen durch die sogenannten Schutzbrillen ist
die Licht-Therapie weit vom Ziele ihrer wahren Wirk-
samkeit entfernt, trifft nur den weniger wichtigen Theil
der Kranken, und lässt die ungemein grosse Zahl derer
unbefriedigt, denen das Licht, merkwürdig genug, eine
feindselig schmerzerregende Potenz verbleibt, auch wenn
wir ihnen dasselbe bis zu dem Grade herabstimmen woll-
ten, der für den Zweck irgend welcher Beschäftigung
schon zu weit geführt ist, und bei dem dann Schmerz
und Lichtmangel sogar noch nebeneinander her gehen.
Rathlos standen wir einer ganzen Klasse von Kranken
gegenüber, weil wir einfach nicht . bedachten , dass ihre
Klage über das schmerzerregende Licht nicht in dem
Lichtgrade überhaupt zu suchen sei, sondern in
tler aufgehobenen Gegenseitigkeit ihrer beiden
Augen, die durch keinerlei gemeinsame Herabstimmung
der Lichtmenge Abhülfe finden kann, sondern nur durch
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 185
eine Milderung des Lichtes für jedes einzelne Auge
besonders.
Schmerz ist das Product der dauernden
aber vergeblichen Bemühungen des gesunden
Auges, die von der anderen Seite ihm zuströ-
menden Gesichts-Störungen zu negiren. Bei die-
ser Auffassungsweise des Augenschmerzes und der darauf
passenden und sich als unfehlbar erweisenden Behand-
lung müssen wir auf das vermittelnde Organ zurückkom-
men, welches das von beiden Seiten zusammenströmende
Licht einigen soll, Sind diesem Vermittelungsorgane
die beiden Lichtströme — wie sie eben von verschie-
den gewordenen Augen aufgefasst werden — zu different,
und erregen ihm Schwierigkeiten in der Combination,
— und dazu ist unter Umständen eine äusserst geringe
Abweichung der Lichtauffassung des einen Auges oft
am allergefährlichsten — : so tritt der Fall ein, dass
nicht sowohl eine wirkliche Sehstörung, als vielmehr eine
Schmerzensäusserung zu Stande kommt, die dem dauern-
den Gebrauche des Gesichts mit allem Erfolge in den
Weg tritt. Die Stelle aber, wo der in der binocularen
Combination heimlich aufkeimende Schmerz zur Wahr-
nehmung kommt, ist thatsächlich als ein sehr verschiede-
ner zu bezeichnen und die Kranken lassen sich in die-
ser Beziehung in ganz bestimmte Gruppen trennen.
Ein Theil fühlt die Schwierigkeit der Lichtaus-
gleichung in dem vermittelnden centralen Organe selber
als wirklichen Hirnschmerz, der bei nervösen Indi-
viduen leicht in die Form der Migräne übergeht. Bei
Anderen wird der Schmerz vom Centrum aus in man-
cherlei Nervenbahnen ausgesendet, z. B. zum Magen, und
186 Die Erfolge der Licht -Therapie.
dort entsteht, wenn den Augen nicht frühe genug die
Ruhe gegönnt wird, Uebelkeit. Die Rückwirkung geht
den Nacken herunter und wird dort von Vielen mit
grosser Einstimmigkeit als ein Gefühl gespannter Stränge
beschrieben, zieht zu den Fingerspitzen und erregt
dort eine Empfindung wie beim Eingeschlafensein.
Der bei weitem gewöhnlichste Sitz des excentrischen
Schmerzes findet aber in den Nerven der unmittelbaren
Umgebung des einen Auges seinen Boden. Und die-
ses eine Auge, welches ringsum in seinen sensitiven
Nerven empfindlich erregt wird, sobald der Kranke
dauernd zu sehen sich bestrebt, pflegt merkwürdiger
Weise nicht mit Vorzug das ursprünglich mit irgend
einem Fehler behaftete und die centrale Schwierigkeit
der Lichtausgleichung verschuldende Auge selbst zu sein,
sondern ist sogar meistentheils das andere in sich
vollkommen gesunde und brauchbare Auge.
Gegen dieses gesunde Auge führt in der Regel der von
dem inneren Zusammenhange seines Leidens Nichts ah-
nende Kranke dem Arzte gegenüber seine ungerechte
Anklage: „dieses", behauptet er, „sei das durch Schmerz
„deutlich als schuldig sich kund gebende, ihm alle Aus-
dauer verderbende und allein zu heilende Auge."
Aber wie erfolglos jedes Mittel sein würde, das
wir solchem schmerzenden Auge selbst zuwenden
wollten, wird aus der soweit gegebenen Entwicklung des
Schmerzes schon genugsam hervorleuchten. Ja, ich
musste in der Regel die Erfahrung machen, dass ein
blaues Glasscheibchen, auf dessen Hülfe wir in solchen
Fällen eben angewiesen sind, das excentrische Schmerz-
gefühl geradesweges schärft, statt es zu mildern, sobald
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 187
ich dasselbe, um dem Wunsche des getäuschten Kran-
ken willfährig zu sein, dem schmerzenden Auge selbst
vorlegte.
Wird dagegen in richtiger Weise dem schmerzlo-
sen aber den verschuldeten Schmerz heimlich auf die
andere Seite hinübersendenden Auge das blaue Glas-
scheibchen vorgelegt: so entfernt dasselbe unverzüglich
die centrale Schwierigkeit, und lässt somit auch die
Leiden des gesunden Auges in demselben Moment ver-
stummen. Auf das Unbedingteste ist man im Stande,
z. B. den quälendsten Schmerz auf der rechten Seite will-
kürlich schwinden und kommen zu heissen, je
nachdem man das linke etwas schwächere Auge mit dem
blauen Gläschen bald schützt, bald wieder im Stiche
lässt.
Anatomisch betrachtet ist der nervus trigeminus der
Träger dieser schmerzhaften Affectionen in der Umge-
bung des gesunden Auges, von dessen erstem Aste die
Zweige des supraorbitalis, supratrochlearis, infratrochlea-
ris und lacrymalis die Augenlider und Bindehaut von
Oben Innen und Aussen versorgen, während der zweite
Ast vermittels des infraorbitalis und subcutaneus malae
dem unteren Augenlide allein Zweige zusendet. Mit
vielen dieser Empfindungsnerven ist bekanntlich der Be-
wegungsnerv der Augenlider, der n. facialis, verbunden,
woraus sich erklärt, weshalb jene Schmerzempfindungen
sich in manchen Fällen mit krampfhaften Zuckungen
vereinigen.
Ganz entsprechend dieser Nervenverzweigung, so
wie sie das anatomische Messer nur verfolgen kann,
lauten die Klagen der vom reflectirten Lichtschmerze Ge-
188 D ie Erfolge der Licht - Therapie.
quälten. Je nach ihren verschiedenen Angaben erkennt
man genau diesen oder jenen einzelnen Ast des trige-
minus heraus, während unterdessen das andere Auge,
welches die Schwierigkeit der centralen Lichtcombina-
tion veranlasst, schmerzlos und scheinbar schuld-
los sich verhält, oder doch erst später daran Theil
nimmt.
Was den ' Grad der so erregten Schmerz empfindung
betrifft, so haben diejenigen Kranken, welche der ge-
ringsten Rückwirkung der centralen Licht-Schwierigkeit
auf den trigeminus ausgesetzt sind, bloss von ihrem einen
(und zwar meistens dem besseren) Auge ein gewisses
Bewusstsein oder ein Gefühl leisen Druckes, . das sie
bald nach Beginne der Arbeit beschleicht, aber hinreichend
genug ist, um ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen und
die Beschäftigung, namentlich geistige Thätigkeit, zu
stören. Andere fühlen den Schmerz schon als einen
peinlichen Druck im äusseren, Andere wieder im in-
neren Augenwinkel oder in der Supraorbital-
Gegend der einen Seite. Noch Andere beklagen sich
über ein lästiges Brennen oder Ziehen genau dem un-
teren Augenlide entlang oder oberflächlich in der
Haut rings um die Orbita. Am empfindlichsten tritt
die Schmerzens-Aeusserung als ein lebhaftes Stechen
im Auge auf, als ob Sand oder ein einzelner fremder
Körper zwischen den Augenlidern sich befände und die
Conjunctiva reizte.
Hat aber der eine oder andere dieser verschieden
localisirten Schmerzen erst ein Weilchen in dem einen
— meistens dem besseren — Auge gewährt, so pflegt
dann auch das andere Auge in ganz ähnlicher Weise
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 189
davon umzogen zu werden, und es naht die Zeit, wo
der Kranke die Arbeit nicht fortsetzen kann. Sträubt
er sich dennoch gegen die Unterbrechung, so sieht man
alsdann auch noch objective Erscheinungen auftreten,
die in einer Reflex Wirkung auf die motorischen Nerven
— Aeste des facialis — begründet sind. Die Augen-
lider gerathen in eine rasch blinzelnde, ja zuckende Be-
wegung, es erfolgt ein Thränen und eine deutliche Hy-
perämie in der Gefässverzweigung der Conjunctiva. Das
Schliessen der Augen wird endlich allen Widerstrebens
des Kranken unerachtet zur unbedingten Notwendigkeit.
Da die Lichtwirkung es ist, welche die eben be-
schriebenen Schmerzen herausfordert, so dürfen wir uns
nicht wundern, dass ein Theil der Kranken, der am Tage
fast oder ganz verschont bleibt, bei künstlicher (chro-
matischer) Beleuchtung wegen Augenschmerzen der Ar-
beit entsagen muss. Schon auf der Schule sammelt
sich eine kleine klagende Schaar, auf der ein ungerechter
Verdacht lastet, weil nach ihrer Angabe ein kaum ent-
deckbares Hornhautwölkchen des einen Auges dem an-
deren gesunden Schmerzen erregt und jede Anstrengung
verbietet, wozu die langen Winterabende verwendet werden
müssen. In der Gelehrten- und in der Künstler-
Stube sieht es oft nicht weniger schmerzlich aus, und in
den hell durch Gaslicht erleuchteten grossen industriel-
len Werkstätten, wo Hunderte beisammen wirken,
bleibt mancher rüstige Arbeiter im Rückstande, weil er
gegen seine Augenschmerzen nicht die passende Erleich-
terung finden konnte.
190 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Die Behandlung des in der gestörten Licht-
Combination begründeten Augenschmerzes
durch farbige Lichtmodificationen.
Für alle diese, oft durch langwierige Kuren schwer
geprüften Leidenden liegt die Hülfe in Form eines blauen
Glasscheibchens, mit dem wir ihr schwächeres Auge
unterstützen, in unserer Hand. Von der genauesten
Wahl dieses farbigen Scheibchens hängt das Gelingen
ab, und die Wahl ist nach dem Unterschiede zu treffen,
der sich in der Sehkraft der beiden Augen bei ihrer
Einzelprobe geringer oder auffälliger zu erkennen giebt.
Es kann vorkommen, dass man hier erst nach mehr-
fachen scheinbar entmuthigenden Versuchen mit einem
glücklicheren Griff plötzlich den ganzen Ertrag dieser
Behandlung erschliesst, und dem Tonkünstler ist man
vergleichlich, der in einem entwertheten Instrumente die
disharmonischen Schwingungen der Saiten wieder zum
wohlthuenden Klange zu einigen sich bemüht.
1. Unterscheidet das linke Auge z. B. noch voll-
kommen so gut als das rechte, und steht diesem nur in
der Ausdauer nach — weshalb man auch nöthig hat,
die Einzelprobe der Augen auf längere Zeit auszudehnen,
um überhaupt dieses Sachverhältniss zu entdecken — :
dann genügt für das linke Auge schon ein Planscheibchen
der schwachen Nuance n oder III. Mit einem solchen
versehen, liest derselbe Kranke dauernd und ohne dass
jemals im rechten Auge jener Schmerz aufkommt, der
sonst den Moment der Ermüdung des linken Auges ver-
rieth, und auch hartnäckig nicht eher nachliess, als bis
mit der Unterbrechung der Arbeit dem linken Auge ein
Weilchen Ruhe gegönnt wurde.
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 191
2. Ist in einem anderen Falle das linke Auge gegen
das rechte in seiner Sehkraft tiefer gesunken und hat
dasselbe z. B. Mühe, gewöhnliche Druckschrift zu lesen:
so wird es auch schon nothwendig, ihm Nuance IV oder
V zur Unterstützung zu geben. Erst dieser stärkere die
Sinnesthätigkeit anregende Schutz hält jeden Schmerz
fern, der sonst einzelne Theile des Gehirns bis zum
Hinterhaupte hin benahm, oder in excentrischer Rich-
tung die verschiedenen Verzweigungen des trigeminus
als Resonanzboden durchzog.
3. Noch tiefere Abstände der Sehkraft beider Augen
pflegen zwar seltener mit Schmerze sich zu paaren, weil
das eine Auge seine Mitwirkung eher ganz aufgiebt.
Aber auch hier treten noch an der äussersten Grenze
befindliche und therapeutisch um so merkwürdigere Fälle
auf, wo uns die Farben-Ausgleichung mittels der tiefsten
Nuancen als anaesthetisches Mittel nicht im Stiche lässt,
und wo dann das Glasscheibchen das zerstörende
Messer zurückweist, das den schuldigen Augapfel zur
Rettung des anderen zu entfernen schon bereit ist.
4. Wohlthuend und sogar meist nothwendig erweist
sich auch hier wieder die Maassregel, dass wir neben
der tieferen Abschattung des eigentlich schuldigen Auges
gleichzeitig eine mildere Abschattung für das andere nur
secundär afficirte Auge verwenden; dass wir also dem
linken Planglase von Nuance VI ein rechtes in III, oder
dem linken Planglase in Nuance V ein rechtes in II zu-
gesellen. Kehren wir alsdann versuchsweise eine so zu-
sammengestellte und allen Erwartungen entsprechende
Brille um, und vertauschen also die Rolle der Gläser:
so leistet die Brille Nichts, ist ein Hinderniss für das
192 Die Erfolge der Licht -Therapie.
deutliche Sehen, ja schärft die Schmerzen des Kranken
in jäher Weise.
4. Ist unabhängig von dem hier erörterten Unter-
schiede in der Sehkraft der beiden Augen ein Accommo-
dationsfehler vorhanden, so versteht es -sich von selbst,
dass man diesem in der zusammenzustellenden Brille
die nöthige Rücksicht zollt. Man bewirkt dann den
Unterschied der Farben beiderseits nicht durch Plan-
gläser, sondern für die Kurzsichtigen durch Concav-, für
die Weitsichtigen durch Convexgläser.
5. In manchen gar seltenen und nur durch das
Experiment zu ermittelnden Fällen ist es heilsam, fin-
den Schmerz links nur ein tief blaues Planglas gegen
ein rechtes schwach gefärbtes und gleichzeitig + oder —
geschliffenes Glas zu gewähren, damit vom linken Auge
nur der Licht-Sinn benutzt, der Orts-Sinn ganz aus
dem Spiele gelassen werde.
So ermöglicht sich zur Bekämpfung des Schmerzes
eine Combination, die zu Tausenden verschieden wirken-
der Brillen führt, und welche für den, der sich im Laufe
der Zeit ein feines Gefühl erworben hat, in einer Weise
die Individualisirung des Einzelfalles gestattet, wie sie
nirgend anderswo in der Therapie übertroffen werden
möchte.
Schliesslich muss ich über den Werth meiner opti-
schen Behandlung des Augenschmerzes in Hinsicht auf
radicale Heilung oder auf eine nur palliative Er-
leichterung Einiges sagen. Langj ährige Erfahrungen
haben darüber ein günstiges Urtheil sicher gestellt. Die
radicale Heilung wird meistentheils erreicht. Ist die zu
Grunde liegende oft dem Augenspiegel sich entdeckende
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 193
AfYection des einen schuldigen Auges irgend von vor-
überzuführender Art — unter Anderem habe ich Hyperä-
mie der Retinal-Gefässe, welche häufigen Blutentziehun-
gen nicht hatte weichen wollen, unter der beruhigenden
Einwirkung eines blauen Glases in dem geschützten Auge
selbst, oder durch Ueberwirkung in dem anderen Auge
auffallend rasch verschwinden gesehen — , so haben wir
den Vortheil gewiss, dass der Leidende seine Genesung
erreicht, ohne gezwungen zu sein der Schmerzen wegen
auch nur einen Tag, geschweige denn länger sich sei-
nen Geschäften zu entziehen. Es wäre überflüssig, über
diesen grossen Vortheil ein weiteres Wort zu verlieren.
Aber die Beseitigung des Schmerzes pflegt auch selbst
in den Fällen vollständig zu gelingen, wo die veran-
lassende Krankheit des einen Auges (Hornhautflecke,
leichtere Linsentrübungen, lose schwimmende Theilchen
und Glaskörper, Exsudationen auf der Retina) eine un-
abänderlich bleibende ist.
Wir gewinnen in solchen Fällen durch das schmerz-
stillende farbige Glas einstweilen Zeit, um Umstände
schadlos vorübergehen zu lassen, die durch ihr tempo-
räres Hinzukommen auf das Nervensystem so oft
schmerzerweckend einwirken, und wo wir vergeblich
nach der Ursache fragen, weshalb bei scheinbar unver-
ändertem Zustande eine Exacerbation von Neuro-
sen eintritt oder nachlässt. Hier ist nach dem allgemei-
nen Standpunkte unserer Wissenschaft noch Manches dun-
kel, welches aufzuhellen wir bis heute nicht im Stande
sind ; freuen wir uns indessen, vorläufig hier in der The-
rapie der Augenkrankheiten gegen solche noch verbor-
gene Einwirkungen wenigstens eine zuverlässige optische
Böhm, Licht - Therapie. 13
194 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Wehr zu besitzen, der bei einem ungemein grossen Theil
von Hülfesuchenden sich kein anderes Anaestheticum
zur Seite stellen lässt.
Casuistik.
Fall 31 bis 35.
Fall 31.
Das durch einen Ueberschuss von blauen Strahlen
für das schwächere linke Auge schonender und
wahrnehmbarer zugerichtete Licht hebt den
Schmerz des gesunden rechten Auges.
Herr v. B , 16 Jahre alt, hatte, so weit seine Er-
innerung reichte, niemals eine ganz ausdauernde Sehkraft be-
sessen. Durch allmähliche Verschlimmerung in den letzten
Jahren war die Frist der deutlichen Wahrnehmung für das
Lesen bei Tageszeit bis auf zehn, bei künstlicher Beleuch-
tung bis auf fünf Minuten zusammen geschmolzen. Wollte er
länger sich der einmal gebotenen Pause zum Ausruhen er-
wehren, so war es ein stechender Schmerz im rechten
Auge, der ihn dann in rascher Steigerung aufs entschiedenste
bezwang. Manche misslungene Versuche, diesem Uebel durch
Convexgläser oder gefärbte Planbrillen abzuhelfen, hatten
das anfängliche Vertrauen des Kranken zu einer derartigen
Hülfe in einen unverhohlenen Widerwillen dagegen ver-
wandelt.
Als ich an einem sonnig klaren Morgen mit einer deut-
lichen Druckschrift die Augen einzeln erprobte, las das rechte
bequem von 2 Zoll Nähe bis auf 2 5 Fuss Entfernung. Das
linke Auge erkannte überhaupt mühsamer, und las nur von 6
bis auf 12 Zoll, zeigte sich also sowohl in seiner Accommo-
dations- wie Sehkraft tiefer stehend als das andere Auge.
Nach dieser Ermittelung der Differenz Hess ich beide Augen
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 195
gemeinsam lesen. Genau nach 10 Minuten begann im besse-
ren rechten Auge der erwähnte stechende Schmerz, und
nicht viel später Flimmern, Thränen und Undeutlichsehen.
Benutzte ich aber den Moment, wo das rechte Auge zu
schmerzen begann, um rasch dem linken ein Planglas in
Nuance V vorzulegen; so schwand der Schmerz des
rechten Auges spurlos, und der Kranke war nun im Stande,
in meiner Gegenwart eine volle Stunde zu lesen. Sein lin-
ker Arm, mit dem ich ihn das blaue Glas dem be-
treffenden Auge vorhalten Hess, erlahmte, nicht
aber seine Sehkraft, welche im Gegentheil in ihrer ur-
sprünglichen Frische verblieb.
Eine Brillen -Verordnung
Plan in Nuance II rechts,
Plan in Nuance V links,
war die einfache Maassnahme, um das seit Gedenken links
angebahnte und durch binoculare Störung die Brauchbarkeit
des ganzen Sinnes untergrabende Leiden zu heben. Eine
radicale Besserung stellte sich in den nächsten Monaten all-
mählich ein, und war um so mehr vollständig zu hoffen, als
der Augenspiegel keinen Unterschied der Netzhäute und ihrer
Gefässe entdecken Hess.
Fall 3 2.
Die einseitige Verwendung des blauen Lichtes für
das schwächere rechte Auge sichert dem linken
Auge seine schmerzlose Function, und bringt ein
deutliches fernes und dauerndes Sehen zurück.
Bertha Hempel, 15 Jahre alt, aus Bromberg, war
von Seiten ihres Vaters hereditär myopisch. Dieser Fehler
nahm seit den letzten Jahren nicht nur im Allgemeinen zu,
sondern die jugendliche Kranke befand sich noch dabei in der
besonderen Lage, dass sie beim Lesen oder bei anderen Be-
schäftigungen von Minute zu Minute ihre Sehweite mehr ver-
kürzen musste (Kopiopia myopica), um auf diese Weise ein
Gefühl von Druck im linken Auge möglichst zu vermeiden,
13*
196 Die Erfolge der Licht - Therapie.
welches schliesslich doch eine solche Steigerung annahm,
dass unerachtet der Annäherung die Unterbrechung der Ar-
beit nicht weiter hinauszuschieben war. So wurde ihr jede
Arbeit mühevoll und zerstückelt.
Durch viele ähnliche Fälle belehrt, erkannte ich alsbald
das nicht schmerzende rechte als das allein schuldige
und therapeutisch zu berücksichtigende Auge. Bei der Einzel-
probe las dieses auch in der That undeutlicher und hatte
kaum die halbe Sehweite im Vergleich zu dem anderen.
Die Kranke überzeugte sich dadurch erst von ihrem Irrthum,
in welchem sie verzeihlicher Weise sich bisher befunden hatte,
dass das schmerzlose rechte Auge die ganze Schuld ihres
jahrelangen Leidens trage.
Des exacten Versuches wegen wurde vorläufig nur dem
rechten Auge ein Planglas in Nuance IV vorgelegt und das
schmerzende linke blieb unbewaffnet. Der Erfolg war, dass
die Kranke, statt wie bisher höchstens vier Minuten, eine volle
halbe Stunde in meiner Gegenwart emsig las, ohne auch nur
eine Spur des lästigen Druckes im linken Auge zu erfahren,
oder ein Minimum von ihrer gleich anfänglich angenommenen
Sehweite von 10 Zoll einzubüsssen. Nach achttägigem Ge-
brauche der verordneten Brille,
Plan in Nuance IV rechts,
Plan in Nuance I links,
berichtete die Kranke:
1) dass sie nie wieder von ihren Augenschmerzen be-
fallen worden,
2) dass sie in vollkommen gerader Haltung und gleich-
bleibender Entfernung mit Lesen und feinen Handar-
beiten sich habe beschäftigen können,
3) dass ihr die längst aufgegebene Beschäftigung bei
künstlicher Abendbeleuchtung wieder leicht, und
4) dass ihr auch das Klavierspielen durch den einseiti-
gen Schatten wieder möglich geworden.
Um gelegentlich ferne Gegenstände klar erkennen zu
können, erhielt noch die Myopische eine Lorgnette,
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 197
Concav 30 in Nuance IV rechts,
Concav 30 in Nuance I links.
Fall 33.
Das links tiefer nüancirte Licht erhöht die Seh-
kraft des an Hornhaut leidenden Auges und giebt
durch Herstellung der binocularen Combination
den schmerzlosen Gebrauch der Augen wieder.
Die Kunstdrucker haben in ihrem Geschäft ein scharfes
Gesicht deshalb nöthig, weil jeder einzelne Abzug, der fertig
aus der Presse hervorgeht, einer genauen Revision unter-
worfen werden muss, damit etwa vorkommende Fehler, Aus-
bleiben oder zu starke Wirkung des Tones u. s. w., in den
späteren Exemplaren vermieden werden.
Herr Eduard Prescher war im Stande gewesen, bis
zu seinem 47sten Jahre in dieser Beziehung den höchsten
Anforderungen seiner Kunst nachzukommen, als ihm eine so
rasch wachsende Abnahme seiner Unterscheidungskraft mit
Schmerzen im rechten Auge befiel, dass er diese Er-
scheinung nicht von seinem vorrückenden Lebensalter ableiten
zu können glaubte.
Bei der Untersuchung gab sich mir deutlich eine Stö-
rung im binocularen Sehen als Hauptsache zu erkennen.
Diese war angebahnt vom linken schon von Jugend her
durch ein schwaches Hornhautwölkchen getrübten Auge. Das
rechte Auge hatte der ungünstigen Beschaffenheit seines
Nebenorganes nicht eher geachtet, als bis es alternd in der
vollen Sehkraft nachzulassen begann; da wurde es von der
hauchartigen Vergitterung, welche die linke Hornhaut den
eindringenden Strahlen darbot, auf dem Wege der binocula-
ren Combination angefeindet und rasch bezwungen.
Der schlagende Erfolg einer höchst einfachen Therapie
Hess mich wenigstens keinen passenderen Rückschluss auf
die inneren pathologischen Vorgänge machen. Denn als ich
dem linken Auge ein Planglas in der blauen Nuance IV
darbot, las dasselbe nicht nur für sich allein viel deutlicher,
198 Die Erfolge der Licht -Therapie.
und aus diesem Grunde statt bis auf einen Fuss bis um
die Hälfte weiter, sondern in demselben Moment schwand
auch der lästige Schmerz im rechten Auge und beiden Augen
gemeinsam kehrte in dem Grade die Arbeitskraft zurück,
dass der Kranke unter der Brille,
Plan in Nuance II rechts,
Plan in Nuance IV links,
mit voller Genugthuung seine Berufsgeschäfte wieder auf-
nehmen konnte, während die verschiedensten zum Gegenver-
suche gegebenen Planbrillen mit gleicher Nüancirung beider
Gläser nur eine kurz dauernde Erleichterung zu gewähren
vermochten.
Fall 34.
Schmerzhafter Druck im schwächeren rechten
Auge und ein damit verbundenes Unvermögen bei-
der Augen zu jeder dauernden Beschäftigung ge-
heilt durch Anwendung des blauen Doppel-
Lichtes.
Ein Lehrer, Herr Dr. G , 35 Jahre alt, war, wie
zwei seiner Geschwister, aus Familien - Anlage kurzsichtig,
und trug Concav-Gläser No. 18. Seit den letzten zwei Jah-
ren litt derselbe an einem lästigen Drucke des rechten Auges,
der ihm nur in kurzen Zeiträumen zu lesen oder zu schrei-
ben gestattete, ihn Abends aber bei der künstlichen Beleuch-
tung von jeglicher Thätigkeit ausschloss. Der Kranke selbst
konnte sich über das Sonderbare seines Leidens nicht klarer
ausdrücken, als »dass ein beständiger Streit in seinen beiden
Augen Statt finden müsse, der zumal beim Beginne jeder Ar-
beit am lebhaftesten sei, und wodurch ihm eine stets sich
wiederholende mühsame Aufgabe erwachse, nur ganz all-
mählich und wie durch Ueberlistung das linke Auge allein
in den Dienst zu bekommen. Zu diesem Zwecke müsse er
jedesmal erst ein Weilchen das rechte Auge nur durch eine
eng geöffnete Liderspalte wirken lassen, oder auch wohl ganz
schliessen. Aber auch dann sei ihm im günstigsten Falle
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 199
doch nur für eine kurze Dauer der Gebrauch seines linken
Auges gestattet, weil das rechte alsbald heftig zu drücken
beginne, gleichviel, ob er dagegen dessen Lider fest abzu-
schliessen suche oder nicht."
Während der zweijährigen Dauer dieses seines Leidens
war der Kranke mit vieler Aufmerksamkeit behandelt wor-
den. Indessen hatten eine strenge Diät, das Verbot jedes
Augenglases, ein derivirendes Verfahren durch Abführungen,
Fussbäder mit Königswasser, häufige Blutentziehungen in der
rechten Schläfe und Augendouchen den peinlichen Zustand
in Nichts zu ändern vermocht. Der Schmerz im rechten
Auge hatte im Gegentheile die Möglichkeit zur Arbeit immer
mehr eingeschränkt.
Als sich der Kranke im Januar 1858 an mich wandte,
fand ich ausser jenen schon angegebenen subjectiven Seh-
störungen bei der Einzelprüfung der Augen noch die ent-
scheidende objective Thatsache, dass
das linke Auge bis auf 7 Zoll.
das rechte Auge nur bis auf 5 Zoll,
aber auch in dieser Entfernung um ein Weniges undeutlicher
las, als das linke.
Li cht -Behandlung.
In Rücksicht auf die ursprüngliche Myopie des Kranken
wählte ich zunächst für die Beschäftigung in der Nähe eine
Concav-Brille No. 20. Ohne zu verkleinern, gewährte diese
Hülfe durch Lichtbrechung eine Sehweite von 9 Zoll.
Um dagegen die in den letzten zwei Jahren hinzuge-
kommene Zwietracht der Netzhäute zu schlichten, die auch
unter den weissen Concav - Gläsern No. 20. sich fortsetzte,
schien mir die für jedes einzelne Auge besonders berech-
nete qualitative Lichtwandlung das einzige Auskunftsmittel.
So entstand die Combination:
Concav No. 20. in Nuance III links,
Concav No. 20. in Nuance V rechts.
Die Augen kehrten darunter sofort in die grösste
200 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Einigkeit zurück, lasen beim ersten Hinblick die feinste
Schrift, vertrugen ohne Schwierigkeit die künstliche Abend-
beleuchtung, erfuhren auch nicht einmal andeutungsweise
mehr den früheren Schmerz und waren zur andauerndsten
Arbeit bereit und fähig.
Diese durch blosse Lichtzutheilung so leicht gewonnenen,
jeden Wunsch des Kranken erfüllenden Vortheile blieben
sein dauerndes Eigenthum, und stellte ich nach dem eigenen
Verlangen desselben noch eine zweite Brille,
— 9 in Nuance III links,
— 9 in Nuance V rechts,
zusammen, die ihm auch für die Wahrnehmung fernerer Ob-
jecte gleichen Gewinn leistete.
Fall 35.
Hyperästhesie des ganzen Nerven-Systems, geheilt
durch eine für jedes einzelne Auge richtig ge-
troffene Abtönung des blauen Lichtes.
Als eines von jenen der optischen Behandlung anheim-
fallenden Beispielen, die fast noch mehr das Interesse des
Neurologen als das des Augenarztes in Anspruch nehmen,
und wo mit der Ausgleichung einer binocularen Missstimmung
eine unmittelbare Beruhigung im Gehirn und von dort aus
eine Beschwichtigung nervöser Exacerbationen erreicht wurde,
will ich folgenden Fall in der Kürze mittheilen.
Fräulein Adler hatte in früher Kindheit nur mit Le-
bensgefahr ein bösartiges Scharlachfieber überstanden, und
als erst nach einer Reihe von Jahren sich ihre Körper-
kräfte einigermaassen wiedergefunden, fehlte ihr doch für
immer die Elasticität und Nachhaltigkeit, welche gesunden
Organismen zu eigen sind.
Bezüglich des Gesichts - Sinnes kam die Kranke um so
mehr in Bedrängniss , als sich nach ihrem 4üsten Jahre ein
presbyopischer Zustand den schon von je her schwachen
Augen hinzugesellte. Keine passende Brille Hess sich für
sie ausfindig machen. Bald nach Beginne jeder Beschäftigung
Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 201
umkreiste alsbald ein Schmerz rings die Orbita, der in
den Vorderkopf sich verbreitete, zum Scheitel hinauf stieg,
den Hinterkopf einnahm und selbst noch den Nacken her-
unter zog, so dass es schliesslich zu einer wirklichen Steifig-
keit des Halses kam.
Andererseits steigerte sich ein leises Rauschen im Ohre
bei jeder anhaltenden Beschäftigung der Augen zu einem
förmlichen Geheul und schmerzhaften Ohrenzwange. Und
waren diese secundären Wirkungen einmal von den Augen
aus zu sehr angeregt, so konnte das Nachklingen derselben
sich bis in die Nacht hinein verlängern und den Schlaf ver-
scheuchen.
Ich übergehe viele Versuche, welche ich anstellte, um
durch die Anwendung immer dunkler gebläuter Convexgläser
den schmerzlosen Gebrauch der Augen zu ermöglichen.
-f- 25 hatte sich als diejenige Schleifungs - Nummer heraus-
gestellt, welche nicht tiberschritten werden durfte; aber wenn
auch diese Gläser in den dunkelsten Nuancen ausgeführt
wurden, so blieb doch der Erfolg derselben nur ein unbe-
friedigender.
Eine noch eingehendere Untersuchung belehrte mich
endlich, dass das rechte Auge rascher ermüdete als das
linke, und in der Berücksichtigung dieses kleinen und ver-
borgenen Umstandes lag der ganze Schwerpunkt der The-
rapie. Als ich nach verschiedenen vergeblichen Farben-
Zusammenstellungen die Combination,
+ 25 in V links,
-f 25 in VII rechts,
richtig getroffen, verbreitete sich, um den eigenen Ausdruck
der Kranken über ihre subjective Empfindung wiederzugeben,
„eine beruhigende Kraft durch ihren Körper". Sie las dauernd
ohne irgend eine schmerzhafte Erregung, ohne fremdartiges
Geräusch zu hören, konnte plötzlich — was ihr stets die
schwierigste Aufgabe gewesen — wieder gleichzeitig denken
und schreiben und nach Ermüdung ihres Geistes sich wieder
eines ruhigeren Schlafes erfreuen.
202 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Die Kranke gehört nicht zu den Hysterischen und war
auch niemals eigentlich lichtscheu gewesen, so dass es
auf eine blosse Lichtminderung angekommen wäre. Ledig-
lich die positive Einwirkung des blauen Licht-
strahles, und zwar in seinen richtig gewählten Abtönun-
gen, kam hier in einer seltenen Weise zur Geltung.
-OZ>-
1X6.
Das blaue Licht gewährt die Dauer.
±Jer Beweis, dass in dem blauen Lichtstrahle das ra-
tionelle Mittel gegen diejenige Gesichtsschwäche enthal-
ten ist, welche wir unter der Benennung „Dauerlosig-
keit des Auges (Kopiopia)" beschreiben wollen,
bildet den natürlichen Schluss der optischen Heilmethode
und den Einigungspunkt ihrer mannigfachen Einzelwir-
kungen. Um über die Augenermüdung und deren Be-
handlung eine Monographie zu geben, hätte ich in der
That Nichts von allem dem übergehen können, was in
den früheren Abschnitten dieser Arbeit über die Wege,
die zur Ermüdung führen, und über die therapeuti-
schen Eigenschaften des blauen die Dauer schützen-
den Lichtes entwickelt worden ist.
Denn wenn letzteres dafür aufkommt:
1) dass keine Ueberreizung der beiden Netzhäute durch
ein im Ganzen zu stark wirkendes Licht geschieht,
oder — was noch häufiger — dass keine Beirrung
204 Die Erfolge der Licht -Therapie.
des Gesichts-Sinnes durch eine vom rechten und lin-
ken Auge nur verschieden empfundene Helligkeit
zu Stande komme (Cap. VI., VIL, VIIL, IX l.);
2) dass den betreffenden Kranken nicht die zum schar-
fen und bequemen Sehen nöthige Wahrnehmbarkeit
und Deutlichkeit der kleinen Objecte schwinde
(Cap. 1X2.);
3) dass den Kranken für die andauernde Thätigkeit
nicht allmählich die Ferne (Cap. 1X3.), nicht die
Nähe (Cap. 1X4.) verloren gehe;
4) dass die Kranken nicht ein unter dem weissen Lichte
allmählich bis zur Unerträglichkeit sich schärfen-
des Schmerzgefühl überwältige (Cap. 1X5.);
5) dass nicht zwei in ihrer Auffassungskraft ungleich
gewordene Netzhäute für den gemeinsamen Ein-
druck sich stören und deshalb — wenn anders
der Gesichts-Sinn thätig bleiben soll — durch Schie-
len sich aus der harmonischen Stellung zu entfer-
nen gezwungen sind (Cap. VI. Seite 61):
so ist der Erfolg aller dieser abwehrenden Wirkungen,
dass der Kranke seiner auf so vielen Wegen von Er-
müdung bedrohten Sinnesthätigkeit nicht beraubt wird,
sondern unter den richtig verwendeten Graden des blauen
Lichtes seiner Sehkraft dauernd Herr bleibt, und sogar
erheblichen organischen Veränderungen ge-
genüber sich stark erweisen kann, die auf dem
W T ege von derHornhaut- bis zur Netzhautfläche
hin sich recht oft im Auge wohl entdecken,
aber bis auf den heutigen Tag in keiner ande-
ren Weise unschädlich machen, geschweige
denn von Grund aus beseitigen lassen.
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 205
Aus den seither gegebenen Schilderungen der Augen-
ermüdung geht nur zu deutlich hervor, dass man dieses
unter der mannigfachsten Gestaltung in die Erscheinung
tretende Augenleiden nicht unter einem solchen vollgül-
tigen Gesichtspunkte aufgefasst hat, auf den uns eine
schlagfertige Therapie unabweisbar zurückzukommen
heisst. Die einzelnen Autoren haben, wie zum Theil
schon die von ihnen gebrauchten Namenbezeichnungen
beweisen, nur diese oder jene besondere Art der Augen-
ermüdung beobachtet, gute Bruchstücke, aber eben nur
diese gebracht und, in einer untergeordneten Specialität
befangen, eine zu einseitige Anschauung der Pathogene-
sis gewonnen. Sie konnten daher auch thatsächlich zu
keinem durchgreifenden Mittel, und noch weniger zu
zweckmässigen Modificirungen desselben gelangen.
Beschränkte man sonst den Sitz der Ermüdung
nur auf den abgeschlossenen Bereich der Netzhaut, gönnte
man der Krankheit nicht einmal eine Selbstständigkeit,
erklärte sie als ein Vorstadium zur Amblyopie, und
fasste also dieselbe viel zu bedenklich auf: so ist man
seit den letzten Decennien, durch die überraschenden
Erfolge der Tenotomie auf die Verbesserung gewisser ko-
piopischer Augen verleitet, andererseits zu weit gegangen,
und hat die Krankheit wesentlich als ein Muskel-, als
ein Accommodations - Leiden hinstellen wollen. Um so
entschiedener tritt an uns die Aufgabe heran, die bereits
im Jahre 1845 von mir in einer ihrer Hauptformen (als
Kopiopia presbyopica) beschriebene und in die Licht-
Therapie verwiesene Augenkrankheit, nach den
inzwischen gemachten reichen Erfahrungen, in allen ihren
proteusartigen Gestaltungen zu enthüllen, unter denen
206 D ie Erfolge der Licht -Therapie.
es ihr noch immer gelingt, auf alle Stände der mensch-
lichen Gesellschaft einen dauernden und schweren Druck
auszuüben, dessen Lösung nur Seitens der Licht-Thera-
pie geschehen kann.
Diesem Zwecke wird aber nicht besser entsprochen,
als dass man die Kopiopia gleich der Amblyopia als
einen generellen Krankheitszustand betrachtet, und den
in so verschiedener Weise in die Erscheinung tretenden
Formen der Augenermüdung gemäss, eine Eintheilung
der Krankheit in gewisse Species gestattet. Dann ist
die Verständigung über die einzelnen Fälle von Kopio-
pia leichter, und die Behandlung wird vor Allem in
den zu wählenden Namenbezeichnungen für den aus-
übenden Arzt einen leitenden Anhaltpunkt finden. Hier-
nach trennen sich von einander ab als Species der Ko-
piopia :
I. Kop. retinalis (simplex).
Ermüdung im Gebiete des lichtempfindenden
Apparats, der sensuellen Nerven selbst. Dieselbe
kann sein, je nachdem beide Netzhäute leiden,
oder nur eine den Krankheitsheerd bildet:
a) binocularis,
b) monocularis.
IL Kop. retino - muscularis presbyopica.
Ermüdung durch lähmende Rückwirkung von der
Netzhaut auf die motorischen Nerven des Accom-
modations - Apparats :
a) binocularis,
b) monocularis.
III. Kop. retino - muscularis myopica.
Ermüdung, nachdem vergeblich die äussersten
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 207
Anstrengungen der motorischen Nerven (des
Accommodations-Apparats) verbraucht worden:
a) binocularis,
b) monocularis.
IV. Kop. dolorosa.
Ermüdung nach eingetretener übermässiger Er-
regung der dem Auge beigegebenen sensiblen
Nervensphäre :
a) binocularis,
b) monocularis.
I. Kopiopia retinalis (simplex).
Diagnose.
Die hierher gehörigen Kranken sind, gleich den
später zu beschreibenden Species, mit voller Unterschei-
dungskraft für kleine Gegenstände ausgerüstet. Am-
blyopie so wie Presbyopie schliessen sich dadurch
von vorn herein diagnostisch aus. Aber die Kranken
büssen von allen Kopiopischen gewöhnlich schon in der
kürzesten Zeit, ohne allen Umschweif, ohne, wie wir
bei den übrigen Leidensgenossen erfahren werden, durch
irgend einen Ausweg sich noch eine Weile zu helfen
und zu halten, unmittelbar und jählings ihre Unterschei-
dungskraft ein. Sie sind deshalb die reinsten Repräsen-
tanten von einer der Intensität nach ungeschwächten,
aber aller Dauer bar gewordenen optischen Energie.
Beim Lesen z. B. verlieren die Buchstaben im
weissen Lichte für diese Kranken rasch ihre Schwärze,
und mit dem baldigen Erblassen auch gleichzeitig ihre
scharfen Umrisse. Sie setzen sich nicht mehr als ein-
zelne Körper von einander ab, und geben den Eindruck,
208 Die Erfolge der Licht -Therapie.
als flössen sie in einander. Statt des Schriftblättes mit
unterscheidbaren Buchstaben hat der Kranke nur noch
die Wahrnehmung der Reihen, und mit dem Verschwin-
den auch dieser zuletzt nur eine flimmernde Fläche vor
sich. Das Gefühl von Blendung ist es, welches den
Kranken oft schon nach Durchlaufen von einer Zeile
unfähig macht, seiner Sehfunction ferner Herr zu bleiben.
Erst ein Blick in die Ferne — welche der verringerten
Lichtstrahlen wegen ein weniger reizendes Licht spendet,
— oder besser, ein kurzes Schliessen der Augen bringt
Erholung und neue wenn auch nur eben so flüchtige
Unterscheidungskraft zurück.
Die eben gegebene Beschreibung des rasch hin-
schwindenden Unterscheidungs - Vermögens werden wir
von Kranken, die überhaupt in der Beobachtung geübt
sind, mit geringfügigen Abänderungen stets wieder hören.
Die Diagnose ist aber damit noch nicht erschöpft und
die Therapie verbleibt in einem fühlbaren Mangel, wenn
wir nicht eine Thatsache in Anschlag bringen, deren
sich die Kranken nicht bewusst zu sein pflegen, und
welche uns zu einer Eintheilung Grund giebt. Wir
müssen unterscheiden:
a) eine Kopiopia simplex binocularis,
b) eine Kopiopia simplex monocularis.
a) Kopiopia retinalis (simplex) binocularis.
Beide Netzhäute befinden sich in einem Zustande
der unnachhaltigen Function. Der seltnere Fall! Und
am seltensten ergiebt die Untersuchung, dass beide Netz-
häute auch sogar hinsichtlich der Ermüdung an ein
ganz gleiches Zeitmaass geknüpft sind. Früher pflegt
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 209
das eine, später das andere Auge auszuspannen, und
jedes Auge will auch therapeutisch deshalb anders be-
dacht sein.
b) Kopiopia retinalis (simplex) monocularis.
Nur in einem Auge wohnt heimlich die Ermüdung
und nur für dieses haben wir therapeutisch zu sorgen.
Man sollte meinen, dass, wenn das eine Auge nur ver-
sagt, das andere sich um so mehr der dauernden
Thätigkeit widmen, und der Kranke keine, oder doch
nur geringe Behinderung erfahren werde, ja man könnte
erwarten, dass das zweite Auge sich um so functions-
fähiger heranbilden werde, wie wir dies bei Individuen
sehen, deren Geschäft mit Vorzug den Gebrauch eines
einzelnen Auges erheischt.*) Dem ist nun aber bei
unseren Kranken mit Kopiopia monocularis nicht so, und
die Erfahrung lehrt das Gegentheil. Ihr bei derEin-
zelprobe sowohl objectiv wie subjectiv sich fehlerlos
und ausdauernd erweisendes Auge wird bei der gemein-
samen Arbeit mit dem kopiopischen Auge sehr bald von
dem letzteren zur Unterbrechung der Arbeit gezwungen,
und der Kranke befindet sich in Folge dessen, wenn
auch nur scheinbar, in keinem Yortheile vor dem mit
Kopiopia binocularis Behafteten ; ja es kommt dabei als
Besonderheit vor, dass der nur einseitig Kopiopische
als ungerechter Kläger sein gesundes Auge beschuldigt,
*) Die Graveure, Uhrmacher und überhaupt alle Individuen,
welche durch ihren Beruf mit einem (gewöhnlich dem linken)
Auge anhaltend und auch viel durch die Lupe zu arbeiten ver-
anlasst sind, sehen mit diesem Auge sehr scharf, werden dagegen
in grosser Zahl auf dem anderen ruhenden Auge schwachsichtig.
Böhm, Licht - Therapie. 14
210 Die Erfolge der Licht - Therapie.
aufmerksam gemacht durch eine unangenehm drückende
Empfindung, welche gerade dieses Auge vor dem Mo-
ment beschleicht, ehe es sich gezwungener Weise zum
Aufgeben seiner Function herbeilässt.
Das Nachziehen des zweiten gesunden Auges ist
das Werk der binocularen Combination, die in ihrem
heimlichen Verstecke eine viel unheilvollere Rolle spielt,
als man bisher beachtet und danach entsprechende Maass-
regeln getroffen hat. Eine wahre Fundgrube der The-
rapie ist hier noch verborgen, und mit blossem Zu-
theilen von Licht und Schatten an die rechte Stelle ord-
net der Arzt das nutzlos gewordene Sehorgan, gleich
dem Künstler, der im verstimmten Ton-Instrument durch
geringes Spannen einer Saite die Accorde wieder har-
monisch erklingen lässt.
Der ophthalmoscopische Befund.
Bei dem grösseren Theil der Kranken mitKopio-
pia binocularis weist die Untersuchung einen nor-
malen Augengrund nach, und das Leiden ist, in sofern
noch als ein rein functionelles zu betrachten. In
anderen Fällen dagegen nehmen wir schon organische
Veränderungen der Netzhaut wahr, deren Entwickelung
nur noch nicht zu dem Grade gediehen ist, dass da-
durch die Unterscheidung kleiner Gegenstände im weissen
Lichte überhaupt aufgehoben wird. Nur die Dauer der
Auffassung ist im weissen Lichte beschränkt.
Als die am häufigsten vorkommenden Gewebs-Stö-
rungen dieser Art erwähne ich unter Anderen hier nur :
die Ausdehnung und Vermehrung der Retinal-Gefässe, die
Verringerung der Pigmentschicht und das dadurch ermög-
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 211
lichte Hervortreten der Vasa chorioidealia, leichte Exsu-
dat -Ueberzüge, Sclerectasie und mancherlei nicht allzu
dicht gewordene Verdunkelungen der durchsichtigen Me-
dien dicht vor der Retina.
Bei der Kopiopia monocularis können die ge-
nannten und ähnliche Gewebs-Störungen auf der leiden-
den Seite oft schon einen sehr entschiedenen Charakter
angenommen haben und die Unterscheidungskraft des
betreffenden Auges ist dann in entsprechendem Grade
bis zu wahrer Amblyopie gesunken. Die Untersuchung
hat bei der einseitig begründeten Krankheit auch noch
selbstverständlich den Vortheil, dass wir das Verhalten
der gesunden Netzhaut mit dem der kopiopisch oder
amblyopisch gewordenen vergleichen können. In der
Regel stimmt der objective Thatbefund mit dem functio-
nellen Sachverhältnisse, oft aber ist der Befund der Netz-
häute auf beiden Seiten gleich, ja die Fälle sind nicht
selten, wo die ophthalmoscopische Untersuchung irre
führt und das Gegentheil von der Wahrheit zu lehren
scheint, weil die functionelle Störung des einen Auges
mehr in das Gewicht fällt, als die dem Ophthalmoscop
sich aufdeckenden Gewebs-Störungen des anderen Auges.
Ich kann es daher für die Lich-t -Therapie als
Grundsatz aufstellen, dass man seinen Heilplan schon
abschliesse, bevor die innere Untersuchung angestellt
wird, welche möglicher Weise die Urteilsfähigkeit des
Kranken für die anzustellenden Sehversuche schwächt,
auch wenn man keine künstliche Erweiterung seiner
Pupillen vorgenommen hat. Nachträglich angestellt, kann
dann die innere Untersuchung zur genaueren wissen-
schaftlichen Bestimmung des betreffenden Falles das
14*
212 Die Erfolge der Licht -Therapie.
Ihrige beitragen und zur Richtschnur der bisweilen
sonst noch notwendigen therapeutischen Maassregeln
dienen.
Aber vor Allem muss ich bei der Kopiopia mo-
nocularis auf den günstigen Umstand zurückkommen,
dass unerachtet der noch so weit vorgeschrittenen Ent-
wickelung von Gewebs - Störungen auf dem einen Auge,
die uns sonst wohl entmuthigen müssten, die Licht-
Therapie noch in ihrer vollen Wirksamkeit verbleibt.
Der zehnte Theil der ursprünglichen Sehkraft, der bei
einem Fall mit Kopiopia monocularis in der zerstörten
Netzhaut noch wirksam ist, reicht hin, die Function des
gesunden Nebenorgans zu beirren und zu lähmen; aber
der tief genug gegriffene blaue Schatten vor dem kran-
ken Auge, mit einem schwächeren vor dem gesunden
gepaart, ist im Stande, die Netzhäute wieder zu befreun-
den und dem rasch Ermüdenden die ganze Arbeits-
kraft wieder in die Hand zu geben.
Therapie der Kopiopia retinalis (simplex).
Unter dem Einflüsse des weissen Lichtes nur functio-
nell krank geworden, kann die Netzhaut des an Er-
müdung Leidenden auch unter der fortdauernden Ein-
wirkung des weissen Lichtes nichtgenesen. Oder gar
schon gewissen organischen Veränderungen des Seh-
Apparats verfallen , kann der Kranke im weissen Lichte
ein- für allemal keine Dauer mehr entwickeln. Man
ist hier in der That ebensowenig im Stande, durch eine
blosse quantitative Verringerung der Beleuchtung
etwas Namhaftes durchzusetzen, als man sich einer rei-
nen Täuschung hingiebt, wenn man glaubt, durch eine
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 213
recht lange fortgesetzte Schonung der Augen die Gesund-
heit wieder herstellen zu können. Ich stelle hier meine
zwanzigjährige Erfahrung diesem immer wiederkehrenden
Irrthume entgegen, und die vielen wichtigen Entdeckun-
gen, die der Augenspiegel hinzugetragen hat, geben die-
ser meiner Ansicht den festesten objectiven Grund und
Boden. Abgesehen von dem Lästigen, ja für die Meisten
ganz Unausführbaren, was in einer lange gebotenen Un-
thätigkeit liegt, ist mit höchst seltenen Ausnahmen die
Frucht eines solchen negativen Verfahrens kernlos, es
sei denn, dass es sich um die ersten Anfangs - Stadien
der blos functionell begründeten Kopiopie handelt, die
wir aber kaum je zu Gesicht bekommen. Nicht viel
Besseres kann ich von der sogenannten Stärkung der
Augen durch allerlei Einreibungen oder durch die kalte
Douche sagen — Mittel, die viel rationeller klingen, als
sie es sind, die wir immer der Reihe nach wieder auf-
geführt finden, die aber endlich zu Grabe getragen wer-
den müssen.
Eine positive Hülfe muss den Netzhäuten geboten
werden, und eine Einwirkung muss an der rechten Stelle
geschehen, um wenn möglich noch Radicales zu erreichen,
oder da, wo organische Veränderungen schon dazwischen
traten, die Function dennoch wieder nachhaltig zu machen.
Beides leistet der Vertausch des weissen Lichtes mit
dem blauen. Was der Kranke lange Jahre und unter
grossen Opfern und oft in weiter Ferne vergebens
suchte, wird durch die erste passende Beleuchtung der
Netzhäute mit der richtig gestimmten Licht -Nuance
schnell erreicht, und zwar bei den hier besprochenen
Kranken mit reiner Kopiopia retinalis, ohne dass wir
214 Die Erfolge der Licht - Therapie.
den benutzten Gläsern eine andere als eine Plan-Schlei-
fung zu geben benöthigt sind. Einzig und allein die
wahrnehmbarere und doch schonende Eigenschaft
der blauen Strahlen belebt die Netzhäute wieder, und
bewahrt ihre Function vor nachfolgender Erschlaffung.
Indessen ist auch mit der blossen Gradabschattung
des blauen Lichtes für die meisten Fälle von Kopiopie
erst etwas Gutes, aber noch nicht etwas Vollständiges
geschehen. Da die Kopiopia simplex monocularis häufi-
ger vorkommt, und auch bei der Kopiopia binocularis das
Netzhautleiden im rechten und linken Auge verschiedene
Stufen erreicht zu haben pflegt, so kommt es noch auf
die richtige Zusammenstellung der Farbentöne an, damit
jede Netzhaut, van ihrem angemessen schwingenden Lichte
berührt, in dauernder Eintracht mit der Anderen verbleibe,
und dem Kranken zu keinem Ausspannen der Sinnesthätig-
keit Veranlassimg gebe. So wird je nach Umständen:
eine Planbrille in Nuance II oder DI
für den mit massiger Kopiopia simplex binocu-
laris Behafteten,
eine Planbrille in Nuance V oder VI
für den in stärkere Kopiopia simplex binocu-
laris Versunkenen,
in Nuance II rechts,
in Nuance IV links,
für den an Kopiopia simplex monocularis sini-
stra geringeren Grades Leidenden,
™ * .„ I m Nuance IQ links,
eine Planbrille ( . __
( in Nuance vi rechts,
für den durch Kopiopia simplex monocularis
dextra höheren Grades aller Ausdauer Beraubten,
eine Planbrille
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 215
oder eine andere solcher Combinationen zu wählen sein,
damit statt einer bis auf Minuten zusammengeschmolzenen
Sinnesthätigkeit wieder die volle Arbeitskraft in Fluss
gerathe. Und, was dieser Therapie den grössten Triumph
sichert, das anders beflügelte Licht ist bevorzugt, auch
diejenigen Netzhäute in dauernder Schwingung zu er-
halten, welche, nach der ophthalmoscopischen Unter-
suchung von sichtbaren Organisationsfehlern durchwebt,
für das weisse Licht ihre Nachhaltigkeit ein- für alle-
mal versagen.
IL Kopiopia retino - muscularis presbyopica.
Diagnose.
Die Folgen einer zu reizenden Einwirkung des weis-
sen Lichtes bleiben nicht auf die von dessen Strahlen
unmittelbar betroffene Fläche, nicht blos auf die Netz-
haut beschränkt, sondern der von der reflectorischen
Thätigkeit der Netzhaut abhängige Muskel-Apparat
wird mittelbar und wie in einem .zweiten weiteren Kreise
davon berührt. Die Unnachhaltigkeit der Retinal-Func-
tion umgiebt sich mit einer Unnachhaltigkeit des Ein-
stellungs - Vermögens für die Nähe, und so entsteht
noch ein anderer auch vom weissen Lichte verschuldeter
Krankheits-Bereich, den wir in diesem Zusammenhange
der Licht-Therapie vindiciren müssen, der zwar in ver-
steckterer Weise, aber deswegen nicht weniger drückend,
eine zahlreich vertretene Klasse von Leidenden unter
seiner Botmässigkeit hält.
Das weisse Li cht lähmt beim Auge die moto-
rische Kraft fast so viel als das Alter. Woher
216 Die Erfolge der Licht -Therapie.
wohl sonst das Heer von Menschen mit jugendlicher Pres-
byopie, die, noch in den zwanziger Jahren stehend, wohl
ihr ganzes übriges Muskel-System, nur nicht das des
Auges, in nervig ausdauernder Spannung zu erhalten
im Stande sind? Sollten nicht die, — müssen wir uns
sonst vom theoretischen Standpunkt aus fragen — welche
sich unausgesetzt mit nahen und kleinen Objecten be-
schäftigen, wie alle anderen mit Vorzug in Anspruch
genommenen Muskeln, auch ihre Accommodations-Mus-
keln stärker bekommen und functionsfähiger machen?
Und doch sehen- wir nicht diese scheinbar richtige
Schlussfolgerung sich bewahrheiten, und nicht die Myo-
pie, sondern die Presbyopie aus der gespannten Be-
schäftigung mit nahen Gegenständen hervorgehen. Es
liegt eben etwas Anderes dazwischen, was sich gel-
tend macht und diese Schlussfolgerung Lügen straft.
Die von der dauernden Arbeit im weissen Lichte schwach
gewordene Netzhaut lässt auch die von ihr abhängigen
Muskeln schwach werden und ausspannen. Das dem
weissen Lichte schonungslos ausgesetzte Auge wird vor-
zeitig zur Presbyopie getrieben.
Es giebt für diese Anschauung ein bestätigendes
objectives Symptom, auf welches ich bereits früher die
Aufmerksamkeit gelenkt habe, und welches, wie der
fallende Barometer den wachsenden Druck der Luft, so
den steigenden Grad der Ermüdung angiebt, dem der
Accommodations- Apparat im weissen Lichte unterliegt.
Wenn man einen mit Kopiopia presbyopica Behafteten
lesen heisst, und das Schriftblatt von ihm so gehoben
halten lässt, dass man seine Augen bequem beobachten
kann, so nimmt man wahr, wie trotz der Einstellung
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 217
für die Nähe die Pupillen nach einiger Zeit anfangen
sich langsam zu erweitern. Das ist das physiologische
Wahrzeichen vom Ueberhandnehmen der Presbyopie.
Zuletzt kommt ein Moment, in dem sich die Pupillen
plötzlich gross aufthun. Das ist der Beweis, dass der
Kranke nun diesem Vorgange nicht mehr widerstehen
kann. Das objective Symptom trifft genau mit der sub-
jectiv fühlbaren Ermüdung überein. Ein jetzt rasch
vorgeschobenes blaues Planglas — also eine Vermin-
derung der Helligkeit mit qualitativ schonenderem Lichte
— verkleinert die Pupillen, d. h. giebt der Netzhaut
ihre Herrschaft zurück, stärkt in zweiter Linie den
Muskel- Apparat und bringt als Endresultat dem Kranken
dauernd die Nähe wieder.
Bis zu welchem Antheil es sich im einzelnen Falle
noch um die primäre Kopiopia retinalis handelt und
bis zu welchem Grade durch die Einwirkung des Lichtes
die secundäre Kopiopia muscularis sich hinzugesellt, ja
sogar zur Hauptsache werden kann, das hängt vollkom-
men von der individuellen Disposition des Kranken ab.
Die grösste Verschiedenheit spricht sich hier that-
sächlich aus, und jeder einzelne Fall ist sorgfältig zu
ermitteln, weil sonst die Therapie der Genauigkeit ent-
behrt und den zweierlei Bedürfnissen des Kranken nur
annäherungsweise zu entsprechen vermag. Auch bei
der Kopiopia presbyopica kann die pathogenetische Ent-
wickelung von beiden Netzhäuten gleichzeitig ausgehen.
Daher
a) Kopiopia presbyopica binocularis,
oder der Krankheitsheerd ist, und zwar in der
Mehrzahl in dem einen Auge zu suchen, wäh-
218 Die Erfolge der Licht -Therapie.
rend das andere Auge in Weitsichtigkeit und Er-
müdung secundär hineingezogen wird,
b) Kopiopia presbyopica monocularis.
Therapie der Kopiopia presbyopica.
Je genauer der Augenarzt einen Fall von Kopiopia
presbyopica zergliedert, und sich über dessen Einzelhei-
ten durch geeignete Sehversuche Klarheit zu verschaffen
bemüht ist, desto eingehender und desto gemässig-
ter kann die Wahl der Augengläser werden, um beiden
Schwächen gerecht zu werden, die sich verschwisterten,
und von denen die eine die andere nach sich zog.
Die optische Einrichtung kann sich noch auf die
blosse qualitative Abänderung des Lichtes beschränken,
wo das Muskel -Leiden nur angebahnt ist, und deshalb
auch erst mitzusprechen beginnt, nachdem das weisse
Licht Gelegenheit hatte, der Netzhaut eine Weile hin-
durch lästig zu werden. Ein blaues Glasscheibchen ohne
alle Wölbung giebt hier der Netzhaut nicht nur die
eigene Ruhe, sondern auch die volle Beherrschung der
Accommodation für die Nähe wieder zurück. Die Hin-
zufügung einer Convex-Schleifung würde dem nur schein-
bar schon weitsichtigen Kranken — wenn anders der-
selbe nicht davon die Belästigung verspürt und aus eige-
nem Antriebe Abstand nimmt — jedenfalls zuviel und
in sofern eine schädliche Unterstützung gewähren.
Die optische Einrichtung muss schon combinirter
werden und neben der qualitativen Licht- Aenderung sich
auch der Lichtbrechung (der Convex-Schleifung) da be-
dienen, wo das secundäre Muskel-Leiden zu einer reife-
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 219
ren Entwickelung und mit der Zeit zur Selbstständigkeit
gelangte.
Die optische Einrichtung muss aber noch combinir-
ter und der blaue Lichtstrahl in dem einen der beiden
Convexgläser intensiver zuertheilt werden, wenn nur die
eine Netzhaut den Ausgangspunkt der beiderseitigen
Kopiopie und Presbyopie bildet, und wenn man sich
überzeugt, dass nur die eine Netzhaut in ihrer Auf-
fassungskraft für die Formen wesentlich gesunken, in
ihrer Reizbarkeit gegen die Lichtquantität aber dieselbe
geblieben, ja vielleicht gar gesteigert ist.
Nach diesen in der Pathologie begründeten und das
Schicksal des Kranken bestimmenden Verschiedenheiten
werden folgende des Beispiels wegen anzuführende
Licht-Verordnungen verständlich sein, welche ich,
jede an ihrem Orte, als zuverlässige Hülfe gegen die Ko-
piopia presbyopica bewährt gefunden habe:
1. Eine Planbrille beiderseitsin Nuance IV
wird für einen Kranken zu wählen sein, dessen beide
Netzhäute — gleichviel, ob dieselben unter dem Ophthal-
moscop gesund oder von leichten Organisationsfehlern
befallen erscheinen — thatsächlich an Kopiopia leiden,
und welcher von einer secundär hinzutretenden Presbyo-
pie zu leiden hat, die ihn veranlasst, das vom weissen
Lichte beleuchtete Schriftblatt während des Lesens all-
mählich immer weiter und endlich so weit abzurücken,
bis die Buchstaben, unerachtet aller Anstrengung, ihm
unkenntlich werden. Unter dem nur qualitativ ge-
änderten Lichte hört die Sehweite auf, sich ungebührlich
hinauszuschieben und die volle Ausdauer ist gesichert.
2. Eine Planbrille nur links in Nuance V
220 D* e Erfolge der Licht -Therapie.
ist das therapeutische Mittel da, wo nur in der linken
Netzhaut eine Kopiopia wohnt, eine Weitsichtigkeit und
Ermüdung beider Augen aber von dort aus heimlich
eingeleitet wird. Unter dem quantitativ verringerten, aber
qualitativ belebenderen Lichte bleibt das linke Auge trotz
der Gewebs- Störungen, die etwa der Augenspiegel in
seiner Netzhaut oft schon recht stark entwickelt zeigt,
oder unerachtet der Nubecula, oder Cataracta incipiens,
die wir bei seitlicher Beleuchtung zu entdecken vermögen,
so in gehobener Stimmung, dass die binoculare Combi-
nation ohne Hinderniss dauernd von Statten gehen, und
dass die beiderseitige Accommodation für die Nähe
in ungeschwächter Kraft sich bewähren kann.
Unterwerfen wir in einem solchen Falle von Kopio-
pia presbyopica monocularis das mit dem tieferen Blau
bedachte linke Auge versuchsweise der Einzelprobe, so
zeigt sich oft, dass dasselbe auch unter der gewährten
Hülfe für seine eigene Function unrettbar verloren
ist (vergl. S. 119) und z. B. das Lesen aufgeben muss.
Unsere Absicht geht auch nur dahin, dass nicht auch
die rechte in sich gesunde oder doch fehlerfreie Netz-
haut auf Umwegen von Kopiopia und Presbyopia vom
linken Auge aus bezwungen werde. Und dies gelingt
auf eine für den Kranken selbst höchst überraschende
Weise. Denn von dem Moment ab, wo wir zur Gegen-
probe sein linkes, wie er selbst weiss, zum Lesen unfä-
higes Auge den weissen Lichtstrahlen wieder aussetzen,
oder wo wir das blaue Scheibchen statt des linken, sei-
nem rechten Auge vorlegen, zieht ohne Weiteres die
beiderseitige Presbyopie wieder ein, um mit Kopiopie
zu endigen.
4. Eine Convex-Brille <
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 221
3. Eine Convex-Brille No. 60. in Nuance HI
ist die combinirte Licht -Verordnung da, wo die Kopio-
pia retinalis beider unter dem Ophthalmoscop sich nor-
mal ausnehmenden Augen schon mit einer selbstständi-
gen Presbyopie complicirt wurde, weil dem Kranken die
vielleicht schon seit Jahren nothwendig gewesene Plan-
Brille in Nuance III bei seiner blendenden Beschäftigung
gefehlt hatte.
-f- 40 in II rechts,
+ 40 in VI links,
ist die noch combinirtere Verordnung für einen Kranken,
dessen rechtes Auge z. B. organisch ganz gesund, dessen
linkes Auge aber auf der Netzhaut weisse Inseln als
deutliche Spuren einer längst abgelaufenen Retinitis ex-
sudativa, oder traubenartige schwarze Conglomerate als
das Product einer Gefäss-Thrombose entdecken lässt. Die
in sehr verschieden dunklen Bündeln den beiden Netz-
häuten zugeführten Lichtstrahlen bringen zwar keine
Genesung, aber eine gegenseitige Verträglichkeit der
Augen, und mit dieser eine unermüdliche Arbeitskraft
zurück.
III. Kopiopia retino-muscularis myopica.
Diagnose.
Im grellsten Gegensatze zu den eben beschriebenen
von der Kopiopia presbyopica Bezwungenen giebt es
eine Klasse von Ermüdenden, welche ihr Bestreben, so
spät als nur möglich von der Arbeit abzulassen, dadurch
verwirklichen, dass sie ihre Augen dem Sehobject
in immer stärkerem Grade näher bringen, bis
sie, der Eine früher, der Andere später, auf dem kür-
222 Die Erfolge der Licht - Therapie.
zesten Abstände angelangt, die zum Ausruhen nöthige
Pause nicht mehr abweisen können.
Geschieht diese Annäherung bei denen, die noch
im Anfange der Krankheit sich befinden, während der
Tagesbeleuchtung so allmählich und unvermerkt,
dass darüber eine Stunde und wohl noch mehr Zeit verrin-
nen kann, und dass weder die Kranken selbst davon ein
Bewusstsein haben, noch Andere, die sich in ihrer Nähe
befinden, davon Kenntniss nehmen : so macht sich diese
charakteristische Annäherung bei der weiteren Entwicke-
lung der Kopiopia myopica immer auffälliger geltend.
Bei künstlicher Beleuchtung sind sogar alle auch
die frühesten Anfänger dieser Kopiopia bei einiger Auf-
merksamkeit kaum zu verkennen. So rasch bewältigt
sie das chromatische Licht.
Dem Volke gelten diese eigenthümlichen progres-
siv der Sehferne verlustig gehenden Augenkranken für
wahre Kurzsichtige, und zwar für selbstverschul-
dete. „Denn sie können ja thatsächlich weit sehen,
„und so kann es auch nur Unachtsamkeit auf sich selbst,
„so muss es Angewohnheit sein, welche sie bei ihrer
„Beschäftigung den Sehobjecten immer näher rücken
„lässt. Kinder aber müssen fleissig ermahnt, und wenn
„anders dies nichts hilft, pädagogisch von dieser Unart
„geheilt werden."
Auch die ärztliche Kunst hat sich dieser die Myopie
gezwungener Weise simulirenden zahlreichen Kranken
eben nicht allzu sorglich angenommen, sie nicht als eine
besondere Klasse von Lichtkranken gekennzeichnet,
um sie den eigentlichen Accommodations-Kranken
diagnostisch gegenüber zu stellen; die Therapie hat sie
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 223
nirgends in Rücksicht auf das aetiologische Moment
zweckmässig bedacht. Selbst das Tenotom konnte, ohne
Widerspruch zu finden, seine Ueb ergriffe machen, damit
der „Muskel-Krampf" gehoben werde, der vermeint-
lich daran Schuld sei, dass das mit freier Sehkraft be-
gabte Auge in immer wachsendem Grade in die Nähe
der Sehobjecte herangedrängt werde.*)
Der wahre Grund, weshalb die Kranken mit Ko-
piopia myopica sich in scheinbar ungebührlicher Weise
dem Sehobject nähern, liegt darin, dass ihre Netzhaut,
nach Verlauf einer gewissen Zeit im weissen Lichte
unfähig geworden, kleine Gegenstände genau zu unter-
scheiden, durch gesteigerte Annäherung eine stärkere
Beleuchtung, einen erhöhten Sinnesreiz erstrebt, um neue
Frist zu gewinnen, während deren sie unter einem grös-
seren Gesichtswinkel ihre Thätigkeit noch fortzusetzen
im Stande ist. Der erhöhte Reiz bleibt aber rück-
sichtlich seiner Schädlichkeit derselbe, ja diese schärft
sich in gleichem Grade mit der wachsenden Annäherung,
treibt immer von Neuem zur Steigerung der Aushülfe,
bis diese, erschöpft, die endliche Ermüdung nicht mehr
abzuweisen vermag.
Lange habe ich angestanden, den Namen Kopio-
pia myopica für diese Licht-Kranken zu wählen, da
es sich streng genommen mehr um eine Pseudomyopie
handelt. Indessen wird durch diese Benennung am ent-
schiedensten der Gegensatz zu den vorher beschriebenen
Kranken angedeutet, welche durch rasch anwachsenden
*) Sichel's Ansicht über die Entstehung der Augenermüdung
und deren operative Heilung.
224 Die Erfolge der Licht - Therapie.
Nachlass ihrer Accommodations-Muskeln und also durch
Presbyopie zum Ausruhen gezwungen werden; anderer-
seits spricht für die Zweckmässigkeit dieser Benennung
der Umstand, dass eine sehr namhafte Zahl der
Individuen von wirklich myopischem Bau die-
ser Art von Ermüdung anheimfallen. Der ohne-
hin schon nicht ergiebige Fernpunkt dieser Accommo-
dations - Kranken wird durch die kaum vermeidliche
Ueberreizung ihrer Netzhaut im weissen Lichte (vergl.
Seite 139 und 146) progressiv noch mehr verkürzt, und
das Einschreiten Seitens der Therapie nicht nur durch
Lichtbrechung (Concav - Gläser) , sondern auch durch
qualitative Lichtänderung ist das einzige Mittel gegen
die dem myopischen Bau sich noch hinzugesellende
Kopiopie.
Endlich muss ich zur Charakterisirung der Kranken
mit Kopiopia retino - muscularis myopica auf die That-
sache zurückkommen, dass auch bei ihnen nicht immer
die beiden Netzhäute den gemeinsamen Ausgangspunkt
zur Ermüdung abgeben, dass es sich nicht immer um eine
a) Kopiopia myopica binocularis
handelt, sondern dass in den meisten Fällen nur die
eine Netzhaut die ganze Schuld trägt, so dass ledig-
lich eine
b) Kopiopia myopica monocularis
den Krankheits zustand bildet. Nur die eine Netzhaut
bahnt die Ermüdung an, sei es, dass sie von einem un-
regelmässig zerstreuten Lichte getroffen wird , wozu das
schwächste Hornhautwölkchen, die leiseste Linsentrü-
bung Veranlassung geben kann, sei es, dass die eine
der Netzhäute selbst von zarten Organisationsfehlern be-
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 225
fallen , zwar für kurze Zeit in dem weissen Lichte noch
genügend unterscheidet, dem dauernden Begegnen des-
selben aber abhold geworden ist.
Therapie der Kopiopia myopica.
Je nachdem bei der Prüfung durch blosse Sehver-
suche und oft auch noch durch die bestätigenden Er-
gebnisse der Ophthalmoscopie sich feststellen lässt, dass
der eine oder der andere der angeführten ätiologischen
Verhältnisse den Verlust der Sehferne herbeiführte und zur
Ermüdung trieb, entwickelt sich für die allen sonstigen
Heilmitteln oft genug unzugänglich gewordenen Kran-
ken eine eben so einfache als im Einzelnen individua-
lisirbare Hülfe.
1 . Eine Plan-Brille in Nuance II oder III bringt dem
mit normalem Bau des Auges begabten, aber von leichter
Kopiopia myopica heimgesuchten und deshalb besonders
bei der künstlichen Beleuchtung belästigten Kranken
die natürliche Sehweite und mit ihr die Ausdauer
zurück.
2. Eine Plan-Brille in Nuance IV, V oder VI ver-
hilft dem , seines normalen Baues der Augen unerachtet,
durch arge Kopiopie schon bei Tage und nach Minuten
bis auf wenige Zoll an sein Arbeitsobject herangedräng-
ten Kranken sofort zur natürlichen Sehweite und mit
ihr zu der lange vermissten zwanglosen Thätigkeit.
3. Eine Plan-Brille
(in IV, V oder VI links, ist
bei einer, des normalen Baues beider Augen unerach-
tet, sich rasch einstellenden Kopiopia myopica monocu-
laris sinistra das zuverlässig helfende Mittel.
Böhm, Licht - Therapie. 15
226 Die Erfolge der Licht -Therapie.
4. Eine Concav - Brille No. 40. in IV kann dem
durch seine massige Myopie zur grössten Ausdauer Be-
rechtigten, aber durch Kopiopie dieses Vorzugs eben so
vollständig Beraubten durch keine andere therapeutische
Maassregel ersetzt werden.
5. Eine Concav - Brille No. 15. | * " ""J*
( in VI rechts, ver-
setzt ohne Verzug und ohne Nachtheil einen Augen-
leidenden in rüstige Thätigkeit, der, ursprünglich von
hereditärem myopischen Bau, in seinen mittleren Lebens-
jahren von Kopiopia myopica dextra befallen, unter den
vergeblichen Versuchen seiner radicalen Besserung, an
körperlicher und geistiger Energie einbüsste, und nach
noch so langer Schonung seiner Augen sich schliesslich
zum Aufgeben seines Berufes verurtheilt sah.
IV. Kopiopia dolorosa.
Diagnose.
Noch eine vierte Klasse von Kranken mit Augen-
Ermüdung ist diagnostisch zu scheiden, welche fast nicht
mehr in das pathologische Gebiet des Gesichts - Sinnes
zu gehören scheinen, weil sie des dauernden Gebrauchs
ihrer Augen beraubt sind, ohne dass dabei der Verlust
der Sehschärfe, wie bei den übrigen Kopiopischen, schliess-
lich den Ausschlag giebt. Im Gegentheil das Gesichts-
bild bleibt ihnen bis zum letzten Augenblick deutlich,
und die Notwendigkeit zur Unterbrechung im Sehen
tritt dennoch ein.
Denn nicht in dem zur ersten Entwerfung des Bil-
des geschaffenen sensuellen, auch nicht in dem zur
Schärfung des näher oder ferner liegenden Bildes be-
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 227
stimmten motorischen, sondern in dem nur loser an
das Auge geknüpften Nervengebiet der Sensibilität
wohnt der Zwang, der mit der Modifieirung des Bildes
nichts zu schaffen hat und dennoch auf seinen vielen
dem Anatomen bekannten Bahnen zur Einschränkung der
optischen Thätigkeit mahnt und zum Ausruhen nöthigt.
Unangenehme, vom Auge aus das sensible Ner-
vensystem durchziehende, in ihrer Eigenthümlichkeit
oft nicht zu beschreibende, oder bis zu jähem Schmerze
sich schärfende Empfindungen sind die Zwangsmit-
tel, denen der Kranke nicht widerstehen kann, sondern
durch Ausruhen gehorchen muss, wenn derselbe noch
so sehr wünscht, sich für die Dauer seiner Augen zu
bedienen. Und diese Empfindungen oder Schmerzen
üben um so unbeschränkter ihre Herrschaft aus, je wi-
derstandsloser das Nervensystem des einzelnen Kranken
in seiner Totalität ist. Deshalb findet die Kopiopia do-
lorosa erklärlicher Weise unter den Hysterischen und
Hypochondrischen einen eben so fruchtbaren Boden als
sonderbare Bahnverzweigungen, und ist man in der That
der Wahrheit nicht allzu fern gewesen, wenn man schon
öfters von einer Augen-Hysterie oder Augen-Hypochon-
drie gesprochen hat, ohne darauf bedacht zu sein, gegen
diesen wohlbegründeten Nervenzustand auch vom Auge
aus eine entsprechende Erleichterung oder durchgrei-
fende Hülfe zu bereiten.
Bei der Beschreibung der Kopiopia dolorosa muss
ich im Uebrigen auf dasjenige zurückverweisen, was ich
bereits in dem Capitel 1X5. über den Augenschmerz,
über dessen häutige Entstehung aus der tiefer stehenden
Thätigkeit der einen Netzhaut, über dessen irreleiten-
15*
228 Die Erfolge der Licht -Therapie.
des Erscheinen auf der gesunden Seite, und über dessen
Begründung in der schwierigen Combination der beider-
seitigen Bilder bemerkt, so wie über die Wirkung des
blauen Lichtes auf diese Verhältnisse mitgetheilt habe,
, woraus hervorgeht , dass es sich der Entstehung nach
nicht nur um eine
Kopiopia dolorosa binocularis,
sondern häufiger noch um eine
Kopiopia dolorosa monocularis
und deren rationelle Heilung handelt.
Therapie der Kopiopia dolorosa.
Verringerung oder Unterbrechung der Arbeit und
schlimmsten Falls das gänzliche Schliessen der Augen
sind freilich das selbstverständliche Mittel, den Reizun-
gen ein Ende zu machen, welche meist nur die Gegend
der Orbita und die Stirn umziehen, oft aber auch auf
den Wegen der sensiblen Nerven bis weit durch den
Körper ausströmen, bis in den Nacken und in die Fin-
gerspitzen gelangen, bis in den Magen und das Ganglien-
System des Unterleibs getragen werden, und dort Uebel-
keit und sonstige Empfindungen erregen, deren nähere
Erörterung die Grenzen dieser Arbeit überschreiten wür-
de, und worüber wir in Romberg's Werk über Ner-
venkrankheiten eine lebendige Schilderung erhalten.
Das qualitativ geänderte Licht, welches die Netz-
häute milde und schonend berührt und, in verschiedenen
Nuancen nebeneinander dargeboten, die Disharmonie der
Sinnesthätigkeit ausgleicht, ist das positive Mittel,
um die mannigfachsten und wunderbarsten Reizungen
zu besänftigen und zu heilen, ohne dass die Kran-
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 229
ken der Schonung bedürfen und der gezwun-
genen Ruhe anheim zu fallen brauchen. Denn
Arbeit unter der richtigen Unterstützung gilt auch hier,
wie bei jedem Organ, das wir der Genesung zuführen
wollen, mehr denn die Ruhe, und die wiedergegebene
Möglichkeit zur Beschäftigung und zur Zerstreuung ist
namentlich nervösen Individuen eine der wichtigsten Be-
dingungen zu ihrem neuen Gedeihen.
So wird es nicht mehr irrationell erscheinen, wenn
wir dem blauen Lichte die Fähigkeit zutrauen, dass es
als eine besondere Kraft sein eng umgrenztes Wirkungs-
gebiet überschreitet, und auf weit liegende Gegenden
der erregten sensitiven Nervensphäre als Heilmittel Ein-
fluss hat.
Eine Plan-Brille in der geeigneten Nuance wird
dies leisten bei Kopiopia dolorosa binocularis.
('— 60 in II rechts,
Eine Concav-Brille _ . , TrTT ,. ,
( — 60 in VIII links, be-
freite unter Anderen eine schwach myopische Kranke,
welche nach heftiger innerer Ophthalmie seit einem De-
cennium die Sehkraft ihres linken Auges bis auf die
blosse allgemeine Lichtwahrnehmung eingebüsst hatte,
von namhaften Kopfschmerzen. Das tief blaue Licht,
welches die kaum noch empfindende Netzhaut traf, lei-
stete positiv, was durch ein dauerndes Versetzen des
kranken Auges in absolute Dunkelheit nicht hatte be-
wirkt werden können.
230 Die Erfolge der Licht- Therapie.
Casuistik.
Fall 36 bis 40.
Fall 36.
Kopiopia retinalis des linken Auges; dieselbe Af-
fection des rechten aus binocularer Combinations-
Störung; Hülfe für beide Augen durch entspre-
chende Grade blauen Lichtes.
Fräulein Röstel, 29 Jahre alt, aus Märkisch Friedland,
war bereits seit Jahresfrist zur Unthätigkeit gezwungen. Die
Leistungen ihres Gesichts waren für den Tag erschöpft, wenn
sie am Morgen eine 'halbe Stunde gelesen hatte. Ein Flim-
mern vor dem linken Auge und zeitenweise Erscheinung
eines runden wolkigen Fleckes im Gesichtsfelde hatte die
Kranke als besondere Erscheinungen hervorzuheben. Vor
Allem aber musste sie jedes helle Tages- oder künstliche
Abendlicht sorgfältig meiden, wenn ihre Augen nicht nach-
träglich lange an Ueberreizung leiden sollten.
Die Verschlimmerung, welche sich jedesmal vor der Zeit
der Menses einstellte, rechtfertigte wohl die Ansicht, dass
das Uebel aus Congestion hervorgegangen sei, und bei der
Ophthalmoscopie gab sich auch eine zu starke Ueberfüllung
der Retinal -Gefässe zu erkennen. Nichtsdestoweniger waren
alle noch so richtig auf diese Aetiologie berechneten und
streng durchgeführten Kunstmittel, sowie das Verbot jeglicher
Beschäftigung leider ohne allen Erfolg auf eine Herabstim-
mung des Uebels geblieben.
Die Anschauung des Falles von meinem therapeutischen
Standpunkte aus war: gesunkene Unterscheidungskraft der
linken Netzhaut bei verhältnissmässig erhöhter Empfindlich-
keit derselben gegen das Licht, und von dort aus durch
Combinations- Störung erzwungene Unbrauchbarkeit der ge-
sunden rechten Netzhaut für dauernde Beschäftigung. Ein
kurzer Leseversuch mit jedem Auge einzeln überzeugte auch
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 231
bald die Kranke, dass ihr linkes Auge weniger deutlich und
nur unter beständiger Gewährung von Ruhepunkten unter-
scheiden konnte. Sie erhielt darauf hin:
Planglas in Nuance IV rechts,
Planglas in Nuance VI links.
Die Befähigung zur andauerndsten Beschäftigung mit
den feinsten Handarbeiten war das unmittelbar gewonnene
Ergebniss dieser palliativ eingeleiteten Kur. Der absichtlich
gewählte Aufenthalt im Theater und in anderen hell erleuch-
teten Räumen wurde eben so leicht ertragen, als sich die
früheren Erscheinungen der Reizung auf die Spitze treiben
Hessen, sobald die Kranke sich die verordnete Brille so vor-
hielt, dass das dunklere und hellere Glas vor die falsche
Seite gelangte.
Durch die Ausgleichung der Störung im binocularen
Sehen vermittels des entsprechenden in blosse Plangläser
gelegten Doppel-Lichtes leitete sich bei der Kranken schon
während weniger Wochen ihres hiesigen Aufenthaltes eine
radicale Besserung ein, so dass das Zeitmaass sich merklich
verlängerte, während welches sie sich auch ohne die Brille
mit Lesen und weiblichen Handarbeiten beschäftigen konnte.
Fall 37.
Kopiopia retinalis monocularis sinistra; Hülfe
durch ein nur links verwendetes Planglas
in Nuance V.
Carl Ideler, 14 Jahre alt, hatte von frühster Jugend
her ein schwaches linkes Auge gehabt, ohne dass daraus
allgemeine Sehstörungen früher als in den letzten andert-
halb Jahren entstanden waren.
Bei der Untersuchung im Herbst 1856 las das kranke
Auge nur bis No. 9. der Büchler'schen und bis No. 11. der
Jäger'schen Schriftproben. Das Durchlaufen einer einzigen
Zeile genügte, um die Leistungen des Auges vollkommen zu
erschöpfen. Die Anwendung des Ophthalmoscops Hess ein
gering bogenförmiges Aufsteigen der Gefässe aus der Papilla
232 Die Erfolge der Licht -Therapie.
optica deutlich erkennen. Derselbe Umstand fand sich in-
dessen auch im gesunden Auge vor. Ein Planglas in
Nuance V verdeutlichte dem Auge die Buchstaben nicht
unerheblich und liess auch die Ermüdung erst nach vier
Zeilen eintreten.
Der junge Gymnasiast verspürte nun beim Tageslichte
nicht die geringste Gesichts-Störung. Desto mehr aber lehnte
sich bei künstlicher Beleuchtung das linke Auge gegen jede
Beschäftigung auf, und nahm durch Beirrung des binocularen
Sehens das rechte Auge so mit in das Geleit, dass Ideler
seit den letzten anderthalb Jahren von jeglicher abendlichen
Beschäftigung hatte Abstand nehmen müssen. Ein auch noch
so kurz angestellter Versuch strafte sich jedesmal durch
Druck und Reizung beider Augen, und durch andauernde
Migräne am nächstfolgenden Morgen. Viele Theorieen und
manche Versuche mit Brillen waren an der Beseitigung die-
ses zeitraubenden Augenübels gescheitert.
Das linke Auge, ohne Zweifel der Ausgangspunkt der
als Ermüdung in die Erscheinung tretenden binocularen
Sehstörung, war allein zu berücksichtigen und erhielt das
bereits oben erwähnte Planglas No. V. Das rechte Auge
blieb ganz frei. Fünf Stunden hatte der auf den Erfolg
gespannte Kranke am ersten Abend bei der üblichen Lam-
penbeleuchtung eifrig gelesen, und noch harrte er vergeblich
auf die leiseste Mahnung, dass es Zeit sei, seinen Augen
Ruhe zu gönnen. Deutlich hatte er das Gefühl, dass bei
dem qualitativ geänderten Lichte sich das linke Auge zur
Arbeit einlegte, und jeder Gewinn schwand, so oft er ver-
suchsweise dasselbe Glas dem rechten Auge anbot.
Alle späteren in vierwöchentlichen Zwischenräumen ge-
gebenen Berichte dienten nur zur Bestätigung eines so gün-
stigen und doch so leicht gewonnenen Ergebnisses. Auch
eine radicale Besserung blieb nicht aus. Das bis dahin am
Tage schlummernde und am Abend durch Widerspen-
stigkeit sich geltend machende Auge erholte sich und
hatte sich, nach den letzten Berichten, von der Ermüdung,
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 233
die ihm früher schon nach einer Zeile Zwang angelegt hatte,
bis auf die Dauer von drei bis vier Minuten frei gemacht.
Fall 38.
Im rechten Auge begründete Kopiopia retinalis.
Scala des Wirkungs- Vermögens blau nüancirter
Plangläser, Dauer und Ferne zu geben.
Der Schlosser S ehern y hatte, wiewohl er kaum in
das mittlere Lebensalter getreten war, seit den letzten fünf
Jahren ein entschiedenes Rückschreiten seiner Sehkraft be-
merkt, so dass er schliesslich nicht weiter als acht Zoll von
seinem Werkstück entfernt sein durfte, um mit der not-
wendigen Ausdauer sein Geschäft treiben zu können. Durch
angestrengtes und in Zeiten drohender Kriegsgefahr viele
Nächte hindurch fortgesetztes Arbeiten in der Gewehrfabrik
zu Suhl war sein Augenleiden zuerst eingeleitet worden.
Scherny hatte bis auf den Tag seiner ärztlichen Un-
tersuchung keine Ahnung davon gehabt, dass die Ursache
seiner Gesichtsschwäche nur in seinem rechten Auge lag.
Bei der Erprobung, welche ich an einem sonnenhellen Mor-
gen mit jedem Auge einzeln anstellte, las das linke dauernd
und in normaler Sehweite. Das rechte Auge aber las nur
bis auf
»5 Zoll Entfernung und 15 Secunden Dauer",
mit vorgelegtem Planglas in Nuance III
12 Zoll Entfernung, 2 Minuten Dauer,
mit vorgelegtem Planglas in Nuance IV
16 Zoll Entfernung, 6 Minuten Dauer,
mit vorgelegtem Planglas in Nuance V
22 Zoll Entfernung und mit bleibender Dauer;
mit vorgelegtem Planglas in Nuance VI
verminderte sich dem rechten Auge wieder Entfernung
und Dauer, weil dasselbe, nach des Kranken eigener
Aussage, statt lichtmildernd, zu lichtraubend und des-
halb anstrengend wirkte.
Nach diesen Ermittelungen über das ermüdende rechte
•234 Die Erfolge der Licht -Therapie.
und gesunde linke Auge galt es. das erstere zu unterstützen
und das letztere vor einer Combinations - Störung zu be-
wahren.
Durch eine Licht -Combination mittels
Planglas in Nuance II links,
Planglas in Nuance V rechts,
wurde diesem doppelten Bedürfniss so vollkommen entspro-
chen, dass der Kranke behaglich und ohne überhand neh-
mendes Flimmern dauernd lesen und als tüchtiger Arbeiter
seinem Berufe zurückgegeben werden konnte.
Fall 3 9.
Kopiopia retino-muscularis presbyopica des lin-
ken Auges. Hülfe durch Conv ex-Brille No. 50.,
deren linkes Glas um zwei Nuancen tiefer
abgeschattet war.
Fräulein Pfefferkorn wusste, dass sie schon aus der
Kindheit her an Schwachsichtigkeit des linken Auges ge-
litten hatte. Dasselbe war zum Erkennen gewöhnlicher
Druckschrift unfähig, las jedoch durch Convex-Glas No. 50.
in Nuance III zwei Zeilen, mit -f 50 in IV drei, mit + 50
in V vier Zeilen, um dann freilich auf lange Zeit der Er-
holung zu bedürfen.
Diese längst gewohnte Schwäche des linken Auges
würde die Kranke nicht veranlasst haben, ärztlichen Rath
einzuholen, wenn davon keine Ueberwirkung auf das andere
Auge erfolgt wäre. Auch das rechte Auge wurde, obgleich
die Kranke das zweiundzwanzigste Jahr noch nicht erreicht
hatte, durch binoculare Störung Anfangs in Presbyopie und
durch diese schliesslich in solche Kopiopie nachgezogen,
dass nach Durchlesen einer einzigen Seite, unter schmerz-
hafter Empfindung im linken Auge, gänzliche Ermüdung
erfolgte.
Die genau zutreffende Licht-Therapie Hess mich wenig-
stens , wie in ungemein vielen analogen Fällen , keinen an-
deren Rücksrhluss auf die Pathogenie machen. Denn als
Das blaue Licht gewährt die Dauer. 235
ich die Kranke zunächst mit Convex - Gläsern No. 50. in
Nuance II versah , entsprachen diese der einmal vorhande-
nen Weitsichtigkeit, indem sie die nahen Objecte genügend
verdeutlichten, aber weder schwand das Schmerzgefühl des
linken Auges, noch wurde die Ermüdung dadurch wesentlich
gebessert. Erst mit der dunkleren Abschattung des linken
Convex -Glases durch die wahrnehmbarere und schonender
wirkende Nuance V, oder mit anderen Worten: erst durch
eine der gestörten Combination abhelfende zwiefache cen-
trale Beleuchtung trat eine so klare Anschauung der nahen
Objecte ein, dass jeder Schmerz des linken Auges schwieg
und die Fähigkeit zu unausgesetzt dauernder Beschäftigung
gewonnen wurde.
Jeder therapeutische Gegenversuch, der nicht auf dem
oben angenommenen pathogenetischen Rückschluss basirt
war, misslang. Stärkere Convex-G läser als No. 50. störten
durch Vergrösserung ; Convex -Gläser No. 50., beide in
Nuance V, hinderten durch Lichtberaubung. Das Umkehren
der einmal als hülfreich befundenen Brille,
-f 50 in Nuance II rechts,
-f 50 in Nuance V links,
steigerte sogar Schmerzgefühl und Ermüdung in auffallen-
der Weise.
Fall 40.
Kopiopiaretino-muscularis myopica sinistra. Ein
blaues Planglas in Nuance IV, nur dem linken
Auge vorgelegt, gewährt beiden Augen die
Ferne und die Ausdauer.
Der Schneider Bier mann, 25 Jahre alt, wurde, als er
nach Ablauf seiner Militair-Jahre zu seiner Gewerksthätig-
keit zurückkehrte, von der Wahrnehmung überrascht, dass
ihn sein früher sehr gutes und ausdauerndes Sehvermögen
gänzlich verlassen hatte.
Liess ich den Kranken, um die Art seiner Kopio-
pie zu ermitteln, lesen, so war es ihm Anfangs bequem,
236 Die Erfolge der Licht -Therapie.
das Schriftblatt bis auf zwei Fuss entfernt zu halten. Bald
aber meldete sich ein Gefühl von Druck in seinem linken
Auge, dem er dadurch entging, dass er sich unwillkürlich
von Minute zu Minute dem Schriftblatt mehr näherte. Nach
einer viertel Stunde bei acht Zoll angelangt, wurden ihm
die Buchstaben aber unklar, und alsbald hörte die Möglich-
keit zu lesen ganz auf.
Bei der Einzelprobe der Augen erwiess sich, dass das
linke vorher schon durch das Gefühl von Druck mir ver-
dächtig gewordene Auge nur halb so weit als das rechte
las. Ophthalmoscopisch untersucht zeigte sich dasselbe voll-
kommen gesund, aber reizbarer gegen das Licht als das
andere Auge. An ihm allein hatte die Licht-Therapie ihre
Aufgabe zu lösen.
Unter einer Brille
Plan in Nuance IV links,
Plan III in Weiss rechts,
erweiterten die Augen gemeinsam ihre Sehweite beim Lesen
sofort von zwei bis auf drei Fuss, und die früher aneinan-
der gereiheten Symptome — Druck im linken Auge, wach-
sende Einschränkung der Sehweite und Ermüdung — kamen
nicht mehr zur Verwirklichung. Mit der Darreichung eines
einzigen blauen Glasscheibchens war Alles gewonnen, wo-
nach der Kranke unter vielen Versuchen der älteren The-
rapie ein ganzes Jahr vergeblich gestrebt hatte. Statt nach
der ersten Morgenstunde schon erschöpft zu sein, war es
ihm unbenommen, bis zur späten Abendzeit seiner Beschäf-
tigung obzuliegen.
-OQ-
Andeutung der äussersten Grenze der
Licht -Therapie.
Ijei der immer wachsenden Zahl günstiger therapeu-
tischer Erfahrungen, welche ich hinsichtlich der Wirkung
des farbigen Lichtes in jüngster Zeit zu machen Gelegen-
heit hatte, drängte sich mir lebhaft auch die Frage über
die Grenze auf, bis zu welcher ein erblindendes Auge
wohl noch fortfahre auf sein gesundes Nebenorgan schäd-
lich überzuwirken , und bis wie weit in solchen Fällen
unseren optischen Mitteln noch eine Verderben abwendende
Kraft beizumessen sei. Indem ich eine näher eingehende
Beantwortung dieser in vielen Beziehungen schwierigen
Frage einem anderen Orte vorbehalte, kann ich dieselbe
hier und für jetzt nur andeutend berühren.
Schliesst man einem Menschen, der ein fast erblin-
detes linkes und ein gesundes rechtes Auge hat, das
gesunde dauernd vor jedem Lichtstrahle ab, und experi-
mentirt man nur mit dem erblindenden: so verräth das
letztere bekanntlich in vielen Fällen keinen Orts -Sinn
mehr, oft kaum noch einen Licht-Sinn. Dem Kranken
238 Grenze der Licht -Therapie.
ist es ziemlich gleichgeltend, ob man Sonnenstrahlen in
seine Pupille treten lässt, oder nicht. Schwache Schwin-
gungen der optischen Nervenfaser mögen nach unseren
heutigen Ansichten noch von den die Netzhaut treffen-
den Lichtstrahlen in Bewegung gesetzt werden; doch
gleichviel bis zu welcher Tiefe, sie kommen kaum mehr
zur Perception und verschwinden fruchtlos auf ihrem
Wege zum Centrum — dem Gehirn — , welchem zur Zeit
des Experiments auch von der rechten Seite her jegliche
Erregung (Erhellung) fern gehalten wird.
Eine Erfahrung von ganz anderer Natur tritt da-
gegen hervor, wenn man umgekehrt das gesunde Auge
absichtlich in Thätigkeit setzt und die Wirkungen er-
forscht, die in dieser Thätigkeit sich äussern, sobald man
nebenbei das fast erblindete Auge bald schliesst bald
wieder öffnet. Bei genauem Aufmerken verspürt der
Kranke vom Oeffnen und Schliessen seines fast erblin-
deten Auges zweifellos einen centralen Erfolg, und zwar
vom Schliessen eine günstige Veränderung und ein klare-
res Hervortreten kleiner Sehobjecte. Nur darf der Ver-
such nicht zu lange hintereinander fortgesetzt werden.
Die ohnehin schwache Wahrnehmung erschöpft sich bei
Wiederholungen immer mehr. Und darin liegt nichts
Auffälliges, sondern im Gegentheil etwas das subjective
Gefühl des Kranken Bestätigendes, welches auch den
Erfahrungen analog ist, die wir bei der experimentalen
Erforschung der die Ferne gebenden Kraft des abge-
schatteten blauen Lichtes (s. Seite 143) gemacht haben.
Die von der linken Seite her, und wenn auch noch
so schwach, central sich bewegenden Schwingungen
mischen sich beim Bedecken des vermeintlich schon
Grenze der Licht -Therapie. 239
gleichgültig gewordenen Organs durch ein tief blaues
Glas nicht mehr störend in die Schwingungen des sehen-
den Auges ein, und eine sensorielle Beruhigung thut
sich kund, unter deren längerer Einwirkung Schmerzen
sich stillen und Unheil verkündende Licht- und Farben-
Erscheinungen sich mindern und schliesslich aufhören.
Zwischen der letzten Spur sensorieller Thätigkeit
und zwischen absoluter Unthätigkeit liegt keine scharf
gezogene Linie. Indessen auf und dicht vor der frag-
lichen Grenze belinden sich viele Gesichtsleidende, deren
eines noch gesunde Auge von dem anderen vermeintlich
amaurotischen unverkennbar angefeindet und bei man-
gelnder Hülfe gefährlich niedergezogen wird, so dass
die Kranken sich sogar bereit finden lassen, das schäd-
liche Organ zu opfern. Doch um wie viel höher steht
die Kunst, wenn sie dieses letzten Opfers nicht bedarf!
-0*0-
Erklärung der Tafeln.
Tafel I.
Fig. 1. Das Farbenspectrum, wie es sich zeigt, wenn man
ein Bündel Sonnenstrahlen einfach durch ein Prisma
zerlegt.
Fig. 2. Das Farbenspectrum, wie es von vier schwarzen
Absorbtions-Streifen verändert wird, wenn man die
Strahlen durch kobaltblaues Glas leitet, und
dann erst durch das Prisma zerlegen lässt (s. S. 29).
Fig. 3. Das Farbenspectrum, wie es noch mehr (durch Aus-
löschen seiner weniger brechbaren Hälfte) verändert
wird, wenn man die Strahlen durch eine wässrige
Lösung des schwefelsauren Kupferoxyd-
Ammoniaks treten lässt.
Fig. 4. Das Farbenspectrum, wie es annäherungsweise auf
ein homogenes Blau beschränkt wird, wenn man die
Strahlen durch eine Lösung des Berlin er blau in
Oxalsäure treten lässt.
Tafel IL
Die Tafel IL vergegenwärtigt die VI blauen Nuancen, wie
dieselben für die Behandlung kranker undschwacher
Augen durch farbiges Licht verwendet und mittels
chemischer Lösungen festgestellt worden (s. S. 36).
Die in je zwei Brillengläser gelegten Nuancen dienen zur
Behandlung der binocularen Combinations-Störungen.
Das schwächere Auge erhält zu seiner grösseren
Bethä+igung das dunklere Glas (s. S. 45).
Die Brillen-Gestelle sind mit einer solchen Brücke versehen,
dass man nach der Individualität des Falles durch
Umkehren der Brille beliebig das dunklere Glas
rechts oder links verwenden kann.
Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.
Tfif. I
Taf.U.
,